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Jonathan Gerbig über Jung­wäh­le­r*in­nen für die Linke – eine ReplikUkraine nicht mehr im Fokus

Anfang des Jahres musste die Linke noch um den Einzug in den Bundestag bangen, jetzt zählt sie mit fast neun Prozent der Stimmen beinahe so viel wie FDP und BSW zusammen. Besonders die Wäh­le­r*in­nen zwischen 18 und 24 trugen zu dem unerwartet guten Ergebnis bei. Die Ukrai­ne-Linie der Linken war für viele Jung­wäh­le­r*in­nen wenig ausschlaggebend. Dabei ist die Ukraine der Generation U25 nicht gleichgültig. Sie hat sie auch nicht vergessen, nur weil nicht mehr ganz Instagram blau-gelb tapeziert ist. Aber der Fokus hat sich verschoben, von blau-gelben zu Regenbogen-Flaggen, von „Stand with Ukraine“ zu „Wir sind die Brandmauer“.

Als der Krieg begann, hatte die CDU ihren menschenfeindlichen Antrag noch nicht mit Unterstützung der rechtsextremen AfD durchbringen lassen, es gab noch keinen „Wer kann mehr abschieben“-Wahlkampf, und die Grünen boten sich noch nicht als Steigbügelhalter eines für breite Teile der jüngeren Generation untragbaren Kanzlerkandidaten Friedrich Merz an. Grund für den „Heidi-Hype“ waren nicht Heidi Reichinneks coole Tattoos, auch nicht nur ihr Tiktok-Auftritt, wie jüngst in der taz behauptet, sondern die kompromisslose Wut, mit der sie auf die merzsche Entgleisung reagierte, ohne sich ein paar Tage später für eine Koalition anzubiedern.

Dazu kommt, dass mit der Wiederwahl Donald Trumps die bisherige US-Unterstützung für die Ukraine ausläuft. Damit wird Deutschland zum wichtigsten Rüstungslieferanten. CDU, SPD und Grüne stehen hinter den Waffenlieferungen – jetzt mehr denn je. Auf der anderen Seite werfen sich AfD und BSW vor den russischen Machthabern in den Staub.

Irgendwo dazwischen muss Platz bleiben für die Position, dass ein für die Ukraine positives Ende des Krieges tatsächlich mehr diplomatische Bemühungen braucht. Sicher stehen nicht alle Links-Wähler*innen unter 25 hinter dem Ende der Waffenlieferungen. Aber noch weniger stehen sie hinter den Parteien, die sie in ihrem Kampf um die Demokratie und für die Rechte queerer, geflüchteter, von Rassismus betroffener Menschen im Stich gelassen haben.

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