Karriereende von Almuth Schult: Hadern im System
Mit Almuth Schult beendet eine der größten deutschen Fußballerinnen ihre Laufbahn. Sie kämpft wie kaum eine mit angemessener Wut für Veränderungen.
Almuth Schult muss manchmal verzweifelt sein am deutschen Fußball. An den bornierten und autoritären Altmännergremien, die sie oft kritisierte. Am verstaubten und undemokratischen DFB, der über Jahre Veränderung ausbremste und sich als Innovationsführer im europäischen Frauenfußball wähnte – auch noch, als England oder Spanien längst vorbeigezogen waren. Vielleicht aber ist Almuth Schult auch verzweifelt an ihrer eigenen, sehr angepassten Spielerinnengeneration. Denn die meisten deutschen Spitzenspielerinnen schweigen über Ungerechtigkeit im Fußball. Wer herausstach, war Almuth Schult.
Eine der ganz Großen beendet nun ihre Karriere. Und wie enorm die Strahlkraft von Almuth Schult war, lässt sich daran ablesen, dass Medien von der Bild-Zeitung („DFB-Legende“) bis zur FAZ der Torhüterin nun lange Würdigungen schreiben. Bei wie vielen Kickerinnen, darf man sich fragen, wäre das der Fall? Wer wirkt überhaupt in die deutsche Gesellschaft hinein? Dass nicht viele Namen einfallen, sagt ebenso viel über Schults Charakterstärke wie über das kulturelle Dilemma im deutschen Frauenfußball.
Almuth Schult war natürlich in erster Instanz eine große Torhüterin. Manchmal kann man das vergessen bei all den Nebenschauplätzen. Sie war beim VfL Wolfsburg ein Gesicht der erfolgreichsten Ära in der Klubgeschichte, hat die Champions League gewonnen, war Dauersiegerin in Meisterschaft und Pokal. Zeiten, auf die man heute in Wolfsburg sehnsuchtsvoll zurückschaut. Es war dieses Standing, das der Torhüterin überhaupt Aufmerksamkeit für ihre Positionen ermöglichte. Und half, dass man sich ihrer nicht so schnell entledigen konnte. Im Nationalteam wiederum hat Schult gar nicht so viele Turniere als Stammkraft absolviert. Ihr eigentliches Vermächtnis liegt außerhalb des Platzes.
Welle des Liberalfeminismus
Die Jahre ihrer Spitzenkarriere von 2013 bis 2024 waren eine Zeit enormer Veränderungen im globalen Fußball der Frauen, einer Welle des Liberalfeminismus. Spielerinnen weltweit streikten für bessere Bezahlung, erstritten vor Gericht Gleichbehandlung oder boykottierten wegen Missständen ihr Nationalteam, oft erfolgreich. In Deutschland dagegen hatte man oft den Eindruck, dass Spielerinnen und Funktionäre sich ganz gut eingerichtet hatten im Status quo. Almuth Schult hat immer mit der Innovationsfeindlichkeit gehadert. Ihre Mentalität ist eher US-amerikanisch, der US-Sport, den sie aus eigener Anschauung kennt, ihr großes Vorbild. „In Deutschland wird immer sehr schnell etwas negativ aufgefasst“, sagte sie der taz. Und: „Es ist schwieriger, als Einzelne etwas zu fordern […]. In den USA muss man keine Angst haben.“ Unter Trump ist das aber vielleicht nicht mehr ganz der Zeitgeist.
Besonders nach ihrer Mutterschaft wurde Schult mehr als Aktivistin denn als Fußballerin wahrgenommen. Für mehr Gleichberechtigung mit der Initiative „Fußball kann mehr“, für neue Mutterschutz-Regularien, als kluge TV-Kommentatorin. Sie hat eine Gabe, eloquent und direkt, mit angemessener Wut und zugleich sympathischer Bodenständigkeit zu sprechen. Eine Grundsatzkritikerin, gewiss, war sie nie. Schults Feminismus ist jener der neuen weiblichen Business-Elite, die sich keine Gedanken über Ausbeutung, Wachstumsideologie oder Hierarchien macht, sondern am Kapitalismus teilhaben will: innovativere Frauen an die Macht, mehr Geld für die Hochleistungsklasse. Ein Feminismus für alle war ihrer nie.
Kein Feminismus für alle
Aber einer, der im Leistungsfußball viel Anklang findet. Wie anstrengend die Kämpfe an vielen Fronten auch für sie waren, damit war sie entwaffnend ehrlich: „Der Weg zurück ist irre schwer und ich werde ihn nach dieser Schwangerschaft nicht mehr gehen“, sagte sie jüngst über ihre Doppelrolle als Spitzentorhüterin und Mutter.
Gerne, hatte man den Eindruck, würde Almuth Schult noch viel mehr sagen. Aber die Verhältnisse in Deutschland sind nicht so. Sie agiert, um eine Terminologie des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis zu bemühen, als Insiderin, nicht als Outsiderin. Als Teil der empfindlichen Branche muss sie einen diplomatischen Drahtseilakt gehen. Bisher gelingt er. Sportdirektorin Nia Künzer würde Schult gern beim DFB einbinden. Vielleicht hat man dort aus den Fehlern mit meinungsstarken Frauen wie Bibiana Steinhaus-Webb gelernt. Es wäre dem deutschen Frauenfußball zu wünschen.
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