Kindertheater in Dresden: In Hansis Rucksack ist nicht nur Süßes drin
In Dresden lädt das Stück „Schokolade“ des Kinder- und Jugendtheaters tjg auf eine fantastische Reise in die Vergangenheit des Kakaos ein.
Petra, Otchaly und ihr Bruder Jeff finden eine Tafel Schokolade. Als sie sie aufheben wollen, purzeln die drei Kinder, gespielt von Cecilia de la Jara, Adrienne Lejko und Tony Milano, über einen darum gebundenen roten Bindfaden gemeinsam mit dem Publikum ins Archiv des Kakaos. So beginnt am Dresdener Kinder- und Jugendtheater „tjg“ eine verzauberte Reise hinein in die verworrenen Pfade der Vergangenheit für Kinder ab acht Jahren.
Über dem Geschehen hängt schräg ein großer Spiegel, sodass das Publikum die Funde aus dem Archiv mit den Dreien untersuchen kann. Gleichzeitig lässt die Spiegelung den Fußboden zu einer weiteren Bühne werden. Auf ihrer Reise werden die Kinder nicht nur von ihrer Sehnsucht nach Schokolade geleitet, sondern auch vom magischen Geist von Frau Kakao.
Wie von Zauberhand erscheint sie als schwebende Kakaofrucht über den Köpfen der drei und spricht scheinbar aus dem Nichts zu ihnen. Daniil Shchapov, die Stimme von Frau Kakao, macht aus dem großen Spiegel eine optische Illusionstechnik des 19. Jahrhunderts: Pepper’s Ghost. Die verspiegelte Scheibe scheint zugleich transparent zu sein und öffnet wie im Traum den Blick auf einen weiteren Bühnenraum.
Auf der Bühne werden die Naturgesetze aufgehoben
Dort verlieren nicht nur die Regeln der Schwerkraft ihre Gültigkeit. Die Kinder treffen hier auf Geister von echten und erfundenen Wesen wie dem Schokoladen-Hansi – eine Dresdener Schokoladen-Werbeikone von 1895, dem spanischen Kolonisten Hernán Cortéz aus dem 15. Jahrhundert und dem Osterhasen.
Doch die Geschichte der heißgeliebten Süßigkeit beginnt auch im Stück viel früher: Kakao wächst ursprünglich in Mesoamerika und wurde, lange bevor Europäer:innen dort ankamen, schon von den Maya verzehrt. Auf einem riesigen Papierschiff machen sich die drei Kinder dann auf den Weg in die brasilianischen Mangroven-Wälder, einem wichtigen Knotenpunkt für den interkontinentalen Handel mit Kakao.
Zwischen den aus dem Salzwasser stakenden Wurzeln der Bäume wird es für Jeff kurz unheimlich, doch Petra und Otchaly kommen ihm schnell zu Hilfe. Ihr Weg führt weiter, über den Ozean gen „Schokoladenhauptstadt Dresden“. Als ein Sturm aufkommt, verwandeln sich die Kinder in Fische – so geht die Reise schneller und macht auch mehr Spaß.
In Dresden angekommen bewundern die drei den Elbstrand und Otchaly unterhält sich in der Gemäldegalerie neugierig mit dem namenlosen Schokoladenmädchen von Liotard. Doch ähnlich wie Hansi, und Cortéz möchte auch das Mädchen nichts von der Leckerei an die Kinder abgeben – eine ungerechte Gemeinheit, findet auch Frau Kakao. Schließlich ist Schokolade für alle da.
Ein gelungener Abend
Dem Regie-Trio gelingt es, historisch Inhalte in einer Weise zu thematisieren, die Kindern Ambivalenzen zutraut und mit Liebe zum Detail große Bögen spannt. Mit viel Einfühlung und Lust am spielerisch-fantastischen Erzählen weben die belgisch-beninische Künstlerin Pélagie Gbaguidi, der brasilianische Autor João V. Guimarães gemeinsam mit der künstlerischen Leitung des Puppentheaters, Petra Szemacha, eine Geschichte, die packend und lustig ist, ohne schwierige Themen auszusparen.
Der Rassismus auf Schoko-Sammelbildchen etwa wird klar benannt und kurz erklärt, ohne dass das Stück insgesamt an Leichtigkeit einbüßt. Das zeigen auch die Reaktionen des Publikums: Es wurde viel gekichert, gegluckst und gelacht. Mit der kunstvollen Verschränkung von optischen Täuschungen, live produzierter Musik und Masken gelingt ein aufregender Theaterabend für Groß und Klein.
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