Israel wirft NGOs aus Gaza: „Wo wir arbeiten, gibt es oft niemand anderen“
Israel lässt die Arbeitserlaubnis für 37 Hilfsorganisationen in Gaza auslaufen. Für die Menschen vor Ort ist das die nächste Katastrophe.
Zelte, Küchensets und Matratzen will der Norwegian Refugee Council (NRC) unter anderem in den Gazastreifen bringen. Die 1948 gegründete Hilfsorganisation koordiniert zudem federführend die Zusammenarbeit von humanitären Helfern bei der Unterbringung von Vertriebenen – worauf laut dem UN-Nothilfebüro Ocha rund 1,3 Menschen in Gaza angewiesen sind. „Wir sorgen dafür, dass Hilfe dorthin gelangt, wo sie gebraucht wird“, sagt NRC-Mitarbeiterin Shaina Low der taz am Telefon aus Jerusalem.
Die israelische Regierung will diese Arbeit offenbar nicht weiter dulden und hat NRCs Registrierung zum 1. Januar auslaufen lassen – zusammen mit 36 weiteren Hilfsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen (MSF), Oxfam und Caritas. Das sei spürbar, berichtet Low. Alle 17 vom NRC beantragten Hilfstransporte in den Küstenstreifen seit dem Beginn der Waffenruhe im Oktober seien abgelehnt worden.
Ähnliches berichtet der spanische MSF-Arzt David Noguera Hancock aus Chan Junis im Gazastreifen der taz am Telefon. „Ich werde meinen Einsatz hier wohl verlängern müssen, weil unklar ist, ob meine Nachfolger einreisen können.“ Auch der Nachschub an Medikamenten und Generatoren sei betroffen.
Dabei ist die Arbeit der Organisationen bitter nötig: „In 25 Jahren in der humanitären Nothilfe habe ich nichts Vergleichbares gesehen“, sagt Noguera Hancock. „Gaza ist ein Meer aus Plastikplanen, fast jeder hat direkte Verwandte verloren.“ Rund zwei Millionen Menschen leben auf einer Fläche von der Größe Nürnbergs. Die andere Hälfte von Gaza besetzt die israelische Armee.
Noguera Hancock, MSF
Israel will Mitarbeiterlisten
Geht es nach der israelischen Regierung, sind die Hilfsorganisationen verdächtig: „Terrorismus unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe“ wirft ihnen das zuständige Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und die Bekämpfung von Antisemitismus vor. MSF soll gar einen Kämpfer der Hamas beschäftigt haben.
MSF weist die Vorwürfe zurück. Die Organisation würde niemals wissentlich Personen beschäftigen, die an militärischen Aktivitäten beteiligt seien. „Wir wissen, was es bedeutet, wenn unsere Krankenhäuser angegriffen werden“, sagt Noguera Hancock. MSF sei offen für Kooperation bei Vorwürfen gegen einzelne Mitarbeiter.
Dem israelischen Diaspora-Minister Amichai Chikli aber reicht das nicht. Er fordert Listen mit persönlichen Daten aller lokalen Angestellten. Andernfalls müssten sie Ende März ihre Arbeit einstellen.
„Wir teilen Angaben über unsere lokalen Mitarbeiter nirgendwo auf der Welt mit Kriegsparteien“, sagt Noguera Hancock. Die palästinensischen Mitarbeiter würden Bestrafungsaktionen fürchten. Israel hat binnen zwei Jahren laut UN-Angaben mehr als 550 humanitäre Helfer getötet.
Keine Beweise seitens Israel
Ein Mitarbeiter einer betroffenen Hilfsorganisation sagte der taz, Israel schiebe bürokratische Hürden vor, um eine politische Agenda durchzusetzen. „Unsere Vorkehrungen gegen politische Unterwanderung funktionieren auch in vergleichbaren Konflikten, Gaza ist kein Sonderfall.“
Wenn israelische Behörden überhaupt Beweise vorlegen würden, blieben oft Fragen offen, etwa was ein Hamas-Bezug konkret bedeute. „Humanitäre Hilfswerke sind auf Kooperation mit den lokalen Behörden angewiesen, um Zugang zur betroffenen Bevölkerung zu erhalten“, sagt der Mitarbeiter weiter. „Israelische Stellen verzerren Berichte über solche Kontakte häufig.“
Shaina Low vom NRC fürchtet zudem, dass Israel die Listen nutzen würde, um nach politischen Kriterien Mitsprache bei der Auswahl lokaler Mitarbeiter zu bekommen. Betrachtet man das Vorgehen von Minister Chikli seit seinem Amtsantritt, scheint das nicht abwegig: Laut der Zeitung Ha’aretz verfolgt er das Ziel, öffentliche Kritik an Israels Regierung als Antisemitismus zu werten. 2024 wurde der Verantwortungsbereich für humanitäre Hilfe vom Sozialministerium in sein Haus verlegt.
Low sieht ein Muster im Vorgehen gegen Hilfsorganisationen: „Zunächst hat die Vorgängerregierung 2021 sechs palästinensische NGOs zu Terrorgruppen erklärt, dann nahmen sie sich das UN-Palästinahilfswerk UNRWA vor und jetzt kommen internationale NGOs an die Reihe.“
Hilforganisationen hoffen auf Einigung
Israels Regierung spielt die Bedeutung der NGOs indes herunter: Die betroffenen Hilfsorganisationen seien für keine der Hilfslieferungen während der aktuellen Waffenruhe verantwortlich. MSF würde etwa „nur“ 2 von 15 Feldlazaretten betreiben.
MSF widerspricht: Man unterstütze aktuell jedes fünfte Krankenhausbett im Gazastreifen und begleite fast jede dritte Geburt. 2025 habe MSF rund 23.000 chirurgische Eingriffe durchgeführt. „An den meisten Orten, an denen wir arbeiten, gibt es niemand anderen“, sagt Noguera Hancock.
„Wenn israelische Behörden sagen, wir würden keine Hilfstransporte nach Gaza bringen, dann verschleiert das gleich mehrere Dinge“, sagt Low. Zum einen seien von Israel abgelehnte Einfuhrgenehmigungen der wichtigste Hinderungsgrund. Zum anderen würden NGOs oft jene Hilfsgüter verteilen, die UN-Organisationen hineinbrächten. Und schließlich schlügen sich Maßnahmen wie die Einrichtung von 37 temporären Lerneinrichtungen für Kinder durch den NRC nicht in diesen Zahlen nieder.
Noch hoffen die Hilfsorganisationen auf eine Einigung bis März. Bleibt es bei dem Ausschluss der 37 Hilfswerke, könnten die Folgen dramatisch sein: Aida, ein Zusammenschluss von mehr als hundert internationalen NGOs, warnt in einem offenen Brief vor einer Schließung von 60 Prozent der Feldlazarette sowie aller Stabilisierungszentren für unterernährte Kinder. Als Kompromiss schlägt Aida vor, NGO-Mitarbeiter durch eine unabhängige dritte Instanz prüfen zu lassen.
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