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„JederhateinenkleinenPrepperinsich“

Andreas Schmitz klärt auf Youtube als „Der Akku Doktor“ über Solaranlagen und Wärmepumpen auf. Die Energiewende sei nicht aufzuhalten, sagt er. Es gehe nicht nur um die Ersparnis, sondern um dieses Gefühl von ein bisschen Freiheit

Von Thomas Winkler (Gespräch) und Nadine Schwickart (Foto)

Eine lange Busfahrt aufs Land, ein Einfamilienhaus am Rand des Waldes, im Vorgarten liegt Spielzeug, auf dem Dach sind PV-Module installiert. Hier lebt Andreas Schmitz mit seiner Familie, hier nimmt er Youtube-Videos auf, in denen er als Akku-Doktor versucht, die hysterisch geführte Diskussion über die Energiewende wieder auf wissenschaftliche Füße zu stellen. Studiert hat er Maschinenbauinformatik und Maschinenbau, heute arbeitet er noch halbtags beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln im Bereich mathematische Optimierung und künstliche Intelligenz – und gibt ansonsten bald einer halben Million Menschen, die seinen Youtube-Kanal abonniert haben, Orientierung, wenn es um Photovoltaik, Wärmepumpen oder Speicher geht.

taz: Herr Schmitz, als Sie vor zehn Jahren mit dem Youtuben angefangen haben, hätten Sie da gedacht, dass Ihr Kanal mal so groß werden würde?

Andreas Schmitz: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte absolut keine Ahnung von Youtube und bin da zufällig reingerutscht.

taz: Wie kam das?

Schmitz: Das war ziemlich banal. Ein Freund war an Photovoltaik interessiert, dem wollte ich ein kleines, aufklappbares PV-Modul mit USB-Stecker schenken, damit er sein Handy aufladen kann. Ich hielt davon gar nichts, für mich war diese Technik bloß Spielerei. Ich war damals den üblichen Vorurteilen aufgesessen. Dann lag das Modul ein bisschen länger bei mir rum. ich habe mir mal einen Spannungsprüfer genommen, das Ding ans Fenster gehalten – und hab nicht schlecht gestaunt, was da an Strom rauskam. Erst da habe ich gecheckt: Das ist ja gar kein Spielzeug, das kann man gebrauchen. Zwei Wochen später hatte ich alle Balkone voll mit PV-Modulen.

taz: Zwei Wochen?

Schmitz: Ja, das ist ein bisschen eskaliert, dazu neige ich wohl grundsätzlich. Das war auch erst der Anfang. Ich habe gedacht: Jetzt hab ich so viel Strom, den ich aber gar nicht nutzen kann, jetzt will ich auch einen Akku. Ich habe mir Youtube-Videos angeguckt, in denen gebrauchte Lithiumakkus zusammengeschraubt wurden, und dachte: Ihr seid doch alle irre, das explodiert doch. Wieder zwei Wochen später hatte ich mir selber aus gebrauchten Lithiumakkus eine Batterie zusammengeschraubt. Das war schon lustig, eine total bekloppte Reise.

taz: Als Ingenieur kennen Sie sich mit der Technik aus, aber woher kam das Bedürfnis, darüber Filme zu machen und ins Netz zu stellen?

Schmitz: Das war eher diffus. Einerseits hatte ich wohl das Bedürfnis, mich mitzuteilen, auch wenn ich wirklich nicht erwartet hatte, dass ich jemanden damit erreiche. Dann habe ich festgestellt, dass es wahnsinnig viel Skepsis gegenüber der Technik gibt, dem wollte ich etwas entgegensetzen. Außerdem hatte ich eh eine Kamera und fand es interessant, mal ein Schnittprogramm zu benutzen. So ging das los.

taz: Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, das hat Potenzial?

