Kämpfe um Berg-Karabach: Sirenen in Stepanakert

Die Hauptstadt der umkämpften Region Berg-Karabach wird erneut Ziel von Angriffen. Armenien wirft der Türkei vor, direkt an den Gefechten beteiligt zu sein.

Ein Soldat geht in der Nacht an einem brennenden Gebäude vorbei.

Die Hauptstadt Stepanakert nach aserbaidschanischem Beschuss Foto: Celestino Arce Lavin/zuma wire/dpa

STEPANAKERT/BAKU/JEREWAN afp/dpa | Die Hauptstadt der selbst ernannten Republik Berg-Karabach ist am Sonntag erneut Ziel von Angriffen geworden. Am Morgen heulten in Stepanakert Alarmsirenen, kurz danach wurde die Stadt von Explosionen erschüttert.

Die Bewohner suchten Zuflucht in Kellern und Unterständen, um sich vor den Angriffen in Sicherheit zu bringen. In der Nacht zum Sonntag brach in Stepanakert die Stromversorgung zusammen. Nach Angaben des örtlichen Außenministeriums hatten die aserbaidschanischen Angriffe „eine Einrichtung der Stromversorgung“ getroffen.

Zuvor hatte Armenien der Türkei vorgeworfen, an den Gefechten direkt beteiligt zu sein. „Es gibt 150 hochrangige türkische Offiziere, die die Militäroperationen Aserbaidschans leiten“, sagte der armenische Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan am Samstagabend in einer Ansprache an sein Volk. „Das Ausmaß der Offensive ist beispiellos.“ Zuvor hatte der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev gesagt, die Türkei als Verbündeter seines Landes sei nicht in den Konflikt verwickelt.

Am Wochenende gingen die Gefechte im Südkaukasus unvermindert weiter – trotz Appellen zu einer Waffenruhe. Es gebe Kämpfe über die gesamte Frontlinie hinweg, sagte Paschinjan. Laut armenischer Agentur Armenpress telefonierte er am Samstagabend zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und habe sie über die Beteiligung türkischer Militäroffiziere informiert.

Eroberung am strategisch wichtigen Stausee

Aliyev wiederum dankte am Abend in einem von seinem Büro veröffentlichten Brief dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für seine Unterstützung. Konkret verwies er darauf, dass die Türkei das Vorgehen Armeniens verurteile.

Aserbaidschan hatte am Abend erneut Geländegewinne für sich reklamiert. Der Präsident schrieb bei Twitter, dass die Ortschaft Madagisin von der Armee erobert worden sei. „Ich gebe dem befreiten Madagisin seinen historischen Name zurück – Suqovusan“, betonte das Staatsoberhaupt. Eine unabhängige Bestätigung für die Eroberung gab es nicht. Das Dorf befindet sich am strategisch wichtigen Sarsang-Stausee, der die Wasserzufuhr für den Fluss Terter in der östlich gelegenen Ebene kontrolliert.

Die Gefechte zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach waren vor einer Woche neu entbrannt; es sind die heftigsten Kämpfe seit 1994. In der Nacht zum Samstag wurden armenische Angriffe auf 19 aserbaidschanische Dörfer gemeldet, woraufhin die aserbaidschanische Seite einen „Gegenschlag“ angekündigt hatte.

Berichte über Opferzahlen sind unvollständig, beide Konfliktparteien sprechen von tausenden getöteten Kämpfern auf Seiten des Gegners.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan liefern sich seit Jahrzehnten einen erbitterten Konflikt um die Region im Südkaukasus, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de