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KommentarKein Grund zur Euphorie

■ Kosovo: Skepsis über Verhandlungslösung bleibt

Wer jetzt nach Belgrad reist, muß für beide Kriegsparteien akzeptable Vorschläge im Koffer haben, hat Wiktor Tschernomyrdin gestern gesagt – und er hat recht. Fragt sich nur, ob der russische Balkan-Beauftragte weiß, daß er damit die Quadratur des Kreises anmahnt.

Denn die Nato beherrscht den Luftraum über Jugoslawien; Miloevic' Polizei, jugoslawisches Militär und serbische Milizen sind unfraglich die Herren auf dem Boden im Kosovo. Beide fühlen sich angesichts dessen als Sieger – und sehen keine Notwendigkeit zum Kompromiß. Wer jetzt die Leiden der vertriebenen Kosovo-Albaner, die toten und verwundeten jugoslawischen Zivilisten und die sinnlose Zerstörung der serbischen Industrie anführt, übersieht, daß das Schicksal unbeteiligter Dritter in den Kriegen um Ex-Jugoslawien noch keine Kriegspartei interessiert hat.

Das gilt auch für das Kosovo – auch wenn dort einer der Kontrahenten vorgibt, für die hehren Werte des zivilisierten Westens zu stehen. In der Praxis sind tote Zivilisten für die Nato „Kollateralschäden“ – keineswegs ein Grund dafür, das Bomben seinzulassen. Wenn dem nicht so wäre, dann hätte das Bündnis nicht mit den Luftangriffen begonnen. Auf der anderen Seite der Linie steht ein Regime, dessen Repräsentanten nie einen Hehl daraus gemacht haben, daß sie die Kosovo-Albaner für Fremdkörper im jugoslawischen Staatsverband halten.

Deswegen hat Belgrad nicht etwa gestern oder im vergangenen Spätsommer, sondern vor zehn Jahren ein Apartheidsregime in der bis dahin autonomen Provinz errichtet, die albanischen Schulen geschlossen und jeden Widerstand gegen diese Politik brutal unterdrückt. Wenn die Miloevic-Clique dies jetzt ändern oder gar fremde Truppen zur Überwachung einer Kurskorrektur ins Land lassen wollte, dann hätte die jugoslawische Delegation auch gleich den Vertragsentwurf von Rambouillet unterschreiben können.

Die Fronten sind also nicht nur „verhärtet“, wie die Vermittler sagen – vielmehr beurteilen die Kriegsparteien die Lage auf dem Boden völlig unterschiedlich. Die vor seiner Abreise nach Belgrad geäußerte Warnung Tschernomyrdins, es bestehe „kein Grund zur Euphorie“, sollte also ernst genommen werden – die Wahrscheinlichkeit, daß die Vermittler in Belgrad ernsthaft etwas erreichen, ist nur gering. Rüdiger Rossig

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