piwik no script img

Integrationsprojekt vor dem AusZukunftschancen ohne Zukunft?

Das Integrationsprojekt „Flucht nach vorn“ steht kurz vor dem Aus. Es unterstützt junge Geflüchtete, die durchs Raster des Regelschulsystems fallen.

Der Lehrer Alessio Trevisani und seine Schü­le­r*in­nen im Deutsch-Abschlusskurs A2.1 in Berlin-Rummelsburg Foto: Maria Sturm

Aus Berlin

Clarissa Hofmann

„Was seht ihr?“, fragt Alessio Trevisani, von seinen Schü­le­r*in­nen liebevoll nur mit „Lehrer“ angesprochen, während er ein Bild austeilt. Darauf sind zwei Personen zu sehen: Ein junger Mann und ein Kind spazieren Hand in Hand. Kaum ist die Frage gestellt, rufen die Schü­le­r*in­nen Sätze in den Raum: „Sie sehen glücklich aus!“ –„Das sind Vater und Sohn!“ – „Sie laufen barfuß!“

Die Tische sind zu einem U zusammengestellt, an der linken Seite sitzt Shaahusain Muzazai, er hat seine Winterjacke noch an, wie viele hier im Raum. Er erzählt, dass es eine Barfußstraße in Berlin-Wedding gibt. Der Lehrer schaut ihn fragend an: „Laufen da alle barfuß?“ – „Nein“, lacht Shaahusain, „so heißt die Straße.“

Trotz der glatten Gehwege und den Minusgraden sind an diesem Januarmorgen 12 von 13 eingeschriebenen Teil­neh­me­r*in­nen zum Deutsch-Abschlusskurs A2.1 des Projekts „Flucht nach vorn“ nach Berlin-Rummelsburg gekommen. Unter ihnen Menschen aus Afghanistan, Irak, Georgien, der Türkei, Kambodscha, Benin und weiteren Ländern. Sie sind zwischen 16 und 22 Jahre alt.

„Laufen da alle barfuß?“, fragt Lehrer Trevisani Foto: Maria Sturm

Der 18-jährige Shaahusain aus Afghanistan ist seit knapp drei Jahren in Berlin. Zunächst war er in einer Willkommensklasse auf einer Schule in Berlin-Lichtenberg. „Ich habe mich nicht so wohlgefühlt, war dort nicht glücklich“, erzählt er. Auch weil es ihm zu viele Personen in einer Klasse gewesen seien.

In kleinen Gruppen lernen

Seit fast einem Jahr ist er bei „Flucht nach vorn“. Hier kann er in einer kleineren Gruppe und einem langsameren Tempo Deutsch lernen. „Alle Leute sind sehr freundlich, ich bin wirklich glücklich hier“, sagt Shaahusain.

„Wir erfüllen eine wichtige Brückenfunktion“, sagt Martina Gartner, Leiterin des Projekts Foto: Maria Sturm

Das Integrationsprojekt „Flucht nach vorn“ von der Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI) ist einer der wenigen außerschulischen Orte in Berlin, an dem junge Geflüchtete von 16 bis 25 Jahren täglich Deutsch lernen können. Die Kurse richten sich vor allem an diejenigen, die nicht den Übertritt von der Willkommensklasse in eine Regelklasse schaffen, oder die zu alt für die Schulpflicht und die Jugendhilfe sind. Oft haben sie einen geringen Bildungshintergrund und waren nur wenige Jahre in einer Schule.

Auch Alphabetisierungskurse, Mathekurse und sozialpädagogische Betreuung sind Teil des Projekts. Dabei spielt der enge Austausch mit den zuständigen So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen und Einrichtungen eine große Rolle. Im Regelschulsystem fehlen dafür oft die Kapazitäten. Zurzeit nutzen fast 200 Personen die Angebote. Martina Gartner, seit fünf Jahren die Projektleiterin von „Flucht nach vorn“ sagt: „Wir erfüllen eine wichtige Brückenfunktion.“

Seit fast 40 Jahren eine Brückenfunktion

Schon seit fast 40 Jahren kann diese Brückenfunktion bei jungen Geflüchteten ihre Wirkung zeigen. Doch jetzt steht es um die Zukunft des 1987 gegründeten Projekts nicht gut. Ende November 2025 kam die Nachricht, dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie ihre Förderung komplett einstellen will.

Dabei hat sich das Projekt vor zwei Jahren noch stark vergrößert. Die Anzahl des Personals und der Teil­neh­me­r*in­nen ist fast um das Doppelte gestiegen. „Das Schlimmste, was wir befürchtet haben, war, dass wir Stellenanteile verlieren und uns wieder verkleinern“, sagt die Projektleiterin.

Shaahusain Muzazai kommt aus Afghanistan. Er möchte einmal Krankenpfleger werden. Oder Maler Foto: Maria Sturm

Die Sorge, dass es Kürzungen gebe, habe jeder Träger am Jahresende, meint Gartner, aber da sie bis Ende November nichts Negatives gehört hatten, war die plötzliche Nachricht vom Aus ein „großer Schock“.

Klar ist, dass das laufende Semester noch abgeschlossen werden kann. Wie es Anfang Februar weitergeht, ist im Moment noch unklar. „Wir sind total in der Schwebe“, sagt Projektleiterin Gartner.

Abschließende Aussage zur Finanzierung nicht möglich

Auf Anfrage der taz bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Soziales bestätigt diese: „Eine abschließende Aussage zur Finanzierung des Projekts ‚Flucht nach vorn‘ ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich.“ Der Prozess befinde sich in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung (SenASGIVA) und sie würden die dort ausstehenden Entscheidungen abwarten. Auf Nachfrage bei der SenASGIVA, teilt diese der taz jedoch mit, dass eine Finanzierung des Projekts im jetzigen Doppelhaushalt nicht vorgesehen sei.

Von links: Soksambath aus Kambodscha, Helene aus Georgien und Ibrahim aus Guinea Foto: Maria Sturm

In ganz Berlin sind ähnliche Projekte von Kürzungen oder sogar einem Ende der Finanzierung betroffen. Was rund um die Haushaltsverhandlungen immer wieder seitens der Träger und Projektbeteiligten beklagt wird: das Kommunikationschaos und die damit einhergehende Unsicherheit. Auch für den Ende Dezember beschlossenen Rekordhaushalt 2026/27 waren zunächst große Einsparungen in vielen Bereichen vorgesehen.

Doch kurz vor Beschluss des Doppelhaushalts die Überraschung: Viele angekündigte Kürzungen werden doch nicht vorgenommen. Auch wenn das für viele Projekte eine gute Nachricht ist, hat die vorherige Kürzungsankündigung längst Spuren in den einzelnen Strukturen hinterlassen.

Das ist auch der Fall beim Projekt „Flucht nach vorn“. Bereits drei Honorarlehrkräfte hätten Martina Gartner mitgeteilt, dass sie aufgrund der unsicheren Zukunft aufhören. Würde das Projekt weiterfinanziert, müsste Gartner erst mal neue Stellen ausschreiben. Das würde bedeuten, dass sich der nächste Semesterstart verzögert. Diese Unterbrechung dürfe nicht zu lange dauern, sonst verlassen die Honorarkräfte, die noch geblieben sind, das Projekt. Denn „kein Unterricht kann für sie existenzbedrohend sein“, sagt Gartner.

Psychische Stabilität und Alltagsstruktur

Zu große Lücken, ob durch einen verzögerten Semesterstart oder durch ein komplettes Ende des Projekts, sind auch für die Teil­neh­me­r*in­nen hochproblematisch. Denn sie brauchen die psychische Stabilität, Alltagsstruktur und eben auch die an die Kurse gebundene Fortsetzung der Jugendhilfen.

Etwa 30 Prozent der jungen Geflüchteten bei „Flucht nach vorn“ sind in der Jugendhilfe, haben also ein Umfeld, das sie auffangen kann. Martina Gartner und ihre Mit­ar­bei­te­r*in­nen beginnen schon jetzt, mit den Be­treue­r*in­nen in den Austausch zu treten, damit sie früh nach Alternativen suchen können. „Schwieriger wird es bei denen, die nicht betreut sind“, sagt Gartner.

Das sind zum Beispiel Personen, die in Gemeinschafts- oder in Obdachlosenunterkünften leben. Bildungsangebote für diese jungen Menschen seien in Berlin sehr begrenzt. „Ich bin nicht zuversichtlich, dass wir allen ein Alternativangebot anbieten können“, sagt Gartner. Für Personen aus dieser Gruppe, die im Alphabetisierungskurs sind oder die eine enge sozialpädagogische Betreuung brauchen, werde es besonders schwierig. „Ein Angebot wie ‚Flucht nach vorn‘ gibt es für sie nicht noch mal in Berlin“, sagt die Projektleiterin.

Was Martina Gartner fordert, ist eine andere Finanzierungsstruktur. „Es gibt ein Projekt, von dem man anscheinend seit 40 Jahren überzeugt war, dass die Stadt es braucht, warum muss es dann eine jährliche Finanzierung sein, warum kann man nicht längerfristig planen?“ Der Bedarf sei schließlich nicht plötzlich weg.

Wenn das Projekt als Bildungsbrücke abgebaut oder abgebrochen wird, „dann verlieren nicht nur die teilnehmenden Personen Zukunftsperspektiven, es entstehen dabei auch hohe finanzielle und gesellschaftliche Kosten“, sagt Martina Gartner.

Shaahusain ist einer der Glücklichen, die noch mithilfe des Projekts Zukunftsperspektiven aufbauen können. Er möchte erst mal die B1-Prüfung schaffen und dann eine Ausbildung machen. In welchem Beruf, das sei noch offen, vielleicht Krankenpfleger oder Maler. Wenn er könnte und das Projekt weitergeführt werde, würde er gern noch einen A2-Kurs bei „Flucht nach vorn“ machen, sagt er, „Ich will hierbleiben.“

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare