Kirchentags-Chefin über Politprominenz

„Hausverbote haben wir nicht“

Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Kirchentags, über Parteiprominenz, den Besuch der Bundeskanzlerin und die bildungsbürgerliche Mitte.

„Politiker sind keine Maschinen, sondern Menschen mit bestimmten Überzeugungen“, findet Kirchentagschefin Ellen Ueberschär. Bild: dpa

taz: Fällt Ihnen ein Politiker ein, der die Einladung zum Kirchentag abgelehnt hätte?

Ellen Ueberschär: Das gibt es natürlich. Wir haben Ablehnungen aus Termingründen und solche aus inhaltlichen Gründen, weil man zu bestimmten Themen nicht Stellung nehmen möchte. Aber in der Regel möchten Politikerinnen und Politiker für ihre Politik werben. Insofern halten sich die Absagen in Grenzen.

Wer war der letzte, der „Nein, danke“ hat?

Das kann man schlecht sagen. Wir fragen die Gründe nicht ab, wir machen ja keine Gewissensprüfung. Wenn wir auf das Ganze gucken, haben wir nach dem Parteienproporz eine gute Beteiligung der Politikerinnen und Politiker. Die schützt auch ein bisschen davor, eine Wahlkampfveranstaltung für eine bestimmte Partei zu werden. Das Interessante ist ja, dass Sie im linken Spektrum, selbst in der Linkspartei, Menschen haben, die sagen: Ja, der christliche Glaube ist eine Quelle für mein politisches Handeln. Solche Leute haben Sie bei den Parteien mit dem C sowieso, aber die haben Sie auch in der SPD. Und daraus entsteht eine interessante Debatte: Welche Schlussfolgerungen ziehe ich aus der Nachfolge Jesu Christi? Was für ein Gerechtigkeitsbegriff folgt daraus?

In der FDP scheint es weniger solcher Leute zu geben.

Das hängt damit zusammen, dass die FDP jetzt ihren Parteitag hat. Wir haben sehr früh mit der Partei gesprochen und uns wurde gesagt, dass die Termine kollidieren.

45, ist seit 2006 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Gibt es einen Parteienproporz für die Podien?

Es gibt keinen Proporz, den wir zahlenmäßig genau aufschlüsseln, aber natürlich ist es für jede Veranstaltung wichtig, das gesamte politische Spektrum zu hören. Das verantwortet jede einzelne der – autonomen – Vorbereitungsgruppen selbst.

Laufen hier nicht zwei Erwartungshaltungen aneinander vorbei? Die Kirchentagsleute wollen annehmen, dass Glaube und Kirche für die Politik relevant seien. Währenddessen freuen sich die Politiker auf ein bildungsbürgerliches Publikum, das Angela Merkel und Peer Steinbrück gleichermaßen beklatscht.

Das glaube ich nicht. Politiker sind keine Maschinen, sondern Menschen mit bestimmten Überzeugungen, die auf der Suche danach sind, was die Gesellschaft voranbringt – zumindest die allermeisten. Einen Resonanzraum wie den Kirchentag finden sie ja kaum. Hier kann man auch mal nachdenken, jenseits von Wahlkampfthemen und Partei-Interessenskollisionen. Und Leute, die ich für gute Politiker halte, probieren mal eine These aus. Inwieweit sich das in konkrete Politik umsetzt, liegt natürlich nicht in unserer Hand.

Trotzdem, wenn man das Programm liest, ist da eine gewisser links-liberaler Drall.

Bei den Anfragen hält es sich die Waage. Wer zusagt und den Kirchentag als Ort für sich nutzt, ist noch einmal eine andere Frage. Ich beobachte, dass sich das politische Spektrum in Deutschland verändert und damit auch der Kirchentag: Eine gewisse bildungsbürgerliche Mitte ist stark präsent und damit auch das entsprechende politische Spektrum. Aber es geht auch ins Konservativ-Liberale. Die Zeiten, wo man den Kirchentag auf das Links-Liberale reduzieren konnte, sind vorbei.

Angela Merkel war Gast auf dem Kirchentagspodium. Schmückt man sich jetzt mit der Kanzlerin?

Leute wie Sven Giegold oder Katrin Göring-Eckardt waren auf dem Kirchentag lange bevor ein Mensch wusste, dass sie überhaupt Politik machen. Insofern ist das kein Einsammeln von Lorbeeren, die andere gesät haben.

Laden sich Politiker auch selbst ein?

Ja, aber wir haben unsere Prinzipien. Es gibt ehrenamtliche Projektleitungen, die vom Präsidium eingesetzt werden. Und wenn von dieser Stelle aus gesagt wird: Wir wollen aber diese oder jene Person und nicht den Politiker, der glaubt, etwas dazu zu sagen haben, dann ist das so. Das ist für uns manchmal schwierig zu erklären. Da machen wir uns nicht immer nur Freunde.

Hat die Kirchentagsleitung schon einmal gesagt: „Den laden wir nie wieder ein?“

Da der Kirchentag nur alle zwei Jahre ist, gibt es immer einen Kirchentag in der Wahlkampfzeit und einen in der Legislaturperiode. Insofern sind die Interessenkonstellationen immer andere. Jemand, der wirklich auf Wahlkampf eingestellt ist, ist vielleicht beim nächsten Mal sachbezogen oder gar nicht mehr da. Aber es gibt keine Hausverbote.

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