Ivan Novak von Laibach im Gespräch: „Wir verhören den Mechanismus hinter dem Groove“
Ist das slowenische Künstlerkollektiv „sick of Music“, wie es auf dem neuen Album heißt? Ivan Novak spricht über Luigi Mangione und ein Konzert auf Kuba.
taz: Wie viel „Blues Brothers“ steckt in Laibach? Die endlosen Tanzgesten in Ihrem aktuellen Video „Allgorhythm“ legen diese Frage nahe.
Ivan Novak: Die Tanzszenen aus dem US-Film „Blues Brothers“ wirken durch choreografierte Absurdität, als diszipliniertes Chaos. Dabei wird Bewegung zu einer Art komischer Maschinerie. In diesem Sinne lässt sich von einer entfernten Verwandtschaft sprechen. Die Abfolge von Tanzgesten in „Allgorhythm“ spiegelt diese Logik wider – nicht als Hommage, sondern als paralleler Mechanismus.
taz: Sie wiederholen die „Blues Brothers“?
Novak: Die anarchische Freude der „Blues Brothers“ wird in „Allgorhythm“ zu etwas, das eher einer algorithmischen Zwangshandlung nahekommt: eine Choreografie, die die Rhythmen des Scrollens, der Dateneingabe und der Verhaltenserfassung nachahmt. Der Körper tanzt nicht mehr frei – er führt aus. Wenn es bei uns Anklänge an die „Blues Brothers“ gibt, liegen sie weniger im Einfluss als in einer gemeinsamen strukturellen DNA – der Transformation von Musik und Bewegung in ein System. In der Absicht liegt der Unterschied: Die „Blues Brothers“ zelebrieren den Groove; Laibach verhören den Mechanismus dahinter.
taz: In der Choreografie von „Allgorhythm“ drängt sich ein Vergleich mit dem Stummfilmklassiker „Modern Times“ von Charlie Chaplin auf. Durch die Arbeiten des US-Filmpioniers zieht sich eine existenzielle Traurigkeit, die auch Ihnen nicht ganz fremd scheint.
Die Band: Laibach gelten als musikalischer Ast des multidisziplinären Kunstkollektivs NSK (Neue Slowenische Kunst). Gegründet 1980 in Trbovlje in der jugoslawischen Teilrepublik Slowenien, wurden Laibach als südosteuropäische Protagonisten von Industrialsound berühmt und für ihren Griff in die Giftschränke des 20. Jahrhunderts berüchtigt. Diesbezügliche Verdachtsmomente sollten sich mit den Alben „Kapital“ (1992) und das den Zerfall Jugoslawiens thematisierende „NATO“ (1994) erübrigt haben.
Ivan Novak: von Anfang dabei, auf der Bühne für Spezialeffekte zuständig, gilt als konzeptionelles Gehirn der Band.
Über die Jahre hat sich der musikalische Gestus von Laibach aufgefächert, er reicht von eigenwilligen Coverversionen über HipHop- und Metal-Anleihen bis hin zu zeitgenössischer E-Musik. Laibach sind klandestin in Nordkorea und mit iranischen Musikern aufgetreten.
Das neue Album: Mit Einflüssen aus Eurodisco, Latin-Folk und Bluegrass ist ihr neues Album „MUSICK“ (Mute/PIAS) das bis dato zugänglichste einer Band, die weiter zu irritieren versteht.
Die Tour: 19.5. Schorndorf „Manufaktur“, 20.5. Köln „Essigfabrik“, 2.6. Leipzig „Täubchenthal“, 3.6. München „Muffathalle“, Fortsetzung im Oktober
https://www.laibach.org/
Novak: Wahrscheinlich steckt mehr Chaplin in uns, als wir bereitwillig zugeben würden – aber auch hier nicht als Zitat, sondern als Affinität. Chaplins Logik ist der von „Allgorhythm“ nicht allzu weit entfernt. Gesten werden wiederholt, Bewegungen mechanisch absolviert, das Gefühl, der Körper ist in einer Schleife („Loop“) gefangen, die er nicht selbst entworfen hat – all das ist auch Chaplins Vision. Doch wo er Raum für einen Bruch lässt – damit der Körper rebellieren, stören, entkommen kann –, neigt unsere Choreografie dazu, den Loop zu schließen. Das System hat kein Außerhalb mehr; es ist verinnerlicht.
taz: Und die Trauer?
