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„Irgendwann waren wir so hungrig wie in Gaza“

Jordanische Stiftungen ermöglichen Kranken aus dem zerstörten Gazastreifen eine Behandlung in Jordanien. Doch einige der Betroffenen fühlen sich im Stich gelassen, was ihre Versorgung betrifft

Aus Amman Serena Bilanceri (Text und Foto)

Sie sind schwer in Worte zu fassen, die Gefühle, die sich auf den Gesichtern von Menschen ablesen lassen, die gerade aus einem Kriegsgebiet kommen. Entkräftung, Unwohlsein – aber auch Freude. Erleichterung. Das Gefühl, das Schlimmste im Leben überstanden zu haben, dem Sumpf aus Verzweiflung und Leiden entkommen zu sein. All diese Gefühle konnte man in den Gesichtern der Menschen aus dem Gazastreifen lesen, die Anfang Dezember am Grenzübergang Allenby Bridge aus dem Bus stiegen und den Fuß auf jordanischen Boden setzten.

Unter ihnen war Ahmed al-Masri, auch er war erleichtert, vorläufig in Sicherheit zu sein. Doch jetzt ist er sauer. Er ist aus Gaza nach Jordanien gebracht worden, damit seine kranken und verletzten Kinder dort behandelt werden können. Doch hier im haschemitischen Königreich dürfen er und seine Frau nicht arbeiten, und jetzt müssen sie auch noch sehen, wo sie etwas zum Essen finden.

Vor wenigen Wochen hat die taz über das Schicksal der al-Masris berichtet, eins der Kinder war an Augenkrebs erkrankt, die Familie fand deshalb Zuflucht in Jordanien. Das Kind war eines von mehreren hundert, die Jordanien in den vergangenen Monaten aufgenommen hat. Israels Nachbarland zählt zu den Staaten, die seit Beginn des Kriegs die meisten Menschen aus Gaza aufgenommen haben, um sie gesund zu pflegen. Verschiedene Organisationen beteiligen sich an der medizinischen Versorgung und den finanziellen Kosten. Denn die Pa­ti­en­t*in­nen und deren Angehörige müssen je nach Schwere der Krankheit Monate, teils Jahre in Jordanien bleiben. Die al-Masris zum Beispiel fanden Unterstützung durch die König-Hussein-Krebsstiftung. Gegründet und geleitet von einem Mitglied der Königsfamilie, gilt die Stiftung als größte medizinische Hilfsorganisation Jordaniens.Bis Mitte Mai konnte Familie al-Masri in einem Hotel mit Vollpension leben, dann musste sie in ein Apartment umziehen. Das sei das normale Prozedere, wenn die akute Behandlungsphase vorbei ist, sagt ein Sprecher der König-Hussein-Krebsstiftung.

So wie das Hotel ist die neue Bleibe der al-Masris modern eingerichtet, drei Zimmer mit Kochnische, glänzend weiße Fliesen im Gemeinschaftsbereich, ein Pferdebild schimmert an der Wand. Doch hier im Apartment muss sich die Familie ihre Mahlzeiten selbst besorgen. Kein Problem eigentlich. Doch von der königlichen Stiftung kommt seit drei Monaten kein Taschengeld mehr. Die al-Masris, sie sind jetzt auf Spenden von wohlwollenden Jor­da­nie­r*in­nen angewiesen. „Ich bin sprachlos“, sagt Vater Ahmed al-Masri. „Wir haben einmal einen Punkt erreicht, an dem wir so hungrig waren wie in Gaza.“ Nach­ba­r*in­nen und andere Menschen brächten ihnen inzwischen Nahrungsmittel, mal ein Teller Reis mit Fleisch, mal etwas Geld.

Auf schriftliche Anfrage der taz bestritt ein Sprecher der König-Hussein-Stiftung zunächst, dass die Schilderung der al-­Mas­ris stimme. Bei einem Gespräch am Telefon jedoch bestätigte eine andere Mitarbeiterin, dass die Stiftung seit April kein Taschengeld mehr ausgezahlt hat. Nicht nur den al-Masris, sondern allen Familien aus Gaza in Obhut der Stiftung. Das Problem liege bei einer Veränderung des entsprechenden Zahlungsverfahrens und solle bald behoben werden. In ein, zwei Wochen vielleicht.