Schmitz: Das erste Mal geflasht war ich, als jemand Fremdes, den ich wirklich nicht kannte, einen Kommentar hinterlassen hat. Da habe ich gemerkt, ich erreiche jemanden. Richtig krass wurde das Interesse dann mit dem Ukrainekrieg, mit der Energiekrise. Bis dahin war mein Publikum eher eine Bastler-Community. Leute, die Bock hatten, was selber zu bauen. Aber als das mit der Ukraine losging und die Strompreise stiegen, wollten sich die Leute unabhängig machen. Und genau das wollte ich ja auch.

taz: Wie sehen Sie sich selbst? Sind Sie ein Bastler, ein Nerd?

Schmitz: Ja, Bastler auf jeden Fall. Und mit Nerd kann ich auch leben. Das ist auch der Kern der Community: ein Haufen Ingenieure, Nerds, Hardcore-Bastler, die sich im Netz getroffen haben.

taz: Wie würden Sie Ihre Motivation beschreiben? Warum stecken Sie da so viel Energie rein?

Schmitz: Die Motivation hat sich verändert. Anfangs war es vor allem Neugierde an Youtube und am Basteln. Das wird auch immer so bleiben, ich bastel einfach gerne und habe diesen Wissensdrang, ich bin ja nicht zufällig Wissenschaftler geworden. Und das geht anderen ja auch so, denn ich kriege wahnsinnig viele Anfragen: Ich will mir eine Wärmepumpe kaufen, wie groß muss die sein, was kann ich da falsch machen und was darf das kosten? Konkrete Fragen, auf die gute Antworten zu finden aber oft schwer ist.

taz: Weil so viele Falschinformationen unterwegs sind.

Schmitz: Genau. Das ist der andere Grund, warum ich das alles mache. Den Menschen wird systematisch Angst eingejagt, das finde ich krass. Ich will ja nicht behaupten, bei der Energiewende gebe es keine Probleme. Das ist ein riesiges, sehr komplexes Projekt, keine Frage. Aber eine Riesenangst davor zu erzeugen, ist schwer übertrieben und vor allem kontraproduktiv. Denn Angst lähmt dich und du kommst nicht vorwärts. Das ist doch total dämlich. Ich kriege häufig Mails, in denen steht: Ich habe gehört, wir haben die höchsten Strompreise der Welt, wir sind von Strom-Importen abhängig. Beides sind aber sehr komplexe Themen, beides kann man so pauschal nicht sagen. Den Leuten Angst zu nehmen und aufzuklären, das ist mittlerweile eine große Motivation geworden.

taz: Man könnte also sagen, Sie haben sich vom Tutorial-Video zur politischen Aufklärung entwickelt?

Schmitz: Ich sehe das gar nicht so politisch. Ich würde es eher als Wissenschaftskommunikation bezeichnen. Die Themen haben oft politische Aspekte, aber wir ordnen die mit Hilfe unseres mittlerweile großen Netzwerkes von Wissenschaftlern aus dem Energiebereich zusammen ein.

taz: Die Angstmache ist eine politische Strategie. Dagegen etwas zu unternehmen, ist auch politisch.

Schmitz: Ja, das stimmt natürlich. Aber manchmal ist es auch ganz simpel. Es gibt zum Beispiel Influencer, die verkaufen Notstromaggregate. Die machen Profit, wenn sie den Menschen erfolgreich Angst machen, dass demnächst das Netz zusammenbricht.

taz: Und – muss ich Angst haben?Schmitz: Nein, der große Blackout, der passiert hier nicht. Hierzulande ist alles relativ safe. Denn das muss man schon mal sagen: Das Stromnetz ist saucool gemacht, es gibt ganz viele Sicherheitsmechanismen. Das ist der Hammer, was da ingenieursmäßig dahintersteckt. Das ist unglaublich cool, da muss man keine Angst haben, dass morgen überall der Saft ausgeht. So absolut ist das totaler Unsinn. Was nicht heißt, dass wir im Stromnetz nichts tun müssten.

taz: Woher kommt dann diese weit verbreitete Angst?

