Irak in der WM-Qualifikation: Arabische Hoffnungen
Der Irak spielt am Dienstag gegen Bolivien um einem Platz bei der WM. Unter dem Chaos, das der Irankrieg in die Region bringt, leidet der Fußball.
Als Anfang März im Iran der Krieg begann und fast überall am Persischen Golf der Luftraum gesperrt wurde, da rückten auch die großen Ambitionen der irakischen Fußball-Nationalmannschaft in weite Ferne. Seit Monaten bereitete sie sich auf den 31. März vor, den Tag des entscheidenden Playoff-Spiels um einen der letzten Startplätze für die WM 2026. An diesem Tag könnte sich der Irak zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder für das wichtigste Fußballturnier qualifizieren. Doch der Spielort der Playoffs, das mexikanische Monterrey, erschien nun, da viele Flughäfen der Region geschlossen waren, fast unerreichbar.
Der irakische Fußballverband musste improvisieren und sagte ein Trainingslager für Houston in den USA ab. Dort wollte sich die Mannschaft Mitte März eigentlich an die klimatischen Bedingungen gewöhnen und dann weiter nach Mexiko fliegen. Nun aber, während des Krieges im Nachbarland Iran, reisten die Spieler aus ihren irakischen Wohnorten auf dem Landweg nach Arar, einer Grenzstadt im Norden von Saudi-Arabien.
Von dort flogen sie mit einer Privatmaschine nach Mexiko. „Ein großes praktisches Problem war für die Mannschaft, rechtzeitig Visa zu bekommen“, sagt Robert Chatterjee, stellvertretender Chefredakteur des Nahostmagazins Zenith. „Doch die mexikanischen Behörden haben da offenbar viel Entgegenkommen gezeigt. Und so ist das Team rechtzeitig eingereist.“ Der Playoff-Gegner an diesem Dienstag ist Bolivien.
Der Irak, ein Land mit fast 50 Millionen Einwohnern, wurde über Jahrzehnte durch Krieg, Terror und Wirtschaftskrisen geprägt. Doch in den vergangenen Jahren erlangte der Staat wieder eine relative politische Stabilität. Unternehmen wurden gegründet, Investoren aus dem Ausland siedelten sich an. Im Fußball bauten die Regierung und der Verband neue Spielfelder und verbesserten die Talentförderung.
Brutale Fußballgeschichte
Die Nationalmannschaft, die ihre Heimspiele aus Sicherheitsgründen fast 30 Jahre im Ausland bestritten hatte, durfte mit Erlaubnis der Fifa wieder Pflichtspiele vor heimischem Publikum austragen. Nicht in der Hauptstadt Bagdad, aber in Basra und Erbil. „Der Fußball stand symbolisch für eine Aufbruchsstimmung“, sagt Chatterjee. „Im Irak wurden Innenstädte saniert, der Tourismus wuchs wieder. Doch all das ist nun wegen des Irankrieges in Gefahr.“
Der Irak ist ein ethnisch und religiös vielfältiges Land. In den 1980er und 90er Jahren war es Diktator Saddam Hussein, der Spannungen mit Gewalt eindämmen ließ, zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Kurden und Islamisten. Die Fußballklubs wurden eng an Armee, Ministerien und Polizei angebunden. Und im irakischen Fußballverband hatte Udai Hussein das Sagen, der älteste Sohn des Staatschefs.
„Wenn die Mannschaft gewonnen hat, dann beschenkte Udai Hussein die Spieler mit Häusern“, erzählt der irakische Fernsehjournalist Rafeq Alokaby. „Doch wenn sie verlor, dann steckte er sie ins Gefängnis und ließ ihre Haare abrasieren. Es gab auch im Fußball keine Freiheit.“
Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 versank der Irak im Chaos – Terroranschläge, Entführungen, Verletzungen durch Landminen. Der Fußballverband bezog Büros in Jordanien. Spieler, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, trugen Waffen und Schutzwesten. Immer wieder versuchte der sogenannte Islamische Staat, auch im Fußball neue Mitglieder zu rekrutieren. Und immer wieder verübte er Anschläge auf Stadien und Sportplätze.
Euphorie nach der Asienmeisterschaft 2007
Trotz allem spielte die irakische Nationalmannschaft bei der Asienmeisterschaft 2007 überraschend gut, schlug im Halbfinale den Favoriten Südkorea. In Bagdad jubelten Zehntausende auf den Straßen. Dann der Schock: Zwei Selbstmordattentäter mischten sich unter die Feiernden und töteten mehr als fünfzig Menschen.
„Die irakischen Spieler wollten das Finale aus Respekt vor den Toten nicht bestreiten“, erinnert sich der Journalist Clemens Zavarsky, der sich für das österreichische Magazin Ballesterer mit dem Irak beschäftigt hat. „Doch Angehörige der Opfer haben den Spielern Mut gemacht.“ Der Irak gewann das Endspiel gegen Saudi-Arabien 1:0. Eine Sensation, die vielen Irakern Mut machte, zumindest für einige Tage.
Sollte sich die irakische Mannschaft nun nach 40 Jahren wieder für eine WM qualifizieren, dann wäre die Euphorie wohl noch größer als 2007. Nicht nur im Irak, sondern auch in der großen Diaspora. Rund 5 Millionen Menschen irakischer Abstammung leben außerhalb des Irak, 300.000 davon in Deutschland.
Robert Chatterjee formuliert es so: „Der Irak könnte bei der WM die Mannschaft sein, auf die sich emotional die gesamte arabische Welt einigen kann.“ Klingt nach großen Erwartungen, vielleicht auch nach Druck. Doch für die Spieler wäre es nach all den Gefahren und Strapazen wohl vor allem: ein Privileg.
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