Vor dem „Problem“, sagen die al-Masris, hätten sie 87 Dinar pro Monat bekommen, etwa 108 Euro. Selbst im günstigen Jordanien ist das nicht besonders viel Geld, wenn man damit eine elfköpfige Familie ernähren soll. Ohne Pass, der nach Angaben der Familie von den Behörden einbehalten wurde, und ohne Arbeitserlaubnis, können sich die Eltern kaum legale Einnahmequellen suchen.

Es ist unklar, wie vielen anderen Familien es so ergeht. In letzter Zeit gab es in den jordanischen Whatsapp-Chatgruppen jedenfalls mehrere Spendenaufrufe für Menschen aus Gaza, die in Jordanien behandelt werden und um Essen, Kleidung oder Geld bitten. Manchen scheint es noch schlimmer zu gehen als den al-Masris.

Eine junge Frau, die anonym bleiben möchte und mit drei Kindern in einem Zimmer mit Kochnische lebt, blickt etwas verwirrt, wenn man sie nach dem Taschengeld für Essen und Kleidung fragt. Taschengeld habe sie nie bekommen, sagt sie. Ihre Kinder versorge sie von Anfang an aus eigener Tasche und durch Spenden. Die vier werden nicht von der König-Hussein-Stiftung betreut, sondern von einer anderen Organisation. Für eine Stellungsnahme war die nicht zu erreichen.

Die Behandlung ihres Kindes und die Unterkunft, das werde übernommen, sagt die Frau mit Kopftuch. Es ist heiß, auf einem der zwei Betten neben ihr liegt ein Junge in Windeln, der so aussieht, als wäre er nur einige Monate alt. Eigentlich ist er schon zwei. Im Flur kreischen weitere Kinder, eines fährt Dreirad.

Deutschland hat seit Kriegsbeginn nur zwei Kinder aufgenommen und behandelt

Monther Howarat ist der stellvertretende Abteilungsleiter für Patientenangelegenheiten im König-Hussein-Krebszentrum, das von der gleichnamigen Stiftung getragen wird. Howarat betreut auch Menschen aus Gaza. Angesprochen auf das Versorgungsproblem der al-Masris sagt er, man brauche mehr Spenden. Doch Howarat sagt auch: „Wir sind ein armes Land.“ Man habe schon viel getan, sagt die Mitarbeiterin der König-Hussein-Stiftung am Telefon. Sie klingt genervt.

Die Stiftung habe schon mehr als 6 Millionen Euro in die Versorgung der Menschen aus Gaza investiert, sagt eine leitende Ärztin des Krebszentrums. Über 2.000 Menschen hat Jordanien aus Gaza evakuiert. Die Regierung brüstet sich mit der Ini­tiative. Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben noch mehr Kranke aufgenommen. Auch Länder wie ­Italien und Spanien sind dabei. Deutschland hat seit Kriegsbeginn nur zwei Kinder aufgenommen und behandelt. Von der Bundesregierung hieß es, man wolle lieber die Länder in der Region unterstützen, die Kranken und Verletzten aufzunehmen. Doch die haben teils eigene Probleme. Arbeitslosigkeit, Armut, autoritäre Regime. Auf Nachfrage schrieb das Auswärtige Amt, man habe Ägypten Hilfsgüter im Wert von 3,1 Millionen Euro zur Verfügung gestellt sowie über 110.000 Euro der NGO Kinder Relief. Auf Fragen zu Hilfen an Jordanien für die Behandlung von Ga­za­ne­r:in­nen antwortete das Ministerium nicht.

Ahmed al-Masri ist frus­triert von der Situation: „Sollen sie uns wenigstens unsere Pässe geben, damit wir nach Europa auswandern können, wo es menschlicher zugeht.“ Doch das sieht schwierig aus. Die Familien werden in der Regel nach Gaza zurückgebracht, sobald die ­Behandlung in Jordanien abgeschlossen ist. Es heißt, man wolle nicht zur Vertreibung der Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen beitragen. In der Zwischenzeit müssen die al-Masris sehen, wo sie ihre nächste Mahlzeit finden.

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