Kollateralschaden in der Kunst: Auf und hinter der Bühne

Klaus Dörr ist als Intendant der Volksbühne Berlin zurückgetreten. Die Kunst kann ein Haus nicht vor dem Fehlverhalten im Betrieb schützen.

Zwei Schauspieler mit Masken, er liegt auf dem Schreibtisch mit ausgebreiteten Armen, sie liegt darunter

Szene aus der Inszenierung der „Metamorphosen“ von Claudia Bauer an der Volksbühne Foto: Julian Röder

Dass Klaus Dörr, der Interimsintendant der Volksbühne, wenige Tage, nachdem die taz Vorwürfe der Übergriffigkeit gegen ihn in der Wochenendausgabe erhoben hatte, zurücktrat, bringt auch Erleichterung. Die Volksbühne ist seit der Berufung von Chris Dercon als Intendant und seinem Rücktritt 2018 nach wenigen Monaten, in denen er sein Konzept gegen den öffentlichen Gegenwind nicht erfolgreich verteidigen konnte, ein gebeuteltes Theater. Es ist gut, dass ihr nun keine längere Hängepartie bevorsteht.

Auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, an dessen Haus die Untersuchung der Vorwürfe noch nicht abgeschlossen ist, gewinnt mit dieser schnellen Entscheidung.

Von männlicher Macht, sexualisierter Gewalt und Übergriffigkeit erzählte an der Volksbühne eines der wenigen Stücke, die im Februar als Premiere online herauskamen, die „Metamorphosen“ nach Ovid von der Regisseurin Claudia Bauer. Während der Text mit großer Emphathie von der Jagd der Götter auf junge Frauen und Nymphen berichtete, die sich eben nur mit einer Verwandlung in Pflanzen oder Tiere retten konnten, sah man auf der Bildebene eher Szenen aus einem Arbeitsalltag, von männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen, die bedrängt wurden.

Schlechtes Betriebsklima, überall

Ein Machtspiel zwischen den Geschlechtern und der Machtmissbrauch, sei er göttlich und menschlich, war in vielen Szenen gegenwärtig. Sozusagen ein schlechtes Betriebsklima, überall.

Es geht jetzt nicht darum, die Inszenierung rückblickend zu einem Kommentar zum Arbeitsklima an der Berliner Volksbühne selbst hochzustilisieren. Das Stück sprach viel allgemeiner über gesellschaftliche Verhältnisse. Vielmehr kann diese Koinzidenz davon erzählen, dass der kritische Blick, den die Künst­le­r:in­nen am Theater auf Gegenwart und Geschichte werfen, die Institution Theater und seine Betriebsstrukturen nicht vor Machtmissbrauch und Verfehlungen am eigenen Haus schützt. Das nagt an der Glaubwürdigkeit der Kunst, ein Kollateralschaden neben den realen Verletzungen.

Das ist jetzt keine sehr originelle Erkenntnis. Sie auszusprechen ist aber doch ein Bedürfnis in dem Moment, in dem der konkrete MeToo-Fall an der Volksbühne ein düsteres Schlaglicht auf die ganze Branche des Thea­ters wirft.

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