Schmitz: Es gibt Leute, die echt hart daran glauben, und andere, die damit konkret Profit machen. Die wehren sich, weil sie sich in ihrer Substanz angegriffen fühlen. Das war mir allerdings gar nicht bewusst am Anfang, bis dann die ersten Drohungen kamen.

taz: Ein Shitstorm?

Andreas Schmitz

Der Wissenschaftler

Andreas Schmitz, Jahrgang 1982, zwei Studiengänge abgeschlossen, Doktorarbeit „Mathematische Optimierungsverfahren“, arbeitet – mittlerweile nur noch halbtags – als Wissenschaftler beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln.

Der Influencer

Als „Akku-Doktor“ erklären Schmitz und sein Team mittlerweile mehr als 450.000 Abonnenten auf Youtube, ob eine Wärmepumpe oder ein E-Auto für sie sinnvoll ist, sie einen Heimspeicher anschaffen oder selber basteln können. In letzter Zeit wird der Kanal immer politischer, Schmitz erklärt, wie unser Energiesystem funktioniert und was die Politik tun muss, um es fit für die Zukunft zu machen. Immer öfter wird der Akku-Doktor als Experte zu Anhörungen nach Berlin eingeladen, eine von ihm angestoßene Bundestagspetition hat dazu geführt, dass seit 2023 Balkonkraftwerke erheblich einfacher zu installieren sind.

Schmitz: Schon mehr als das. Das ging teilweise so weit, dass angekündigt wurde, demnächst kommt jemand bei mir zu Hause vorbei. Meine Familie wurde auch schon bedroht, das ist aber eher selten. Das hat mich eine Zeit lang ganz schön aus der Bahn geworfen, da habe ich überlegt, mit dem Youtube-Kanal aufzuhören. Mittlerweile hab ich gelernt, damit umzugehen.

taz: War das eine konzertierte Aktion von fossilen Lobbygruppen?

Schmitz: Mein Eindruck war: Nein, das waren eher Einzelaktionen. Ich glaube tatsächlich, bei mir geht es sogar noch. Frauen sind davon deutlich schlimmer betroffen von Angriffen im Netz, da wird der Ton noch mal deutlich härter. Kluge Frauen, die am besten noch ein irgendwie ausländisches Aussehen haben, wie Mai Thi Nguyen-Kim…

taz: … die Moderatorin des Yotube-Kanals und der ZDF-neo-Show „MaiThink X“ …

Schmitz: … die sind viel härter betroffen als ich.

taz: Unter eines Ihrer Videos haben Sie geschrieben: „Fehlinformation, Polarisierung, Grabenkämpfe. Das ist das eigentliche Problem.“ Was genau meinten Sie damit?

Schmitz: Bei den Leuten selber sehe ich die Polarisierung gar nicht so sehr. Ein Beispiel: Bei uns im Internetforum, herrscht ein striktes Politikverbot. Obwohl Leute aus den verschiedensten Lagern dabei sind, die völlig unterschiedliche politische Ansichten haben, vertragen sich da alle ganz wunderbar. Das ist total schön zu merken: Wenn man sich praktisch hilft, dann klappt das, dann gibt es diese Kämpfe nicht, denn eigentlich haben die Leute auch gar keinen Bock darauf. Die wollen eine funktionierende PV-Anlage auf dem Dach und eine Wärmepumpe im Keller, keine Angst mehr vor steigenden Strompreisen haben oder davor, dass sie frieren müssen. Selbst die größten Skeptiker werden weich, wenn sie selber ihren Strom produzieren, dann geht es nicht mehr nur um die Ersparnis, sondern auch um dieses Gefühl von ein bisschen Freiheit.

taz: Das klingt toll. Wo ist also das Problem?

