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Ist W das bessere X?

Mit W Social geht eine neue europäische Alternative zu Elon Musks Netzwerk X an den Start. Ist das die langersehnte Lösung?

Von Svenja Bergt

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist schon da, die ehemalige taiwanische Digitalministerin Audrey Tang und der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan auch. Es sind diese Art Nut­ze­r:in­nen, über die sich die Betreiber des noch jungen Onlinenetzwerks W Social sehr freuen werden: Sie wollen ihre Plattform als bessere Alternative zum Elon-Musk-gesteuerten US-Dienst X positionieren. Im Juni ist die öffentliche Beta-Phase gestartet, In­ter­es­sen­t:in­nen können sich auf die Warteliste setzen lassen. „Wir glauben an die Notwendigkeit einer globalen, vertrauenswürdigen Social-Media-Plattform, die in Europa betrieben wird und in europäischer Hand liegt“, heißt es in der Selbstdarstellung. Wird W Social zum Befreiungsschlag Europas von X?

Spätestens seit Tech-Milliardär Elon Musk Twitter übernahm und daraus die Desinformation, Manipulation und rechten Inhalten zugeneigte Plattform X gemacht hat, wächst in Europa der Wunsch nach einer Alternative. Denn gerade für Mul­ti­pli­ka­to­r:in­nen aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Journalismus war Twitter ein wichtiger Kanal zur Vernetzung und zum Verbreiten der eigenen Inhalte.

Das zunächst als Alternative gehandelte Open-Source-Netzwerk Mastodon zog zwar zahlreiche Wechselnde an. Aber nicht in dem Maße, dass es für einen mit Twitter/X vergleichbaren Netzwerkeffekt gereicht hätte. Mastodon bietet nicht die niedrigschwellige Anmeldung und das Nutzungserlebnis, das Big-Tech-Nutzer:innen gewohnt sind. Daher hat sich zunehmend Bluesky als praktische Alternative etabliert: Die Plattform ist im Nutzungserlebnis ähnlich wie das frühere Twitter. Bluesky ist Open Source, im Unterschied zu Mastodon aber zentral organisiert und Teil eines Unternehmens. Als US-Firma ist diese den geheimdienstlichen Überwachungsanforderungen und etwaigen Trump’schen Restriktionen unterworfen.

Als komplementärer Akteur will sich nun W Social platzieren. Das schwedische Unternehmen hat die Rechtsform einer aktiebolag. Laut der Industrie- und Handelskammer ist das die in Schweden häufigste Unternehmensform, ähnlich einer deutschen GmbH. Nach eigenen Angaben kommt das Geld primär von einer schwedischen Medien­plattform im Klimabereich. Da W Social das gleiche technische AT-Protokoll wie Bluesky nutzt, starten Nutzende dort mit ebendiesen Inhalten.

Kopf hinter der Plattform ist die promovierte Juristin Anna Zeiter. Die Geschäftsführerin von W Social war lange zuständig für Datenschutz bei der Handelsplattform Ebay und arbeitet als Professorin an der Uni Bern. Vor diesem Hintergrund präsentiert sich die Plattform als privatsphärefreundliche Alternative zu X – und als Ort ohne Bots. Wer sich registriert, muss sich und sein Menschsein per Ausweis verifizieren. Das passiert über den Dienst W Identity, der juristisch von W Social getrennt ist. Der Prozess läuft ähnlich ab wie bei einem Video-Ident-Verfahren. An W Social werden dabei laut deren Nutzungsbedingungen neben der Identifikationsnummer des Accounts das Ausstellungsland des Ausweises und das Geburtsjahr übermittelt.

Zeiter stellte ihr Projekt Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor. In der damals überschwänglichen Rezeption ging die erste leise Kritik daran unter, dass die neue Firma den Eindruck erweckte, Europa wäre ein leerer Fleck ohne eigene Plattformen – wie unter anderem Mastodon und die anderen Teile des dezentralen Open-Source-Netzwerks Fediverse.

