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Integration ist keine EinbahnstraßeDie undankbaren Türken

Deutschland bemüht sich seit 65 Jahren, mit Sprachwitz und Spucke Heimatgefühle bei Türken zu erzeugen. Und wir? Klagen dagegen! Und bekommen Recht!

Orientalische Sitten: Kaum wird's mal ein bisschen warm, setzen sich die Leute raus Foto: Andreas Arnold/dpa

F elsenfest bin ich inzwischen davon überzeugt, dass wir Türken ein total unfaires Volk sind und die armen Deutschen uns niemals recht machen können!

Wie haben wir doch früher ständig rumgejammert, dass die Integration auf keinen Fall einseitig verlaufen darf und dass die Deutschen uns auch ein bisschen entgegenkommen müssen, sonst wäre das ja keine schöne Integration, sondern nur eine hässliche Assimilation und so weiter und so fort …

Was haben die netten Deutschen daraufhin gemacht?

Das ganze Land ist jeden Sommer nach Antalya und Istanbul geflogen und hat alle unsere Sitten und Gebräuche nach Deutschland geschleppt, um uns das Leben hier so angenehm wie möglich zu machen. Ich meine damit nicht nur den Döner.

Viel Spucke auf beide Wangen

Als wir damals vor 65 Jahren hierherkamen, haben die Deutschen bei der Begrüßung nicht mal die Hand gegeben – ich meine nicht uns, das war ja normal –, sondern gegenseitig. Jetzt küssen sie sich hemmungslos und laut schmatzend mit viel Spucke auf beide Wangen, so wie wir.

Damals saßen die Leute selbst im Sommer bei 35 Grad in Cafés und Restaurants bei fest verschlossenen Fenstern und Türen drinnen. Heute sind alle Bürgersteige mit Tischen und Stühlen vollgestellt, so dass kein Mensch mehr durchkommt, genauso wie in der Türkei. Und in deren Küchen arbeiten auch nur Schwarzhaarige.

1974 riefen die Deutschen nicht mal„Hurra, Deutschland ist Fußball-Weltmeister“, stattdessen murmelten sie verschämt: „Die BRD hat irgendein Turnier gewonnen.“ Niemand kam auf die Idee, begeistert auf die Straße zu gehen, schon gar nicht mit einer Deutschlandflagge in der Hand. Heute veranstalten sie nach türkischem Vorbild die ganze Nacht Hupkonzerte mit langen Autokonvois, selbst nach einem 2:1 Sieg gegen Färöer-Inseln.

Aus Rücksicht auf uns gibt es so gut wie keine Behörden oder Firmen mehr, bei denen man nicht mit etwas Schmiergeld weiterkommt. Überall herrschen tolle orientalische Verhältnisse, die das Leben leichter machen.

Sie nannten die NSU-Morde nicht mal NSU-Morde, sondern höchst entgegenkommend Döner-Morde

Damit aber nicht genug: Unsere höchst integrationswilligen Deutschen haben sogar die politischen Verhältnisse hierher transportiert, damit sich der chronisch unzufriedene Türke endlich wie in der Türkei fühlt. Deshalb hat die nette deutsche Polizei jahrelang so getan, als könnten sie die politischen NSU-Morde an Türken nicht aufklären.

Sie nannten die NSU-Morde nicht mal NSU-Morde, sondern höchst entgegenkommend Döner-Morde. Die Ermittler waren so taktvoll, in dem sie die Opfer zu Tätern erklärten und deren Familien all die Jahre des Mordes beschuldigten.

Um unser Heimatgefühl auf die Spitze zu treiben, verweigerte das Gericht der türkischen Presse sogar den Zutritt zum Gerichtssaal, damit die armen Reporter aus der Türkei keinen unnötigen Demokratie-Schock erleiden.

Aber Einige haben das einfühlsame Gericht in Bayern dafür verklagt. Und das Gericht in seiner Güte hat denen auch noch recht gegeben. Wie weit sollen diese armen Menschen uns denn noch entgegenkommen? Noch mehr Anpassung und Integration an unsere Sitten und Gebräuche können wir nun wirklich nicht verlangen. Wir sind so was von undankbar!

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