Schmitz: In den Medien und in der Politik sehe ich eine sehr starke Polarisierung, das ist echt krass. Da geht es viel zu oft sehr laut und zu wenig differenziert zu – und das auf beiden Seiten. Und auch in den Medien gibt es leider zu wenige, die sich ausreichend schlaumachen und stattdessen lieber Falschinformationen nachplappern. Damit meine ich nicht nur Bild oder RTL, sondern in Teilen auch die Öffentlich-Rechtlichen, die sind oft nicht viel besser. Dabei haben die doch einen Bildungsauftrag und der wird, finde ich, gerne verletzt

taz: Es ist aber schon bezeichnend, dass Sie die Politik komplett aussperren müssen, damit es friedlich bleibt im Forum. Und wird das Thema nicht automatisch politisch, wenn die Bundesregierung einschränkt, wie viel meines PV-Stroms ich noch ins Netz einspeisen darf?

Schmitz: Das stimmt, da wird es schwierig. Deshalb haben wir im Forum auch einen Bereich, der ist unmoderiert und nur für Mitglieder sichtbar. Da können sich die Leute die Köpfe einschlagen, und wer das will: Herzlichen Glückwunsch! Ansonsten wollen wir das einfach nicht, sobald die Diskussion vom Technischen ins Politische geht, ist sie überhaupt nicht mehr lösungsorientiert.

Wenn meine Kinder mich irgendwann fragen: Wo warst du damals? Dann will ich sagen können: Ich habe es wenigstens versucht

taz: Wie sähe diese Lösung denn aus?

Schmitz: Ein Beispiel: Ich sehe, wir haben Stress im Stromnetz. Ich vermisse aber, dass mal jemand die einfache Frage stellt: Wie lösen wir das? Was machen wir mit dem Nord-Süd-Problem, brauchen wir dickere Leitungen? Wo bauen wir die Akkus am besten hin? Wie viele Gaskraftwerke brauchen wir zur Stabilisierung? Und wie kriegen wir das ökonomisch am besten hin? Das sind alles technische Probleme, für die es technische Lösungen gibt. Also lasst uns doch mal ein paar Wissenschaftler an den Tisch setzen, die sollen gucken, ob Lösung A oder B oder C am sinnvollsten ist, und dann machen wir einen geilen Plan und ziehen den durch. Das wäre doch das, was sich alle wünschen würden, oder?

taz: Das passiert nicht?

Schmitz: Nein, sehe ich jedenfalls nicht. Die Kernfragen werden überhaupt nicht mehr diskutiert. Da geht es nur noch darum: Du bist scheiße. Nein, du bist scheiße und du hast gelogen! Man versucht nicht, gemeinsam ein Problem zu lösen. Das war so beim Wirtschaftsminister Robert Habeck, der hat nur auf die Nuss gekriegt die ganze Zeit und konnte seine Ideen, die ja auch teilweise ganz gut waren, gar nicht umsetzen. Und umgekehrt hat ja auch Katherina Reiche in ein paar Punkten recht, aber auch die gehen unter in diesen Grabenkämpfen. Ich habe die Sorge, dass sich am Ende gar nichts mehr tut.

taz: Sie haben Petitionen gestartet, die die Installation von Balkonkraftwerken und Kleinspeichern vereinfachen sollten. Dadurch sind Sie schon öfter in den Bundestag als Experte eingeladen worden. Wie haben Sie da die Politik kennengelernt?Schmitz: Wegen der Petitionen hatte ich mit vielen Politikern Kontakt. Ich sage mal: Mit den meisten habe ich keinen mehr.

taz: Auch nicht mit den Fachpolitiker:innen?

