Kinotechnik-Sammlung in Löningen

Hollywood an der Hase

Weil ein HNO-Arzt Filmprojektoren und anderes Gerät sammelte, gibt es heute in der niedersächsischen Provinz eine beachtliche kinotechnische Sammlung.

Ein historisches Daumenkino.

Auch Daumenkino ist Kino – und Bestandteil der kinotechnischen Sammlung in Löningen Foto: Christian Behrens

LÖNINGEN taz | Nein, ein Museum ist es nicht: Das ist Josef Anneken wichtig. Und doch: Wer die „kinotechnische Sammlung Dr. Heinz Dobelmann“kennt, spricht gerne von einem „Kinomuseum“, das es dort gebe, in Löningen, Kreis Cloppenburg, einer Stadt mit rund 14.000 EinwohnerInnen. Anneken war lange bei der örtlichen Sparkasse, hat schon viele Ehrenämter bekleidet und ist heute ist einer von rund 20 LöningerInnen, die sich ehrenamtlich um die Sammlung kümmern. Das heißt: den Betrieb organisieren, an der Kasse sitzen, Führungen veranstalten, aber auch Kaffee kochen und Kuchen backen.

Auf 450 Quadratmetern sind in einem Ladengeschäft in der Innenstadt Filmprojektoren und andere technische Geräte ausgestellt – man könnte auch sagen: abgestellt. Ein „richtiges“ Museum soll da­raus irgendwann mal werden, geht es nach den UnterstützerInnen: In ein bis zwei Jahren will man aus Fördergeldern einen Kurator oder Museumspädagogen bezahlen, der dann ein Konzept erarbeitet und auch umsetzt. Schon jetzt aber kommen im Jahr rund 2.000 Menschen zu Besuch.

Wie kommt nun der anerkannte Erholungsort Löningen, in eigenen Worten „ein kleines Stück heile Welt“, zu so einer Sammlung, nach Aussage von KennerInnen einmalig in Europa? Das liegt an Heinz Dobelmann, Hals-, Nasen-, Ohrenarzt. Von 1982 bis zu seinem Tod im Jahr 1996 hat er die kinotechnischen Geräte gesammelt, meist Projektoren, also durchaus schwere Maschinen. Wohnung und Praxis waren irgendwann voll gestellt mit diesen Apparaten, deren schwerster immerhin 450 Kilogramm wiegt. Dobelmann baute eigens eine Hütte in den heimischen Garten, die er bald angefüllt hatte, so wie schon den Dachboden eines Stalls.

Die Sternstunde des Sammlers dürfte 1988 geschlagen haben. Da besuchte TV-Moderator Rudi Carrell mit seiner Show „Lass Dich überraschen“ Dobelmann zuhause, und in dessen privatem Kinosaal kam es zu einer echten Deutschlandpremiere: Man zeigte Robert Zemeckis’ das alte Hollywood feiernden Animations-Realfilm-Mix „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, und das mitsamt Stargästen wie Maria Schell und Hans-Jörg Felmy.

Lokalpatriotismus als Antrieb

Als 1996, nach dem Tod Heinz Dobelmanns, die Gefahr bestand, dass sie den Ort verlassen könnten, regte sich ein gewisser Lokalpatriotismus: Einige LöningerInnen gründeten einen Verein mit dem Ziel, die Geräte am Ort zu halten. Umso bemerkenswerter, als unter diesen InitiatorInnen nicht eine/r cineastisch oder sonst wie besonders am Thema Kino interessiert war.

2009 dann übernahm der Verein die Sammlung ganz, und die wurde, sagt Anneken, erst einmal „eingemottet“: Fünf Menschen waren 14 Tage lang damit beschäftigt, all die Gerätschaften aus den diversen Immobilien der Familie Dobelmann in Lagerräume zu verfrachten – 80 Projektoren, dazu über 400 kleinere Objekte; insgesamt bewegte man rund 1.000 Stücke. Dafür suchte man nach Räumlichkeiten, um wenigstens einen Teil auch ausstellen zu können. Unter Mithilfe der Stadt konnte der Verein ein ehemaliges Textilgeschäft anmieten, in dem seit 2013 nun etwa die Hälfte der Bestände zu sehen ist.

Ungefähr 15.000 BesucherInnen hat die Sammlung inzwischen gehabt. Finanziert werden ihre Aktivitäten heute zu einem Drittel durch die Stadt: Sie zahlt unter anderem die Ladenmiete; ein weiteres Drittel sind Spenden, das dritte erwirtschaftet der Verein im laufenden Betrieb: Er bietet Führungen an, und jeden Donnerstag auch Kaffee und Kuchen. Für Gruppen werden auf Bestellung sogar Frühstück, Brunch und deftige Suppen angeboten, und das kleine Kino mit 26 Sitzplätzen wird vermietet: Denn auch Filme hat Dobelmann gesammelt, mehr als 1.200 Kopien lagern in der Sammlung – bloß hat der Verein nicht die Rechte für ihre kommerzielle Nutzung. Die Folge. Vorführen kann man ausschließlich bei geschlossener Gesellschaft. Einer der Favoriten: „Die Feuerzangenbowle.“

Das Spektrum der Dobelmann’schen Objekte reicht vom erotischen Daumenkino aus den 20er-Jahren über einen Eintrittskarten-Spender aus den 50ern – Erwerbslose und Kriegsversehrte 50 Pfennig – bis hin zu einem Pianola: ein mechanischer Apparat, der selbsttätig das Instrument spielte, etwa zur Begleitung von Stummfilmen. Doch vor allem hatte Dobelmann eben doch Projektoren gesammelt, der älteste ist aus dem Jahr 1914, der jüngste ein 70mm-Projektor aus der DDR.

Kinotechnische Sammlung Dr. Heinz Dobelmann, Langenstraße 21, Löningen, www.historische-kinotechnik.de

Das wohl wertvollste Stück ist ein Mechau-Projektor, nach dem Tüftler Emil Mechau: Er arbeitet nach einem anderen Prinzip als die allermeisten anderen Geräte und sieht auch anders aus; Mechaus Entwicklung spielt den Film kontinuierlich ab, nicht ruckartig, was das Material schonte. Aber diese Technik setzte sich nicht durch, es gibt heute nur noch vier Exemplare – und das einzig funktionsfähige steht in Löningen.

Genau genommen fehlt in der Sammlung ein Projektor, wie sie bis in die 90er-Jahre entwickelt und dann in Multiplex-Kinos eingesetzt wurden. Bei diesem Typ liegen die Filmkopien auf großen Tellern, der Film wird auf Rollen über viele Meter und Etagen transportiert – und kann in mehreren Sälen gleichzeitig gezeigt werden. Insofern repräsentiert die Sammlung nicht die abgeschlossene Geschichte von 120 Jahren analoger Kinotechnik. Auch Anneken sagt, es fehlten einige Geräte, etwa aus den 30er-Jahren. Finanziert durch Fördergelder, ist im Frühjahr die Inventarisierung abgeschlossen worden, und so könnten bald einige mehrfach vorhandene Stücke gegen fehlende eingetauscht werden. Es wird also weiter gesammelt.

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