Journalismus in Armenien: Zwischen Trauma und Verantwortung

Der Krieg um Bergkarabach machte Journalisten des TV-Senders CivilNet unweigerlich zu Kriegsreportern. Bis heute prägt das ihre Arbeit.

Menschen demonstrieren mit Kerzen

Jerewan, Armenien: Trauermarsch für die im vergangenen Konflikt gestorbenen armenischen Soldaten Foto: Diego Herrera/imago-images

JEREWAN taz | Ani Paitjan hatte keine großen Pläne für den 27. September 2020. Sie wollte sich von der anstrengenden Woche erholen und endlich zum Friseur gehen. Stattdessen klingelte an diesem Sonntagmorgen ihr Handy: „Der Krieg hat angefangen. Komm sofort in die Redaktion.“ Schnell zog sich die 32-Jährige an und fuhr in das Büro von CivilNet, einem der einflussreichsten unabhängigen Online-TV-Sender in Armenien.

Hier, im 9. Stock eines Gebäudekomplexes in der Innenstadt von Jerewan, versammelte sich der Großteil des 45-köpfigen Redaktionsteams zur hektisch einberufenen Krisensitzung. Binnen kürzester Zeit mussten Entscheidungen gefällt werden. Das Verteidigungsministerium verlangte eine Liste mit den Namen jener männlichen Mitarbeiter, die unverzichtbar sind für die Produktion des Senders. Der Rest konnte jederzeit zum Militär eingezogen werden. Auch darüber, welche Reporter ins Kriegsgebiet geschickt werden sollen, wurde diskutiert.

Die Redaktion verfügte damals weder über schusssichere Westen noch über Helme. Paitjan, die bis zu diesem Tag keine Erfahrung als Kriegsreporterin hat, meldet sich freiwillig. „Für einen anderen Krieg hätte ich mein Leben nicht riskiert“, erklärt sie heute ihren Entschluss. „Armenien ist mein Land, und das Einzige, was ich in diesem Moment beitragen konnte, war meine Arbeit als Journalistin.“

Paitjan ist eine der Ersten, die auf Englisch aus Bergkarabach berichtet, jener ethnischen Enklave in Aserbaidschan, in der seit Jahrhunderten mehrheitlich christliche Armenier leben und wo sich eine Vielzahl an armenischen Monumenten und Kirchen befindet. Um diese Region, die heute knapp doppelt so groß wie das Saarland ist, entzündet sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer wieder ein Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern im Südkaukasus.

„Bergkarabach ist Armenien“, verkündete der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan 2019 in einer Rede und sorgte laut manchem Beobachter damit dafür, dass die Spannungen zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken erneut aufkeimten. Auf erste Ausschreitungen im Sommer 2020 an der Grenze beider Staaten folgte wenig später die von Aserbaidschan gestartete Großoffensive Ende September. Deklariertes Ziel: die Rückeroberung von Bergkarabach und der sieben von armenischen Truppen kontrollierten Distrikte. „Wir haben alle erwartet, dass es einen Krieg geben wird“, sagt Paitjan rückblickend. „Aber der Zeitpunkt hat uns kalt erwischt.“

CivilNet berichtet ununterbrochen

Zehn Tage lang berichtet die CivilNet-Reporterin aus der Kriegsregion. Sie interviewt Menschen, die gerade ihre Häuser verloren haben, Frauen, die Brot an die armenischen Soldaten verteilen, und harrt mit der lokalen Bevölkerung in Kellern aus. Ihre ersten TV-Berichte von damals sind auf Youtube zu sehen: Verwackelte Bilder, das Donnern von Explosionen. Tausende Soldaten fallen in den sechs Kriegswochen auf beiden Seiten, Zehntausende Bewohner werden laut UNHCR vertrieben.

„Krieg hat nichts mit Heldentum zu tun“, sagt Paitjan. Nachdenklich sitzt sie mehr als ein Jahr später im TV-Studio des Senders und versucht die richtigen Worte zu finden, um das Erlebte zu beschreiben. „Krieg ist die Hölle. Ein Zustand, in dem man leicht den Verstand verliert. Du schläfst nicht. Dir ist schlecht. Deine Hände zittern, denn die Explosionen hören einfach nicht auf. Und du weißt nicht, ob du wieder aufwachst, wenn du einschläfst. Die einzige Möglichkeit, um dich abzulenken, besteht darin, deinen Job zu machen, sonst gerätst du in Panik und das geht nicht. Du kannst nicht selbst zum Opfer dieses Krieges werden, damit bringst du andere in Gefahr. Also denkst du dir die ganze Zeit: Ich bin Journalistin.“

CivilNet berichtet ununterbrochen, freie Tage gibt es bis zum Kriegsende nicht mehr. Dabei kennt jeder in der Redaktion jemanden, der selbst kämpft, gestorben oder geflohen ist. Doch während die Staatspropaganda ein Bild von heldenhaften jungen Männern malt, die ihr christliches Land gegen den Erzfeind Aserbaidschan verteidigen, telefoniert Chefredakteur Karen Harutyunyan in diesen Tagen mit seinem verängstigten 18-jährigen Neffen, der als Soldat mit Gleichaltrigen an der Front kämpft.

„Er befand sich unter Beschuss und fragte mich, ob er jemals wieder nach Hause zurückkehren wird. Sie hatten keine Ahnung und nicht die Waffen und Mittel, um sich dem Feind entgegenzustellen“, sagt Harutyunyan.

Seit 2011 ist er Chefredakteur von CivilNet und selbst Vater von zwei Söhnen. Harutyunyan macht Regierungschef Paschinjan zu einem großen Teil dafür verantwortlich, dass der Krieg ausbrach, nicht früher beendet wurde und so viele junge Menschenleben kostete. „Paschinjan hat sich wie ein Zocker verhalten. Jedes Mal, wenn er verloren hat, hat er den Einsatz verdoppelt.“

Mindestens sieben Journalisten werden verletzt

Während des Krieges drängt die Regierung die armenischen Medien dazu, nur offizielle Nachrichten zu verbreiten – optimistische Propaganda wie den Slogan „Wir werden siegen“ –, selbst als es immer offensichtlicher wird, dass Armenien den Krieg verliert. CivilNet widersetzt sich als eines der wenigen Medien dieser Anweisung.

Damit kommt dem Sender, der vor zehn Jahren von einer gemeinnützigen Stiftung gegründet wurde und neben Armenisch auch auf Russisch und Englisch berichtet, eine besondere Rolle zu: als zuverlässige und unabhängige Informationsquelle für internationale Beobachter. Außerdem arbeiten manche CivilNet-Reporter wie Ani Paitjan nebenbei als sogenannte Fixer für ausländische Korrespondenten. Ihre lokale Expertise ist unverzichtbar. Sie teilen ihre Kontakte, ihr Wissen über die Region, die politische Lage und den Konflikt mit den eilig eingeflogenen Kollegen, die oftmals weder das Land noch die Sprache kennen.

Mindestens sieben Journalisten werden während der Kampfhandlungen in Bergkarabach verletzt, darunter ein Reporter der französischen Zeitung Le Monde. Er muss noch vor Ort notoperiert werden und wird anschließend per Helikopter ausgeflogen. Wochen später erhält er einen Preis für seine vorherige Berichterstattung aus einem anderen Kriegsgebiet, Syrien. Die oft verbreitete Vorstellung von heroischen Kriegsreportern in vielen westlichen Ländern, in denen kein Krieg herrscht, irritiert manche lokalen Journalisten, die einfach nur ihren Job machen.

„Es gibt viele gute ausländische Journalisten, die in solchen Kriegssituationen wichtige Arbeit leisten. Aber es gibt auch viele, denen es nicht um die Opfer und das Land geht, sondern bloß um das eigene Ego und ihren Status“, sagt Paitjan. Woher sie das wisse? „Sie decken die Folgen des Krieges nicht ab“, sagt sie.

Am 10. November 2020 unterzeichneten Aserbaidschan, Armenien und Russland eine Waffenstillstandsvereinbarung, große Teile Bergkarabachs stehen seitdem unter der Kontrolle Aserbaidschans. „Für internationale Medien ist Armenien plötzlich keine ‚Story‘ mehr“, so Paitjan. Vor Kurzem hat CivilNet ein weiteres Büro in der Stadt Goris eröffnet, möchte noch stärker aus den Regionen berichten und Kontakt zur lokalen Bevölkerung ausbauen. Paitjan: „Unsere Aufgabe ist es nicht nur, die Verwüstung zu zeigen, sondern auch diejenigen, die überlebt haben.“

Transparenzhinweis: Daniela Prugger ist derzeit Gastredakteurin bei CivilNet im Rahmen eines Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenstipen­diums.

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