KI, Digitalisierung und Gesellschaft : Das Problem Mensch
Die Gesellschaft ist das Problem der Digitalisierung, schreibt Soziologe Dirk Baecker in seinem neuen Buch. KIs sind soziale Akteure und bilden einen Widerspruch in der Gegenwart. Eine Buchrezension.
Foto: AP/Stephanie Strasburg
taz FUTURZWEI | Der soziologische Buchmarkt lebt von eingängigen Zeitdiagnosen. In regelmäßigen Abständen werden Pathologien der Moderne identifiziert – Beschleunigung, Angst, Singularisierung –, um am Ende verlässlich gesellschaftstherapeutische Vorschläge zu präsentieren.
Zwischen Problembeschreibung und Lösung klafft ein eigentümliches Komplexitätsgefälle. Die gute Nachricht bleibt jedoch: Wenn wir es wollten, könnten wir die liebgewonnene, meist in der Vergangenheit verortete Harmonie wiederherstellen.
Dirk Baeckers Buch gehört nicht zu jenem Genre von Soziologie. Sein primärer Impuls ist der des Verstehens. Eine „soziologische Aufklärung“, wie Niklas Luhmann es genannt hat, Baeckers Lehrer und der Vater der deutschen Systemtheorie. Gegenstand des Verstehens ist in Baeckers neuem Buch die Gegenwartsgesellschaft und die Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn sie sich digitalisiert.
Digitale Computer, analoge Gesellschaft
Dass Baecker den Titel seines Buches durchstreicht, ist keine typografische Spielerei, sondern Programm. Digitalisierung ist kein sauberer Übergang von einer analogen in eine digitale Welt. Computer arbeiten zwar digital, Gesellschaft jedoch nicht. Sie ist kontinuierlich, widersprüchlich, kontextabhängig und lässt sich nicht berechnen. Digitalisierung besteht daher nicht im Ersetzen des Analogen, sondern in der dauernden Übersetzungsarbeit zwischen Lebenswirklichkeit und Datenformaten. Deswegen ist die Digitalisierung für Baecker ein „analoges Phänomen“.
■ Das Buch
Dirk Baecker: Digitalisierung. Suhrkamp 2026 – 157 Seiten, 20,00 Euro.
Dirk Baecker untersucht in seiner Bestandsaufnahme der Digitalisierung im Lichte der KI, den Zusammenhang zwischen Digitalem und Gesellschaften. Der Blick des soziologischen Systemtheoretikers verschiebt die Perspektive auf digitale Phänomene.
■ Der Autor
Dirk Baecker, Jahrgang 1955, ist soziologischer Systemtheoretiker. Nach seinem Soziologie-Studium promovierte und habilitierte Baecker in Bielefeld bei seinem Mentor Niklas Luhmann. Er ist seit 1996 Professor, zunächst für Soziologie, anschließend für Kulturtheorie und -analyse. Seit 2022 ist Dirk Baecker Seniorprofessor für Organisations- und Gesellschaftstheorie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.
Sie bezeichnet eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeitsverarbeitung. Ausgangspunkt ist die Übersetzung analoger Sachverhalte in Daten. Dabei geht ein Teil verloren und ein anderer wird gewonnen: Verloren geht der konkrete Sinnzusammenhang, in dem Dinge in ihrer Umgebung Bedeutung erhalten, gewonnen wird ihre Berechenbarkeit. Was digital vorliegt, kann gespeichert, übertragen, verglichen und statistisch ausgewertet werden.
Die Welt erscheint dadurch weniger als erfahrbarer Zusammenhang, denn als analysierbarer Datenbestand, der sich in 0 und 1 zerlegen lässt.
Digitalisierung erscheint dabei als ein Prozess, an dem vier Systeme gleichzeitig beteiligt sind: Das technische System synchronisiert punktuell und flüchtig organische, psychische und soziale Systeme. Baecker übernimmt den Vorschlag Luhmanns, den Begriff der Digitalisierung als strukturelle Koppelung des Systems an seine Umwelt zu verstehen. Es kommt immer wieder darauf an das Zusammenspiel aller vier Systemreferenzen zu beobachten. Sein Buch kann als Versuch gedeutet werden, sich auf diese Idee einzulassen – mit allen Konsequenzen.
Begriffe im Fluss
Wer sich nämlich auf die eigenwillige Theoriesprache von soziologischer Systemtheorie, Kybernetik und mathematischen Formkalkül einlässt, gerät immer wieder ins Stocken.
Baecker selbst konstatiert, dass sich die Begrifflichkeiten – nicht nur in der digitalisierenden Gesellschaft, sondern auch bei ihm höchstpersönlich – im Fluss befinden. Paradoxe Sätze und weitausgreifende Bezüge durchziehen den Text.