Novak: Die Traurigkeit ist wesentlich. Bei Chaplin agiert sie als zerbrechlicher menschlicher Rest innerhalb der Maschine – eine Art Würde unter Druck. Unsere ist vielleicht abstrakter, weniger persönlich: nicht die Traurigkeit eines Individuums, sondern eines Zustands. Eine stille Einsicht, dass die Mechanismen, die wir einst nachahmten, nun unsere Lebenswelt geworden sind. Wenn Chaplin in Laibach steckt, dann nicht allein in der Geste, sondern in dem zugrunde liegenden Paradoxon: Humor als Vehikel für Unbehagen und Bewegung, als Möglichkeit sowohl der Kontrolle als auch des Kontrollverlustes.
taz: Was ist eigentlich mit der guten alten Apokalypse passiert? Seit wann findet sie wie „Allgorhythm“ in Bonbonfarben statt?
Novak: Bei der „guten alten Apokalypse“ handelte es sich schon immer ebenso sehr um eine Frage der Ästhetik wie des Glaubens. Einst erschien sie in Schwarz-Weiß, in Rauch, Ruinen und Endgültigkeit. Heute entfaltet sie sich anders: nicht als Bruch, sondern als Zustand. In „Allgorhythm“ kündigt die Apokalypse sich nicht an – sie wiederholt sich in Endlosschleifen. Sie ist in Feeds verstreut, farblich weichgezeichnet, konsumierbar gemacht. Die Bonbonfarbpalette ist dabei kein Widerspruch, sondern Strategie: Katastrophe, übersetzt in Vergnügen, Kollaps, verpackt als Entertainment. Was ehedem furchterregend war, macht nunmehr süchtig.
taz: „Iʼm sick of Music“ heißt es im Titelstück Ihres neuen Albums. Ist Ihnen Musik lästig?
Novak: Sie ist überbewertet und unverzichtbar zugleich. Und genau deshalb hält sie sich so hartnäckig. Musik hat schon immer zu viel versprochen: Transzendenz, Einheit, Befreiung, ja sogar Wahrheit. Diese Versprechen werden selten erfüllt, doch sie prägen weiterhin unsere Erwartungen. In diesem Sinne ist Musik überbewertet – nicht, weil es ihr an Kraft mangelt, sondern weil wir sie mit Erwartungen überfrachten, denen sie nicht gewachsen ist. Gleichzeitig ist sie eines der effizientesten Systeme, die je entwickelt wurden, um Emotionen, Erinnerung und kollektive Erfahrung zu organisieren. Sie umgeht die Sprache, verankert sich im Körper und wiederholt sich unermüdlich. Das macht es schwer, sie aufzugeben, selbst wenn man „die Musik satthat“. Mit genau diesem Widerspruch spielt „Musick“: Sättigung versus Abhängigkeit.
taz: Liefern Sie mit der Schreibweise „Musick“ eine Referenz an den okkulten britischen Schriftsteller Aleister Crowley?
Novak: Die Schreibweise ist Absicht und steht – zumindest indirekt – in Verbindung zu Aleister Crowley und seiner Verwendung des Begriffs „Magick“. Crowley fügte das zusätzliche „k“ ein, um rituelle Praktiken von Bühnenillusionen abzugrenzen – um ein System zu kennzeichnen, das den Anspruch erhebt, auf die Realität einzuwirken, statt sie lediglich darzustellen. In diesem Sinne deutet der Wechsel von „music“ zu „Musick“ auf eine ähnliche Verschiebung hin: von Entertainment zu Tätigkeit, von Ausdruck zu Mechanismus.
taz: Der altertümliche Anklang ist also Absicht?
Novak: Die Schreibweise ist keine Erfindung von uns. „Musick“ ist eine archaische Form des Wortes – gebräuchlich im frühneuzeitlichen Englisch, bevor die Standardisierung es zu „music“ reduzierte. Der Begriff trägt daher ein historisches Echo in sich, eine Erinnerung daran, dass das, was wir heute als stabile, neutrale Kategorie betrachten, einst fließender, weniger festgefügt war, vielleicht näher an Ritual, Handwerk und Technik. Doch die Betonung ist auch zeitgenössisch.
taz: Woran könnte Musik erkrankt sein?
