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Kaffeewette für KältehilfeCharity als Armutszeugnis

Susanne Memarnia

Kommentar von

Susanne Memarnia

Viele regen sich auf, weil Kai Wegner die „Kaffeewette“ für die Obdachlosenhilfe verbieten wollte. Aber das Problem ist, dass sie überhaupt nötig ist.

Ein Obdachloser sitzt im Nachtcafe am Bahnhof Zoo, ein neues Projekt der Kältehilfe. Kaffee gibt es auf Spendenbasis Foto: Paul Zinken/dpa

E s ist schon merkwürdig: Die Welt scheint gerade (wieder einmal) auseinander zu brechen – und Berlin diskutiert über Kaffee. Der Tenor der letzten Tage war: Wie kann der Regierende Bürgermeister nur unsere „Kaffeewette“ verbieten und damit verhindern, dass Bür­ge­r:in­nen Gutes tun für die Obdachlosen in der Kältehilfe? Bei all der Empörung blieb eins allerdings merkwürdig unterbelichtet: die Tatsache nämlich, dass die Charity-Aktion – wie Wohltätigkeit so oft – zuallererst auf ein krasses Staatsversagen hinweist.

Denn wieso ist überhaupt eine Sponsoring-Aktion notwendig, damit Obdachlose im Winter eine Tasse Kaffee bekommen? Das liegt natürlich daran, dass die schiere Existenz der Kältehilfe ein politisches Armutszeugnis ist: Weil der Staat es nicht auf die Kette bekommt, Obdachlose vernünftig unterzubringen, springt jeden Winter seit 40 Jahren die Zivilgesellschaft in Form der Wohlfahrtsverbände und Kirchen ein. Die Politik erstattet ihnen zwar die gröbsten Kosten für die Übernachtungsplätze – aber schon beim Personal läuft nichts ohne Ehrenamt und Engagement.

Dass sich vor diesem Hintergrund Bezirke und Bezirksbürgermeister für ihre Wohltätigkeit feiern lassen, ist ein starkes Stück. Wenn Politik und Verwaltung ihre Arbeit machen würden, wäre der ganze Zirkus nicht nötig.

In jedem Bezirk, in dem mehr als 500 Päckchen Kaffee gesammelt werden, legen Berliner Unternehmer 2.500 Euro für die Kältehilfe des jeweiligen Bezirks obendrauf

Das heißt nicht, dass Bür­ge­r:in­nen nicht privat Gutes tun sollten – wer möchte, kann jederzeit der Kältehilfe spenden. Dafür braucht man auch keine „Kaffeewette“ zwischen Bezirken und privaten Unternehmern. Die darf nun übrigens doch stattfinden, verkündeten alle Bezirke am Montag gemeinsam. Ab sofort können Bür­ge­r:in­nen zwei Wochen lang Kaffee an Sammelstellen abgeben, und in jedem Bezirk, in dem mehr als 500 Päckchen gesammelt werden, legen Berliner Unternehmer 2.500 Euro für die Kältehilfe des jeweiligen Bezirks obendrauf.

Dass die Geschäftsleute damit kostenlose Werbung in Form von Erwähnungen in Berliner Zeitungen bekommen haben, versteht sich von selbst. Gleichzeitig betont der Reinickendorfer Unternehmer Michael Lind, der die Kaffeewette vor sechs Jahren initiierte, dass seine Wohltätigkeit nicht um der Werbung willen geschehe. Er unterstütze seit Jahren Geflüchtetenprojekte und eine Schule. „Ich mache solche Dinge von Herzen“, betonte er gegenüber der taz.

Dennoch waren die anfänglichen Bedenken der Senatskanzlei, die zuerst der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geäußert hatte, nämlich ob die Kaffeewette zwischen Bezirken und Unternehmen nicht gegen das Verbot der Vorteilnahme verstößt, grundsätzlich auch nicht ganz abwegig.

Doch in diesem Fall ist Korruption nicht wirklich das Problem, die Bezirke nehmen ja nicht selbst den Kaffee an oder das Geld. Eher möchte man sagen: Wenn die Politik schon nicht ihrer Aufgabe nachkommt, Obdachlosen ein Minimum an Zuwendung zu finanzieren, sollte sie wenigstens nicht ihre Bür­ge­r:in­nen daran hindern.

P.S. Der Kommentar wurde am 20.1. ergänzt um eine Stellungnahme des Unternehmers Michael Lind, der die Kaffeewette ins Leben gerufen hat.

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Susanne Memarnia
Redakteurin taz.Berlin
Ressortleiterin der Berlin-Redaktion, zusammen mit Erik Peter. Seit 2003 bei der taz, Themenschwerpunkte sind Migration, Soziales, Antirassismus.
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