Seitdem nimmt die Kritik zu: „W Social ist nicht der Fortschritt, den Europa braucht“, sagt Sebastian Marg vom Verein Digitale Gesellschaft. Er kritisiert gleich mehrere Punkte: W Social ist anders als Mastodon und Bluesky nicht Open Source. Die Pflicht zur Identifizierung sorge womöglich für deutlich weniger Bots, sei aber zugleich problematisch. „Es ist bezeichnend, dass prominente Personen wie Ursula von der Leyen oder Christine Lagarde das Netzwerk offen promoten – und damit solch eine Verifikation über amtliche Dokumente normalisieren“, sagt Marg.

Zumal arbeitet W Social gewinnorientiert. Erste Modelle zum Geldverdienen hat die Firma bereits angekündigt, etwa Werbung, Premium-Funktionen und Micropayments. Bei Letzterem können Nut­ze­r:in­nen für einzelne Inhalte, etwa von Medien, bezahlen, ohne gleich ein Abo abzuschließen. Marg sieht darin ein Grundsatzproblem. Profitorientierung sei die Ursache der Probleme, die die Tech-Konzerne verursachen. Das Streben nach Gewinn soll Nutzende so lange wie möglich auf der jeweiligen Plattform halten – wenn nötig mithilfe von süchtig machenden Designs und polarisierenden Algorithmen.

Dass sie um W Social vor allem einem Hype sieht, der von der Realität nicht gedeckt sei, kritisiert die italienische Aktivistin Elena Rossini in zahlreichen Blogbeiträgen. W Social ignoriere existierende europäische Alternativen, zeige Nachlässigkeiten in Sachen Sicherheit und mangelnde Transparenz: So sei die Plattform anfangs durchaus Open Source gewesen, bis die Firma den Code still und leise aus dem Netz genommen hat. Eine Anfrage der taz ließ W Social unbeantwortet.

Für Marg liegt die Lösung für das X-Problem daher nicht in W Social. Stattdessen brauche es Onlinenetzwerke als Non-Profit-Organisationen. Das gibt es bereits mit Mastodon und anderen zum Fediverse gehörenden Diensten. Und es gibt noch eine weitere, vielversprechende Alternative: Eurosky. Das Projekt wurde im vergangenen Jahr vorgestellt, in diesem Juni kam dann mit Mu eine passende App dazu. Genau wie Bluesky und auch W Social baut Eurosky auf dem AT-Protokoll auf. Wer also dort unterwegs ist, kann bei den anderen Plattformen mitlesen. Hinter Eurosky steckt kein Unternehmen, sondern die niederländische Modal-Stiftung, die aus einer Kampagne zur Förderung von Alternativen für Big Tech entstand.

Doch irgendwann wird es auch um Geld gehen. Nach Angaben von Euroksy ist die Finanzierung für den Aufbau der Infrastruktur gesichert und zum Teil auch die Wachstumsphase, in der neue Funktionen dazukommen sollen. Je stärker der Dienst wächst, desto teurer wird der Betrieb jedoch. Der Messengerdienst Signal etwa, hinter dem ebenso eine Stiftung steht, bezifferte seine Finanzen 2026 auf 50 Millionen US-Dollar. Einen zweistelligen Millio­nenbetrag kostet demnach alleine die Finanzierung der technischen Infrastruktur. Das Beispiel Signal zeigt, dass es zwar auch ohne das Sammeln und Vermarkten der Nut­ze­r:in­nen­da­ten und ohne öffentliche Förderung geht. Aber gerade Spenden sind eine volatile Einnahmequelle. Marg schlägt daher eine öffentliche Förderung aus dem Tech Sovereignty Package vor, mit dem die EU-Kommission digitale Souveränität stärken will.

Und was ist mit Nutzer:innen, die jetzt wechseln wollen, weg von X? Marg plädiert für Mastodon oder Eurosky. Oliver Marsh von der NGO Algorithmwatch dagegen findet, man müsse auch an Nut­ze­r:in­nen denken, die Social Media nicht für die berufliche oder für politische Kommunikation brauchen, sondern die abends einfach nur durch lustig-belanglose Videos scrollen wollen. Für den oder die könne auch eine US-Plattform die geeignetste sein. Er will sich daher weniger auf einzelne Namen als auf eine politisch-gesellschaftliche Grundlage festlegen: Wahlfreiheit. „Wichtig ist, dass Nut­ze­r:in­nen eine gute Auswahl haben und nicht in Lock-in-­Effekten gefangen sind.“

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