Novak: „Musick“ enthält das Wort „sick“ – eine Sättigung, eine Erschöpfung, ja sogar eine Pathologie. Es verweist auf einen Zustand, in dem Musik nicht mehr einfach etwas ist, das wir hören, sondern etwas, in das wir bis zur Überdosis eintauchen. Der Begriff birgt Hingabe und Erschöpfung zugleich. Wenn es also eine Parallele zu Crowley gibt, dann ist diese eher struktureller als ideologischer Natur. Es geht nicht um die Übernahme okkulter Lehren, sondern um die Erkenntnis, dass Musik – wie „Magick“ – schon immer als System der Beeinflussung, Suggestion und Transformation fungiert hat.
taz: Bei „Musick“ und „Allgorhythm“ kooperieren Sie mit der ghanaischen Sängerin Wiyaala. Ghana zählte zusammen mit Jugoslawien 1961 zu den Gründungsmitgliedern der Organisation der Blockfreien Staaten. Ist das Zufall?
Novak: Unsere Kooperation mit Wiyaala war nicht als geopolitisches Statement gedacht. Sie entstand aus künstlerischer Verbundenheit – Stimme, Präsenz und einer gewissen Klarheit im Ausdruck. Doch sobald eine solche Verbindung besteht, beginnt sie unweigerlich, in anderen Bereichen nachzuklingen. Es ist also kein direkter Verweis. Eher handelt es sich um eine bedeutungsvolle Resonanz. Manche Verbindungen zeigen sich erst retrospektiv – doch sobald sie auftauchen, wirken sie fast unvermeidlich. Schließlich wäre es passend, wenn diese historische Blockfreiheit – weder Ost noch West, sondern etwas Neutrales und Unabhängiges – eine gewisse poetische Kontinuität bewahren könnte.
taz: Wie viel von einem Hajduk, einem Balkan-Outlaw, steckt in Luigi Mangione, der dringend der Tötung des US-Multimillionärs und Versicherungsunternehmers Brian Thompson verdächtigt wird? Sein Name ist zu einem Songtitel Ihres neuen Albums geworden.
Novak: Die Frage ist, wie man Hajduk definiert. Nimmt man die Figur in ihrem historischen Sinn – den balkanischen Gesetzlosen am Rande der Macht, der sich zugleich kriminell und heroisch der Autorität widersetzt, während er doch unweigerlich von ihr geprägt ist –, dann geht es weniger um die Biografie als um die Position. Luigi Mangione ist kein Gesetzloser im traditionellen, territorialen oder politischen Sinne. Aber es ist eine symbolischere Lesart möglich. Ein Hajduk ist auch eine Figur der Entwurzelung – jemand, der sich zwischen Systemen bewegt, der nirgendwo ganz hingehört, der sich mit Strukturen auseinandersetzt, ohne sich ihnen vollständig zu unterwerfen. In diesem lockereren, metaphorischen Sinne ist Mangione nur teilweise ein Hajduk: kein Rebell im klassischen Sinne, sondern jemand, der sich am Rande der Macht bewegt – ohne die Mythologie, die eine solche Rolle normalerweise begleitet.
taz: Was interessiert Laibach an einem Mordverdächtigen?
Novak: Unser Song knüpft an eine Ahnengalerie von Gesetzlosen an, die zu Popikonen wurden – von Jesse James über Bonnie & Clyde bis hin zu Luigi Mangione selbst. Zu ihnen fühlte sich Populärkultur schon immer hingezogen. Insbesondere die Vereinigten Staaten hegen anhaltende Faszination für Rebellen, vor allem dort, wo sich diese Faszination mit der Mythologie des Wilden Westens überschneidet. Wenn Luigi Mangione etwas von einem Hajduk an sich hat, dann eher als mattes Echo denn als bestimmendes Merkmal.
taz: Und wann ist mit einem Laibach-Konzert auf Kuba zu rechnen?
Novak: Leider waren wir bis jetzt noch nie in der Karibik – da haben uns die Rolling Stones etwas voraus! Grundsätzlich treten wir nur dort auf, wohin wir eingeladen werden. Vielleicht warten die Kubaner ab, bis Trump und die USA sie zuerst angreifen – dann könnte unsere konkrete Hilfe gefragt sein.
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