Video der Woche

Daumenkino deluxe

Flip-Books feiern dank digitaler Videotechnik derzeit ein Revival. Der Unterschied zum klassischen Daumenkino sind zusätzliche Dimensionen, die durch simples Falten erzeugt werden.

Nur vier von den Hunderten der Bilder, die für ein Flipbook nötig sind. Bild: screenshot vimeo

Videos haben im Web noch immer Hochkonjunktur. Neben Clips und Podcasts bietet sich ein weites Sammelbecken an, das es ermöglicht Fotografie und Video zu verschmelzen. Eine Möglichkeit, die schon über ein Jahrhundert alt ist, sollte der Zeichentrick sein. Einzelne Zeichnungen werden in einem Zeitverlauf von mindestens 16 Bildern pro Sekunde abgespielt, um eine relativ flüssige Bewegung zu erzeugen.

Doch schon davor war es ohne moderne Filmtechnik möglich, rein analog eine Bewegung zu simulieren: Das Daumenkino war in vielen Kinderzimmern im 20. Jahrhundert die erste Möglichkeit, als Kind seinen eigenen kleinen Film anzufertigen. Die Faszination am "hands on" bleibt auch im Zeitalter der Digitaltechnik bestehen, den vor allem Erwachsene zwischen Daumenkino und Zeichentrick ausreizen.

Stop-Motion nennt sich das Prinzip, nachdem Videos mit einer niedrigen Frequenz an Bildern pro Sekunde konzipiert werden. Das Gefühl eines Films im Zeitraffer wird verbunden mit der Ästhetik von einzelnen, für sich stehenden Bildern. Bekannt wurde das Verfahren vor allem durch Lego-Clips, in denen bekannte Filme nachgespielt oder zu Satiren umgeschrieben wurden.

Eine Besonderheit stellen Flip-Book-Videos her, die nach dem Prinzip des Faltens aus dem Daumenkino eine Bewegung erzeugen. Dank Digitaltechnik und den günstig verfügbaren Kameras ist es für viele Hobby-Künstler einfach möglich, ihr Faltwerk einem internationalen Publikum zu zeigen. Innerhalb des Genres entwickelte sich der Anspruch einer weiteren Dimension, um die Grenzen des Buches zu überwinden und neben der Zeitachse eine Bewegung über eine große Fläche zu ermöglichen.

Der Aufwand für die Hybriden zwischen Zeichentrick und Daumenkino ist sowohl für Laien als auch den Profi immens. Bei der Konzeption muss vor und nach jedem Falten beachtet werden, wie von einer Szene zur nächsten gelangt werden kann. Gerade lange Sequenzen verleiten schnell dazu, die Handlung mit einem Bild zu pausieren und mit einem Kameraschwenk einen neuen Akt zu beginnen.

Auch die Grenzen der Linearität können gesprengt werden, wenn das Flip-Book in einer Schleife gestaltet wird, wie im zweiten hier vorgestellten Clip. Mit der Möglichkeit die Kamera zu drehen, kann eine Bewegung durch simples Kamera-Drehen in alle Richtungen auf dem Papier verlaufen, ohne die Bewegungsrichtung im Video zu ändern. Dies bei der Konzeption des Werkes zu beachten, stellt die Königsdisziplin dar.

Auf diesem Weg kann das Flip-Book schnell eine Größe annehmen, die schon das eigene Wohnzimmer für die Premiere zu klein erscheinen lässt. Jede Bewegung entspricht in der Regel einer neuen Zeichnung und ebenfalls einem Falten. Versucht man dazu noch, die Frequenz von 16 Bildern pro Sekunde auf einem Zeitraum von einer Minute zu realisieren, grenzt das nötige, kombinatorische Denkvermögen schnell an dem eines erfolgreichen Schachspielers. Nicht zu vergessen, dass für einen weiteren Durchgang wieder alles zurückgefaltet werden muss …

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben