Nach Krieg um Bergkarabach: Der Feind in meiner Mine

Der Krieg um Bergkarabach endete mit einem Waffenstillstand. Die Goldmine Sotk liegt nun gleichzeitig in Armenien und Aserbaidschan.

Ein Mann fährt auf einem Fahrrad. Dahinter ein Wasserrohr in der kargen Landschaft

Die Goldmine liegt im armenisch-aserbaidschanischen Grenzgebiet Sotk Foto: Alexander Ryumin/imago

BERLIN taz | Zwar haben Armenien und Aserbaidschan ihren jüngsten Krieg um die Region Bergkarabach am 10. November vergangenen Jahres für beendet erklärt, aber auf einer anderen Ebene schwelen die Unstimmigkeiten der beiden Südkaukasusrepubliken weiter. Im Mittelpunkt steht Edelmetall – dabei geht es um den Zugriff auf die lukrative Goldmine Sotk in der Region Kelbadschar.

Armenien behauptet, dass sich die Hälfte der Mine auf armenischem Gebiet befindet, während die Regierung in Aserbaidschan 74 Prozent für sich beansprucht.

Die Mine ist seit 1976 in Betrieb. Damals – zu Zeiten der Sowjetunion – hatte das Geologieministerium in Moskau die Verwaltung der Grube auf Armenien übertragen. Bis zum Ausbruch des jüngsten Krieges Ende September 2020 war ihr Betreiber der viertgrößte Steuerzahler im Land.

Zuletzt brachte sie der armenischen Staatskasse umgerechnet etwa 36,7 Millionen Euro und beschäftigte rund 1.650 Mitarbeiter*innen. 2012 lagen die Reserven bei 31.141 Tonnen Erz, 133,5 Tonnen Gold und 175,6 Tonnen Silber. Auf der Website des Unternehmens heißt es, dass die Mine 2018 130.000 Unzen Gold lieferte und die Vorkommen für weitere 18 Jahre gesichert seien.

Kooperation der Länder unwahrscheinlich

Betrieben wird sie von der GeoProMining Investment, die über ein Netz von Offshore-Outfits verwaltet wird, das wiederum Filialen in den Niederlanden, Russland, auf Zypern sowie den Britischen Jungferninseln unterhält.

In Armenien betreibt GeoProMining auch die Ararat-Goldgewinnungsanlage und eine Kupfer-Molybdän-Anlage im Süden. In Russland besitzt das Unternehmen mehrere sibirische Minen. Mehrheitsaktionär ist der russische Immobilien- und Flughafentycoon Roman Trotsenko, ein enger Verbündeter von Präsident Wladimir Putin.

Ökologische Folgen sind bei den Regierenden auf beiden Seiten kein Thema

GeoProMining hatte sich das Nutzungsrecht an der Goldmine Sotk bis 2028 gesichert. Doch nun ist unklar, wie es konkret weitergeht. Nach dem Waffenstillstandsabkommen hat Aserbaidschan die Kontrolle über alle sieben Regionen, die Bergkarabach umgeben. Russische Friedenstruppen sollen die Umsetzung der Vereinbarung absichern. Optimistische Be­ob­ach­te­r*in­nen hoffen, dass es zu einer Kooperation beider Staaten kommt, die allen nützt. Das könnte dann ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Versöhnung sein.

Doch zunächst haben die Länder derartigen Gedankenspielen eine Absage erteilt. Nein, heißt es aus der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Immerhin habe Armenien etwa 30 Jahre allein von der Mine profitiert, nun sei man auch mal dran. „Die Armenier haben versucht, so viel Erz wie möglich aus unserer Zone zu gewinnen“, sagte Ali Aliyev, der den Nationalen Geologischen Dienst des Ministeriums für Ökologie und natürliche Ressourcen in Aserbaidschan leitet, der Nachrichtenagentur Turan. „Jetzt werden wir anfangen, unseren Schaden zu bewerten.“

Kontaminiertes Wasser

Auch an GeoProMining stellt Baku Ansprüche. „In den vergangenen Jahren hatten wir keine Beziehungen zu dem russischen Unternehmen“, sagte Aliyev. Jetzt wolle Aserbaidschan den Hauptanteil der Steuern – entsprechend der Rechte an der Mine. In Jerewan ist ebenfalls keine Rede von einer Kooperation. Vielmehr beherrscht die Angst vor dem Feind alle Gedanken. Der sei jetzt noch gefährlicher geworden, weil er noch näher herangekommen sei, heißt es.

Eine wesentliche Auswirkung der Goldmine ist bei den Regierenden auf beiden Seiten kein Thema: Um­welt­schüt­ze­r*in­nen kritisieren den Betrieb schon lange aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen. „Mindestens sieben Dörfer befinden sich in der Einflusszone“, zitiert die armenische Investigativplattform Hetq Gemeindevorsteher Hakob Avetyan. Weil die Winde hier sehr stark sind, erreicht sie der giftige Staub alle.“

Das Wasser ist verschiedenen Gutachten zufolge mit Schwermetallen kontaminiert und fließt in den Fluss Sotk, aus dem die Be­woh­ne­r*in­nen ihre Gemüsegärten und ihr Land bewässern. Der Fluss mündet in den Sevansee, den mit knapp 1.300 Quadratkilometern Fläche größten Süßwassersee des gesamten Kaukasus. Laut Hetq könnten auch die ungewöhnlich häufigen Erkrankungen von Kindern in Sotk an Zere­bralparese und anderen geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen auf Gifte aus der Mine zurückzuführen sein.

Alle Proteste unter armenischer Hoheit waren ergebnislos. Die Regierung verwies auf entlastende Daten des Minenkonzerns und verweigerte unabhängige Untersuchungen. Dass Aserbaidschan anders vorgeht, ist nicht zu erwarten.

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