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Putins Ideologen im Kampf gegen Aristoteles

Zwei deutsche Schiffe verließen im Herbst 1922 den Hafen von Petrograd. An Bord waren Philosophen, Historiker und Soziologen, die aus Sowjetrussland ausgewiesen wurden. Später ging diese Aktion, von der mehr als 250 Menschen betroffen waren, als das „Philosophenschiff“ in die Geschichte ein. Denn unter den Passagieren befanden sich bedeutende Vertreter der russischen Philosophie.

Für Lenin waren Intellektuelle, die marxistische Ideen nicht unterstützten, keine Opponenten, sondern politische Gegner. Er forderte, diese „Spione und Verderber der lernenden Jugend“ zu verfolgen und außer Landes zu schaffen. Wie Trotzki sagte, habe man sie ausgewiesen, weil es „keinen Grund gab, sie zu erschießen, aber unmöglich war, sie zu dulden“.

Die Ausgewiesenen ließen sich später in Berlin oder Paris nieder und leisteten bedeutende Beiträge zur internationalen Wissenschaft. Die Vertreibung der intellektuellen Elite unterbrach die Entwicklung des freien philosophischen Denkens in Russland für Jahrzehnte.

Noch tragischer war das Schicksal jener Wissenschaftler, die im Land geblieben waren. Viele wurden später Opfer politischer Repressionen.

Stundenlange Verhöre von Wissenschaftlern

Ein Jahrhundert später kehrt die Geschichte in Russland in erstaunlich vertrauter Form zurück. Immer häufiger werden einzelne Wissenschaftler oder ganze Forschungseinrichtungen als „unpatriotisch“ oder „extremistisch“ diffamiert. Das Ziel ist dasselbe geblieben: die ideologische Kontrolle.

Das jüngste Opfer dieser Entwicklung ist das Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Am 19. Mai durchsuchten Beamte des „Zentrums zur Bekämpfung von Extremismus“, einer FSB-Struktur, frühmorgens die Wohnungen von zehn Wissenschaftlern. Danach wurden sie zu stundenlangen Verhören gebracht. Unter ihnen befand sich auch der 87-jährige Direktor des Instituts, Professor Guseinow.

Alle Betroffenen waren an einem Projekt zur Neuübersetzung von Aristoteles ins Russische beteiligt. Die Anklage gegen sie wirkt geradezu absurd: Angeblich seien die Projektziele nicht erfüllt worden. Natürlich geht es nicht um Verwaltungsfehler und nicht um unzureichende Projektberichte. Die wissenschaftlichen Beiträge wurden veröffentlicht, die Berichte eingereicht und akzeptiert. Die Leiterin des Projekts, Svetlana Mesyats, sitzt inzwischen unter Hausarrest, den anderen wurde die Ausreise aus Moskau untersagt.

Druck nationalistischer und ultrakonservativer Kräfte

Der wahre Grund für die Verfolgung liegt woanders. Man will ein politisches Verfahren als einen rein administrativen Vorgang tarnen und an den Philosophen ein Exempel statuieren. Das Institut steht seit Jahren unter dem Druck nationalistischer und ultrakonservativer Kräfte. Seit 2021 gibt es Versuche, die Leitung neu zu besetzen und die wissenschaftliche Arbeit zu kontrollieren.

Dem Institut wird vorgeworfen, „Zuflucht für Verräter, ausländische Agenten und Extremisten“ zu sein. Zu den lautstärksten Kritikern gehören Alexander Dugin und Konstantin Malofejew – ein nationalistisch gesinnter Medienmagnat mit engen Verbindungen zur russisch-orthodoxen Kirche.

Dass ausgerechnet das Aristoteles-Projekt ins Visier geraten ist, hat eine fast symbolische Bedeutung. Einige Vertreter des nationalistischen Lagers betrachten die Beschäftigung mit Aristoteles als verdächtig, weil sie in ihm einen Wegbereiter westlicher politischer und intellektueller Traditionen sehen.

Der Fall der Aristoteles-Forscher ist weit mehr als eine neue Episode der Repressionen. Wenn selbst die Übersetzung eines antiken Philosophen als feindlich erscheint, dann richtet sich der Kampf längst nicht mehr gegen einzelne Wissenschaftler. Er richtet sich, wie vor 100 Jahren, gegen das freie Denken selbst.

Irina Scherbakowa ist Vorsitzende der Organisation Zukunft Memorial.

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