Jenseits der olympischen Pfade: Die arme Sau im Bus
Ausgestoßen vom Olympia-Verkehr und verlacht von der Fratze der Schadenfreude eröffnet einem die Berglandschaft rund um Bormio neue Perspektiven.
H at die jetzt gegrinst? War das hämisch? Die hat uns doch nicht auch noch zugewunken? Doch hat sie. Sie hat uns die hässliche Fratze der Schadenfreude gezeigt. Wir, das sind ein paar Leute, die eben mit ansehen mussten, dass der Bus, auf den wir gewartet hatten, an der Haltestelle vorbeigefahren ist, weil er überfüllt war. Unser Ziel war die olympische Riesenslalompiste in Bormio. Hinter uns lag die Hoffnung, in fünf Minuten am Eingang zur Skiarena zu sein, vor uns lag ein einstündiger Fußmarsch.
Dieses Gesicht, das uns da angegrinst hat! War das nicht unsportlich, ein Verstoß gegen die olympische Charta? Da fehlt doch jeder olympische Geist. Kann da das IOC nichts unternehmen? Wer war das überhaupt? Eine Kollegin? Müsste man ihr nicht die Akkreditierung entziehen? Es sind nicht die freundlichsten Gedanken, die ich habe, als ich mich auf den Weg mache.
Während die meisten anderen die Landstraße entlanggehen, auch in der Hoffnung, ein Auto würde sie vielleicht mitnehmen, biege ich mit einem Mann in meinem Alter, der die Uniform der freiwilligen Olympiahelfer trägt, auf einen ausgeschilderten Wanderweg Richtung Bormio ab.
„Vorsicht, der Weg ist eisig!“, warnt mich mein Begleiter. „Das macht mir nichts aus, ich komme aus Berlin“, antworte ich und ernte Staunen. Bis in die Lombardei hat sich also nicht herumgesprochen, welchen Gefahren man in einem Berliner Winter ausgesetzt ist.
In Berlin gebe es doch keinen Winter, meint mein Begleiter, hier sei der Winter zu Hause. Er zeigt auf die Berge. Wir müssen beide lachen. Es könnte wirklich mehr Schnee liegen. Der Volunteer staunt über meine Art, mit winzigen Schritten über das Eis zu gehen. Dass man das in Berlin Pinguin-Technik nennt, hat er auch noch nie gehört. „Diese Deutschen, alles können sie besser“, sagt er.
Wir kommen an einem kleinen Ökohof vorbei, wo uns zwei Esel lautstark begrüßen. Zu unseren Füßen rauscht ein Gebirgsbach. Das hört sich gut an. Sicher besser als der Lärm drüben an der Straße, über die ein olympiawichtiges Fahrzeug nach dem anderen donnert. Ich fange an, den Weg zu genießen.
Wie schön die Welt doch sein kann, wenn man die olympischen Pfade mal verlässt. Jetzt werde ich schadenfroh. Die blöde Kuh, die uns da zugewunken hat, ist doch in Wahrheit die arme Sau. Sie muss im Bus sitzen, ich darf am rauschenden Bächlein entlang wandern.
Ich würde ihr trotzdem die Akkreditierung entziehen.
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