Kinopremiere im Internet: Aufgeben gilt nicht

Wegen geschlossener Kinos verlegte die Hamburger Produktionsfirma „Filmtank“ die Premiere ihres Dokumentarfilms „Master of Disaster“ ins Internet.

Feuerwehrleute stehen um einen umgestürzten Bus

Szene aus dem Dokumentarfilm „Master of Desaster“: Eine Katastrophenübung der Feuerwehr Foto: Filmtank Audience

BREMEN taz | Etwa zehn neue Filme kommen pro Woche in die deutschen Kinos. Besser gesagt: Sie kamen, bis zum Virus und dem großen Shutdown – jetzt fallen alle Neustarts erst mal aus. Ein Desaster für die Kinos und für die Verleihfirmen. Filme werden auf unbestimmte Zeit nur zu Hause angesehen, Streaminganbieter wie Netflix zählen zu den wenigen großen Gewinnern der derzeitigen Lage.

Für Donnerstag vergangener Woche war auch die Kino­premiere des Dokumentarfilms „Master of Disaster“ geplant. Die nun einfach abzusagen mit unbestimmten Aussichten: Das war Thomas Tielsch zu wenig, dem Leiter der Produktionsfirma „Filmtank“ mit Sitz in Hamburg, die einige ihrer Filme auch selbst verleiht. Also hielt Tielsch fest am ursprünglichen Termin, – nur dass es statt einer Kino- eine Onlinepremiere werden sollte. So stellte Filmtank zum gleichen Datum den Film als Stream online, auf der Plattform „Kino on Demand“. Seit einigen Tagen ist die Katastrophen-Dokumentation zudem auch im On-Demand-Angebot des bekannten Dienstes „Vimeo“ zu sehen.

Kino on Demand, ein Kölner Dienstleister, führte bisher ein Schattendasein. Im Angebot finden sich überwiegend ältere Filme wie „Toni Erdmann“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“, die ihre Vermarktung in den Kinos – aber auch in anderen Kanälen – längst hinter sich haben. „Eine kuratierte Auswahl speziell für zu Hause“, so beschreibt es der Dienstleister selbst.

Diese Plattform für eine Online-Premiere zu nutzen, ist insofern eine Innovation, mit der Produzent Thielsch zwei Fliegen mit einer Klappe zu fangen hofft: „Kino on Demand“ hat sein Geschäftsmodell in Zusammenarbeit mit einer Reihe von Kinos entwickelt – „über 450“ seien es –, und diese werden an den Erlösen beteiligt. So kann ein Nutzer auf der Homepage der Plattform aus einer Liste ein Kino aussuchen, zum Beispiel in der eigenen Nachbarschaft, und sich den gewünschten Film dann sozusagen dort „ausleihen“.

Für die meisten Kinobetreiber scheint jeder Streamingdienst der Feind – sogar dann, wenn er ein Geschäftspartner ist

Im Fall von „Master of Disaster“ kostet das 9,99 Euro, die erwähnten älteren Titel sind günstiger. Was auf diesem Weg eingenommen wird, teilt sich die Plattform mit dem Verleih und dem jeweiligen Kino. Für Neukunden gibt es zudem einen Gutschein über fünf Euro, der im gewählten Kino bei Kauf einer Kinokarte eingelöst werden kann – wenn es irgendwann wieder geöffnet ist. Bestandskunden erhalten auch solch einen Gutschein, und zwar für je fünf hier gestreamte (und bezahlte) Filme.

Vor diesem Hintergrund hoffte Thielsch, auch die Kinomacher hätten ein Interesse daran, etwa auf ihren Homepages für die Online-Premiere seines Films zu werben. Doch die Reaktionen waren enttäuschend. Für die meisten Kinobetreiber scheint derzeit noch jeder Streaming­dienst der Feind – sogar dann, wenn er ein Geschäftspartner ist.

Die erhoffte Werbung durch die Kinos blieb also weitgehend aus. Wichtig wäre sie aber auch deshalb gewesen, weil die gesamte Vorbereitung für den Kinostart aufgrund der Kinoschließungen ins Leere gelaufen ist. So eine Kampagne dauert drei bis vier Monate, es müssen etwa Trailer produziert, Plakate entworfen und gedruckt, Pressevorführungen organisiert werden. Da belaufen sich die Kosten selbst bei einem kleinen Film wie „Master of Disaster“ schnell auf fünfstellige Beträge.

Geplant war in diesem Fall eine Kinotour mit Vorab-Premieren in Städten wie Hamburg, Berlin und Köln. Und weil einen Schwerpunkt des Films die Arbeit freiwilliger Rettungskräfte bildet, sollte dieses potenzielle Publikum – 1,2 Millionen Mitglieder haben die Freiwilligen Feuerwehren in Deutschland – mit Sonderveranstaltungen gezielt angesprochen werden.

Mit der Online-Premiere war eine auch nur annähernde vergleichbare Aufmerksamkeit kaum zu erreichen, und die Klickzahlen am ersten Wochenende blieben dreistellig. Zumal die eigentlich parallel vorgesehene Veröffentlichung auf der bekannteren – aber nicht mit den Kinos verbandelten – Streamingplattform Vimeo erst am Montag dieser Woche gelang: Vimeo litt am Wochenende an Störungen in Folge von Überlastung. Inzwischen wird „Master of Disaster“ aber auch dort angeboten, und das zum etwas günstigeren Preis von 5,99 Euro.

Die Verluste, die eine ausgefallene Kinoauswertung mit sich bringt, wird „Filmtank“ kaum ausgleichen können. Aber wenigstens kann der Film in diesen Tagen, in die er so gut passt, tatsächlich angesehen werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

▶ Alle Grafiken

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de