Schmitz: Ich gebe zu, mit den Leuten, die fachlich tiefer drin sind, kann ich viel besser reden. Das gilt für die Fachleute der allermeisten Parteien, die sind zum Teil nicht auf den Kopf gefallen. Die einen haben eher eine wirtschaftliche Ausrichtung, die anderen wollen eher Klimaschutz. Das ist okay, das sind technisch-ökonomische Ausrichtungen, die sich ein bisschen unterscheiden, und zwischen denen sollte das Volk auch wählen können. Aber dann behauptet ein Markus Söder halt einfach, Strompreiszonen würden die Industrie kaputtmachen. Dabei gibt es tausend Berechnungen, die sagen, das ist nicht richtig.

taz: Bislang ist Deutschland eine einzige Strompreiszone, in der Strom zu einem Zeitpunkt immer dasselbe kostet – egal, ob in meiner Gegend gerade der Wind weht oder die Sonne scheint. Experten glauben, dass es gerechter und für das Netz besser wäre, wenn wir das Land in mehrere Zonen einteilen – und Strom dann dort billiger wäre, wo er gerade produziert wird.

Schmitz: Strompreiszonen wären für das gesamte Land langfristig und mittelfristig total gut. Aber Söders Aussage bestimmt dann den Diskurs.

taz: Sie klingen ziemlich verzweifelt.Schmitz: Verzweifelt, das stimmt. Aber es nützt ja nichts, ich versuche trotzdem weiter das alles möglichst sachlich und von der technischen Seite aus zu sehen – und ein bisschen Vernunft in die Diskussion zu bringen.

taz: Andererseits sind die Vorschaubilder, mit denen Sie Ihre Videos ankündigen, oft sehr reißerisch. Ein Beispiel, sogar mit Trump-Großschreibung: „Dieser Netz-Kollaps ändert ALLES! – Die Wahrheit ist BRUTAL!“

Schmitz: Die Kritik kenne ich. Mir ist da auch nicht immer wohl dabei, aber der Erfolg gibt uns recht. Wir sehen sofort den Unterschied an den Zugriffszahlen, ob wir den Clip seriös ankündigen oder – ich sage mal – eher stumpf. Denn es ist leider so: Der Konsument behauptet zwar, dass er das nicht will, aber macht man den Titel reißerisch, kann man sofort live mitverfolgen, wie die Zuschauerzahlen hochgehen. So funktioniert Youtube.

taz: Sie haben sogar ein Video darüber gemacht, warum Sie solches Clickbait benutzen.

Schmitz: Ja, vor allem, um unserer Community aus Bastlern und Nerds zu erklären, warum wir das machen, denn die mögen das gar nicht. Mittlerweile arbeiten Leute Vollzeit bei mir, es ist einfach zu viel Arbeit geworden, um das nebenbei zu machen …

taz: Sie haben drei Mit­ar­bei­te­r:in­nen und außerdem Ihren Job als Wissenschaftler auf eine halbe Stelle reduziert.

Schmitz: Um das zu finanzieren, aber auch, um wirklich etwas zu erreichen, müssen wir raus aus unserer eigenen Bubble. Dank dem Clickbait landen unsere Filme nun direkt neben diesen ganzen populistischen Sachen und werden auch geklickt von Menschen, die sonst Falschinformationen aufsitzen würden. Wir benutzen bei Titel und Thumbnail also die Methoden des Boulevard und des Populismus, aber sind im Inhalt streng wissenschaftlich. Unsere Filme sind extrem aufwendig recherchiert, wir haben ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, und wenn uns ein Fehler unterläuft, dann gehen wir transparent damit um.

Das ist kein Kampf mehr, die Sache ist doch entschieden, die Leute kaufen diese Anlagen, die wollen ihre Energie selber produzieren

taz: Sie haben auch gesagt: Der Thumbnail, also das Vorschaubild, ist der Türsteher, der muss manchmal eine Clownsnase tragen, um die Leute zu erreichen. Widerstrebt es Ihnen nicht als Wissenschaftler, diese Clownsnase anzuziehen?

