Israel schließt Teil seiner Gasfelder: Jordanien wird der Gashahn abgedreht
Der Krieg in Iran erzeugt Energie-Engpässe: Israel schließt seine Gasfelder im Mittelmeer und Jordanien wechselt in den Notfallbetrieb.
Fünf Kilometer unter der Oberfläche des Mittelmeeres liegt ein kleiner Schatz versteckt – zumindest in Zeiten von mangelhafter Energiewende und militärischen Konflikten. Erdgas, 600 Milliarden Kubikmeter, das die gesamte Region mitversorgen könnte.
Der Leviathan, etwa 130 Kilometer westlich der Küstenstadt Haifa, ist ein Gasfeld in israelischen Gewässern. Dank Abkommen mit Jordanien und Ägypten beliefert Israel schon seit einigen Jahren etliche Nachbarländer mit Gas.
Doch jetzt gehen iranische Drohnen und Raketen in Nahost nieder – auch im Mittelmeer. Und Israel schließt einen Teil seiner Gasfelder, unter anderem den Leviathan. Präventiv, wie bereits beim israelisch-iranischer Krieg im Juni. Die jordanische Regierung kündigt einen Notfallplan an, denn Jordanien gewinnt 58 Prozent seines Stroms aus Gas, das meiste davon aus dem Ausland.
Mehr als 80 Prozent des Gases kommen laut Medienberichten aus Israel. Offizielle Zahlen sind schwer zu finden, denn Importe aus Israel sind in Jordanien ein Tabu. Das 2016 unterzeichnete Abkommen war lange geheim. Mindestens die Hälfte der Jordanier*innen hat palästinensische Wurzeln. Dass das Land im Energiesektor so abhängig ist von Israel, sehen viele kritisch. Immer wieder gab es Proteste, durch die Altstadt der Hauptstadt Amman zogen 2021 nach dem Freitagsgebet mehrfach wütende Demonstrierende mit roten Schildern in der Hand. „Gas vom Feind ist Besatzung“, stand dort in arabischer Schrift.
Fabriken müssen auf andere Energien umschalten
Laut dem Deal sollen in 15 Jahren 45 Milliarden Kubikmeter Gas aus dem Leviathan nach Jordanien fließen. Ein weiteres Abkommen aus dem Jahr 2014 sah Lieferungen aus dem israelischen Tamar-Gasfeld vor, insgesamt liegen sie momentan bei 3 Milliarden Kubikmetern für 15 Jahre. Das wären insgesamt 48 Milliarden Kubikmeter. Laut Daten des jordanischen Energieministeriums produzierte das Königreich 2024 insgesamt weniger als 170 Millionen Kubikmeter Gas.
Jetzt ist der Ernstfall eingetreten: Unter dem Notfallplan erhalten Fabriken vorläufig kein Gas mehr und müssen auf andere Energiequellen umschalten. Haushalte und kritische Infrastruktur werden priorisiert. Energieminister Saleh Kharabsheh kündigte am Sonntag an, man wechsele auf andere importierte Gasquellen sowie auf Diesel und Schweröl. Dies wird der staatlichen Energiefirma Nepco zusätzliche 1,8 Millionen Dinar pro Tag, etwa 2,18 Millionen Euro kosten. Gleichzeitig teilte Nepco mit, man habe genug Treibstoffvorräte für mindestens 30 Tage.
Eine Sprecherin des Energieministeriums schrieb der taz, Jordanien beziehe seinen Strom aus verschiedenen Quellen und habe genug Erdölderivate und Flüssiggas für die Haushalte. Gerade gebe es kein Defizit bei der Energieversorgung. Ebenso wenig spiegelten sich die Zusatzkosten für den Staat in den Stromrechnungen der Verbraucher wider, da die Tarife festgelegt seien.
Die Energiepreise werden steigen
Im Alltag spüren die Menschen momentan in der Tat kaum Folgen. Die Preise für Diesel und Benzin sind nur minimal gestiegen. Große Unternehmen wie Arab Potash und Jordan Phosphate Mines ließen jedoch Anfragen diesbezüglich unbeantwortet. Ein Firmenbesitzer, der im Minengeschäft arbeitet und anonym bleiben möchte, sagte, seine Firma müsse auf Schweröl umschalten. Die Produktion gehe unberührt weiter, doch die Kosten stiegen.
„Die Energiepreise werden steigen“, prognostiziert auch Energieexperte Samer Zawaydeh. Eigentlich seien die Ausgaben für das Gas aus Israel festgelegt, 10 Milliarden US-Dollar hat Nepco damals mit der US-Firma Noble Energy ausgemacht, die am Leviathan arbeitet. Doch laut Zawaydeh könnte der Konflikt die Lage verändern.
Über eine Schiffsanlage in Akaba könne Jordanien Gas aus anderen Märkten beziehen, aber nur solange das Rote Meer frei bleibt. „Wenn etwas im Roten Meer passiert, dann haben wir ein Problem.“
Erneuerbare bleiben im Wüstenstaat unzureichend genutzt
Auch Öl aus Saudi-Arabien fließt durch das Rote Meer in die Welt, seit der Iran die Straße von Hormus versperrt hat. Durch die Schiffspassage passierten vor dem Krieg 20 Prozent der Ölprodukte weltweit. Zudem hat Katar seine Gasverflüssigungsanlage nach einem iranischen Raketenangriff geschlossen, das Land ist einer der größten Exporteure weltweit.
Bereits jetzt zeigt der Konflikt seine Auswirkungen auf den europäischen Energiemarkt. Am Montag war Benzin laut Medienberichten um rund zehn Prozent teurer, Gaspreise haben sich fast verdoppelt. Momentan sieht die Europäische Union indes keinen Notfallplan vor. Nach dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine bezieht Europa das meiste seines Flüssiggases aus den USA.
Im ressourcenarmen Jordanien versucht die Regierung, die Nutzung von Solarenergie voranzutreiben. Doch obwohl der Anteil erneuerbarer Energie jüngst auf 27 Prozent gestiegen ist, bleibt das heimische Potenzial im wüstenreichen Land noch unzureichend genutzt. „Dafür brauchen wir strukturelle Veränderungen“, sagt Zawaydeh, „vor allem Speichertechnologien.“ Seit 2020 steht zudem ein hydroelektrisches Projekt am Mujib-Damm auf dem Plan. Das Projekt laufe „im Schildkrötentempo“.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert