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Unterwassererkundungen am KorallenriffKeine Termine und leicht einen Abschnorcheln

Unterwegs in der Südsee beschließt unsere Autorin zu schnorcheln. Und erlebt statt eines passiven Sports Meditation und komplette Auslastung zugleich.

Plötzlich ist da ein Rochen, mindestens zwei Meter groß oder so Foto: OceanPhoto/imago

S chwummrige Sicht, die Bewegungen sind schwerfällig, gedämpfte Geräusche in meinen Ohren. Nein, das ist keine drogeninduzierte Club-Erfahrung. Ich bin etwa zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche, vielleicht 15 Meter von einer Südseeinsel mit blendend weißem Strand entfernt, drei Meter über einem Korallenriff. Ich schnorchle.

Ein albernes Wort für eine magische Sportart. Unter mir: unzählige Fische, nervöse, schillernde und aufmüpfige. Zwei Seesterne, einer so groß wie mein Bauch. Textmarkerfarbene Muscheln, Korallen. Und dann plötzlich sehe ich einen Rochen, mindestens zwei Meter groß oder so. Statt ihn zu betrachten, schwimme ich aufgeregt zu mei­nem*r Tauch­part­ne­r*in und zeige wild gestikulieren (sofern das Unterwasser möglich ist) auf das Tier.

Keine Chance, ich drehe mich um, da ist es schon ungesehen entkommen. Keuchend schwimme ich weiter. Ich muss noch einen Tintenfisch sehen. Schnorcheln wirkt von außen wie ein passiver Sport. Maske auf, Gesicht ins Wasser, bisschen treiben. In Wirklichkeit ist es eine weirde Mischung aus Meditation und kompletter Auslastung. Man atmet bewusst, gleichmäßig durch ein Plastikrohr, während der Rest des Körpers versucht, nicht panisch zu werden, weil er eigentlich unter Wasser nichts verloren hat.

Elegant sieht das bei mir auch nicht aus, aber egal. Meine Taucherbrille sitzt nicht richtig. Sie saugt sich mal fest, dann läuft sie wieder voll. Der Leih-Schnorchel hängt schief im Mund, stößt gegen mein Piercing. Ich denke kurz darüber nach, wie viele Menschen auf dem Mundstück schon herumgekaut haben. Aber keine Zeit für sowas, ich habe eine neue Welt zu erkunden.

Nicht die einzigen Ur­lau­be­r*in­nen

Mein Herz hämmert, ich schlucke Salzwasser, meine Haut brennt. Ich bleibe stundenlang. Für umgerechnet sieben Euro am Tag haben wir uns das Equipment geliehen. Es gibt mittlerweile so einiges. Ganzgesichtsmasken etwa, bei denen der Schnorchel oben auf dem Kopf sitzt. Man sieht damit aus wie Dipsy von den „Teletubbies“.

Natürlich sind wir nicht die einzigen Urlauber*innen, die darauf gekommen sind, dass man hier gut tauchen kann. Zwei versuchen, möglichst tief herunterzutauchen. Andere bleiben nah am Ufer, obwohl man da überhaupt keine coolen Fische sehen kann. Wenigstens gibt es da aber auch noch keine Seeigel. Diese ekligen schwarzen Kugeln mit ihren viel zu langen Stacheln sind mein persönlicher Endgegner.

Eine aus der Gruppe steigt vor lauter Selbstvergessenheit unter Wasser auf das falsche Boot, die uns zur Tauchstelle gebracht haben. Ich kann sie verstehen. Meine Tauchobsession hatte ich lang vergessen, aber sie gibt es nicht erst seit gestern. Als ich einmal als Kind am Gardasee Urlaub machte, bekam ich eine türkisfarbene Taucherbrille geschenkt. Es gab nicht viel zu sehen, wenn man Glück hatte mal eine Süßwasser-Forelle.

Ich hatte mal Pech und eine kleine Wasserschlange in der Hand. Meine Eltern mussten sich so einiges ausdenken, um mich – Hauttyp Mozzarella – zu einer gesunden Zeit aus dem Wasser zu bekommen. Zitroneneis hat geholfen. Noch heute weiß ich, wie sich die Brille in meine Augenhöhlen gesaugt hat.

Viele Korallen schon abgestorben

Und jetzt das hier; Schnorcheln im Paradies. Hinter jeder Koralle könnte eine neue Überraschung warten. Das macht süchtig. Aber ich glaube, selbst wenn ich nichts sehen würde, würde ich schnorcheln. Durch Seen, Flüsse, notfalls im Prinzenbad. Ich denke an den Overview-Effekt, den As­tro­nau­t*in­nen beschreiben: dieses plötzliche Begreifen, Teil von etwas Größerem zu sein, wenn sie zum ersten Mal den Planeten von oben sehen. Ich schaue nicht auf die Erde, sondern tiefer in sie hinein.

Später erzählt uns ein Taxifahrer, dass viele Korallen hier abgestorben sind, das Wasser wird zu warm. Man sieht es ja auch: zwischen den Farben diese grauen, bröseligen Flächen. Der Fakt, diese Welt vielleicht kein einziges Mal mehr in meinem Leben sehen zu können, weil sie langsam kaputtgeht, oder weil ich so schnell nicht nochmal so weit entfernt Urlaub machen kann, tut mir in der Brust weh.

Zugegeben, vielleicht kommt das auch etwas vom schnellen Atmen beim Schnorcheln.

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Ann-Kathrin Leclère
Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
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