Schmitz: Schrecklich. Ich hasse das. Ich habe mich mittlerweile einigermaßen dran gewöhnt, aber fast jedes Mal denke ich wieder: Boah, das kannst du echt nicht bringen, das ist jetzt wirklich zu dämlich. Dann denke ich: Wenn es mich triggert, dann triggert es auch den Youtube-Seher – und dann funktioniert es. Du musst die Leute bei ihren Emotionen abholen, das ist eine Kunst. Ich bin kein Fan der Bild-Zeitung, aber die haben diese Kunst perfektioniert. Wir mussten sie erst lernen.

taz: Aber ein bisschen Spaß macht Ihnen das schon, oder?

Schmitz: Doch, klar, sonst würde ich es nicht machen. Aber ich arbeite lieber als Wissenschaftler, da kann ich den ganzen Tag an konkreten mathematischen Problemen rumpuzzlen, das ist voll mein Ding.

taz: Trotzdem sind Sie, ob Sie wollen oder nicht, mitten hineingeraten in einen Kulturkampf.

Schmitz: So sehe ich das nicht. Das ist kein Kampf mehr, die Sache ist doch entschieden, die Leute kaufen diese Anlagen, die wollen ihre Energie selber produzieren. Ich kenne wirklich niemanden, der sich eine PV-Anlage gebaut hat und das nicht geil findet, auf seine App zu gucken und zu checken, wie viele Kilowattstunden produziert worden sind. Alle lieben das. So einen kleinen Prepper hat halt jeder in sich – und den Wunsch nach Sicherheit und Selbstversorgung und Selbstbestimmtheit.

taz: Das klingt optimistisch.

Schmitz: Die Energiewende ist nicht mehr aufzuhalten. Das ist ein fetter ICE, der da gerade mit 300 Stundenkilometer angeballert kommt. Und wenn jemand glaubt, sich da in den Weg zu stellen und den aufhalten zu können, da denke ich: Seid ihr denn irre? Die Leute machen das einfach, der Zug wird kommen, ob ihr wollt oder nicht. Ihr könnt ihn vielleicht noch ein bisschen bremsen, aber viel klüger wäre es, wenn ihr euch überlegt: Wie kommt das Ding gut durch die Kurve, die da gerade vor uns auftaucht? Und damit meine ich unter anderem das Stromnetz. Dafür braucht es Ingenieure und Leute, die Ahnung haben.

taz: Das überlegen die Verantwortlichen nicht?

Schmitz: Mein Eindruck ist: nicht alle, wenn man sich die bescheuerten Ausreden so ansieht. Bei einer unserer Anhörungen in Berlin hat Stefan Rouenhoff …

taz: … seit 2025 Staatssekretär in Bundesministerium für Wirtschaft und Energie …

Der hat gesagt: Das geht alles nicht. Als ich nachfragte, warum nicht, antwortete er ernsthaft: Wir müssten dann ja alle Kleinspeicher einzeln steuern. Da hab ich mich richtig aufgeregt, denn das ist Quatsch. Die Kleinspeicher steuern sich selbst anhand des Strompreises oder dynamischer Netzentgelte. Da muss nichts von außen gesteuert werden. Ich gebe zu, die sind nicht alle so, aber das hat mich sprachlos gemacht.

taz: Was ist Ihr Anspruch? Die Welt retten?

Schmitz: Ach nein, die Welt retten wir nicht. Als Wissenschaftler sehe ich zwar, dass die Menschheit auf keinem guten Weg ist. Aber wo genau das enden, wie schlimm es werden wird, das weiß ich auch nicht – aber das reicht mir als Grund, etwas dagegen zu tun. Wenn meine Kinder mich irgendwann mal fragen: Wo warst du denn damals? Dann will ich gerne sagen können: Ich habe es wenigstens versucht.

Thomas Winkler hat seit vergangenem Winter eine Wärmepumpe und ist sehr zufrieden. Nur mit der PV-Anlage wird es nichts – zu viele Bäume.