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Kinotipp der WocheSeherwartungen durchpusten

Das Fracto Festival feiert den experimentellen Film und seine Bildströme. Dieses Jahr im Fokus: das Werk der ungarischen Filmemacherin Dóra Maurer.

Am neugierigen Blick einer Kuh führt der Weg vorbei zur Geborgenheit. Der französische Regisseur Adrien Charmot. Das Licht- und Schattenspiel auf einer Blumenvase vor einem Bücherregal etabliert den gemächlichen Fluss der Zeit im Haus der Familie des Filmemachers. Tische werden gedeckt, das Land um das Haus bestellt. In allen Verrichtungen, in den Berührungen der Menschen untereinander wird Vertrautheit spürbar. Ausschnitte aus alten Filmaufnahmen und Fotos unterlegen die Gegenwart mit Geschichte. Charmots „The House by the River“ ist Film gewordene Geborgenheit.

Der Film ist Teil des ersten Programms der diesjährigen Auswahl an Experimentalfilmen mit dem am Donnerstag (22. 5.) im Berliner Kunsthaus Acud die achte Ausgabe der Fracto Experimentalfilmbegegnungen beginnt. Das Festival präsentiert 25 Filme in fünf Kurzfilmprogrammen, ergänzt um ein Focusprogramm zu der ungarischen Filmemacherin Dóra Maurer. Begleitet wird das Festival von einem exquisiten dreitägigen Workshop, der den Teilnehmer_innen Grundlagen experimenteller Animation vermittelt.

Film spielt in Maurers künstlerischem Werk seit den 1970er Jahren eine Rolle, als sie in „Angelernte Unwillkürliche Bewegungen“ Variationen alltäglicher Handgriffe wie das Haar hinter das Ohr zu streichen untersuchte. Spätere Filme griffen filmische Gestaltungsmittel wie optische Täuschungen auf oder verbanden diese mit Handgriffen aus der Hausarbeit, so fungiert in „Timing“ das Falten eines Lakens als Maßeinheit für Zeit.

Die US-Künstlerin Cherlyn Hsing-Hsin Liu verbindet in ihren Arbeiten experimentelle Literatur mit verschiedenen Medien. In ihrem Film „I Carry the Universe with Me“, der als Teil der „Selection #2: Talking of A Land“ am Freitag (23. 5.) Weltpremiere feiert, gliedern Texteinblendungen Footage aus der Vergangenheit und Gegenwart von Kalifornien. Die Texte stammen teilweise von einer Software zur Bilderkennung und zeugen von einem erfreulich dadaistischen Verhältnis zur Realität.

Das Filmfestival

Fracto: Experimental Film Encounter, 22.–25. Mai, Acud Kunsthaus, Veteranenstraße 21; Hinweis: Tickets nur online erhältlich

Sonntagabend (25. 5.) steht dann im Rahmen des letzten Programms der diesjährigen Selection endlich, endlich auch die Deutschlandpremiere von Siegfried A. Frühaufs „Mare Imbrium“ an. Eine Figur aus weißen Lichtsignalen scheint vor dunklem Hintergrund auf der Leinwand zu tanzen. Ihr gesellen sich weitere Figuren hinzu bis sich schließlich zu einem lauter werdenden Knistern die Tanzfläche der Leinwand mit Lichtpartikeln füllt.

Frühaufs neuster Film sind zwölf Minuten Hommage an den Mond, benannt ist der Film nach einer Lava-Landschaft auf einem der Krater des Mondes. Frühaufs Film konstruiert aus den Reflexionen des Monds im Wasser, aus Lichtpunkten, Lichtschlieren und schließlich aus fast malerischen Strukturen einen Film, dem man sich vom ersten Moment an anvertraut und der im Nachhall ein Meer von Fragen aufwirft – grundlegende nach der menschlichen Wahrnehmung, nach Licht in Raum und Zeit ebenso wie filmische zur Strukturierung solcher scheinbar abstrakten Filme und zum Verhältnis von Bild und Ton.

tazplan

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Auch in diesem Jahr holt Fracto experimentelle Filme nach Berlin, die sonst in dieser Konzentration nur selten sichtbar sind und bietet die Gelegenheit, unsere filmischen Seherwartungen einmal ordentlich durchzupusten. Das Festival ist eine Einladung, sich für den wahren Reichtum filmischer Formen zu öffnen, der sich jenseits des Diktats der Narration eröffnet, und sich Bildströmen anzuvertrauen, ohne immer schon vorab zu wissen, wohin sie einen als Zuschauer_in tragen.

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