Die sprachliche und argumentative Komplexität entspricht der Komplexität des Gegenstands. Der Leser sucht oft nach Halt, den er anhand von eingestreuten Beispielen auch teilweise findet. Der besondere Ertrag des Buches liegt darin, mit dem systemtheoretisch geschulten Blick Paradoxien sichtbar zu machen, die der konventionellen Beobachtung verborgen bleiben.
Besonders informativ ist Baeckers Sicht auf die gegenwärtige Phase der Digitalisierung, die durch den Einsatz von „Large Language Models“ (LLMs) geprägt ist. Was mit dem „KI-Schock“ des Jahres 2022 begann, hat zu einer beispiellosen Skalierung ihres Gebrauchs im Alltag geführt. Fast natürlich schaltet sich künstliche Intelligenz seit kurzer Zeit in soziale Interaktionen und Kommunikationsprozesse ein.
Durkheim statt Turing
Baecker weist darauf hin, dass die Mentalisierung und Humanisierung dieser „künstlichen“ Intelligenz am Kern des Phänomens vorbeigeht. Der Vergleich menschlicher mit künstlicher Intelligenz führt in die Irre. Die Erforschung neuronaler Netzwerke hätte längst gezeigt, dass wir es nicht mit einer Abwandlung menschlicher Intelligenz zu tun haben, sondern mit einer fremden Form von Intelligenz.
Pointiert formuliert Baecker daher, dass nicht mehr der berühmte „Turing-Test“ entscheidend sei, also die Frage, ob Maschinen denken können oder nicht. An seine Stelle tritt vielmehr ein „Durkheim-Test“: die Beobachtung nämlich, dass sich intelligente Maschinen selbstverständlich in soziale Kommunikation einschalten, Erwartungen erzeugen und Anschlussfähigkeit herstellen.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°37: Nachspielzeit.
Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum. Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..
In diesem Sinne werden sie zu Akteuren des Sozialen. Sie sind, wie einst Götter oder Naturgeister, Teil des sozialen Kosmos – ansprechbar, wirksam und präsent, ohne deshalb wirklich erreichbar und durchschaubar zu sein. Etwas, was die intelligente Maschine auch mit unserem menschlichen Gegenüber teilt. „Insofern“, schreibt Baecker, „ist die Kommunikation mit Rechnern von der Kommunikation mit Menschen objektiv, das heißt mit dem Blick auf die komplexe Konstitution des Gegenübers nicht zu unterscheiden.“
KIs als soziale Akteure
Hinzu kommt, dass diese Maschinen einen lernenden Charakter besitzen. Während der Philosoph Hans-Georg Gadamer noch von der großen Schwäche des Computers sprach, dass er nicht vergessen könne, sind lernende Maschinen heute in der Lage, auf Grundlage neuer Daten und veränderter Gewichtungen von Variablen neue Vorhersagen zu treffen. Lernende Maschinen rechnen mit ihrem eigenen Nichtwissen.
Sie haben die – noch – rudimentäre Fähigkeit, ihren aktuellen Wissensstand hinter sich zu lassen; sie können, wenn man so will, vergessen.
Antizipierend lässt sich bereits absehen, wie auf Baeckers Überlegungen reagiert werden wird: Was folgt politisch daraus? Was sollen wir nun konkret tun, angesichts von Plattformökonomie, Überwachungskapitalismus und algorithmischer Steuerung?
In der Suspendierung dieser Fragen liegt jedoch der große Gewinn des Buches. Denn sie unterstellen bereits, dass es sich bei der Digitalisierung um eine weitere technische Entwicklung handele, die sich regulieren, begrenzen und damit effizient kanalisieren lässt. Dass die Digitalisierung nicht einfach ein Problem ist, das gelöst werden kann, sondern potenziell den Weg zu einer nächsten Gesellschaft ebnet, wird dabei unterschlagen.
Die Frage ist daher zunächst: Was geschieht hier eigentlich mit uns? In einem nächsten Schritt ließe sich dann eine politische Ethik der Digitalisierung formulieren, nicht als schnelle Regulierung, sondern als reflexive Haltung gegenüber einer Veränderung, die wir weder steuern noch vollständig verstehen. Der Hinweis darauf ist keine Affirmation des Bestehenden, sondern der Versuch, die Bedingungen unserer Gegenwart überhaupt erst sichtbar zu machen.
Was wir von Alexander Kluge lernen können
Gefühle, Krieg, Arbeit
Identität und Überwachung
Ich bin, was im Netz steht
Künstliche Intelligenz außer Kontrolle
Auslöschung der Menschheit
Das erst ermöglicht Kritik, weil es nicht direkt auf vorhersehbare Gleise einlenkt. Wer sich auf all dies einlässt, wird mit der innovativen Einsicht belohnt, dass die Gesellschaft ein Problem für die Digitalisierung ist.
🐾 Alexander Schwitteck arbeitet als Referent/Fellow beim Zentrum Liberale Moderne.
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