Influencer-Comedy „Babystar“: Das ist schon nice
In seinem satirischen Spielfilm „Babystar“ zeigt Joscha Bongard eine Influencer-Familie der Hölle. Den kapitalistischen Oberflächenkult inszeniert er konsequent kalt.
Dass der Influencer-Film als eigenes Subgenre in den letzten Jahren im Kino Konjunktur hat, ergibt total Sinn. Schließlich bieten die Kapitalisierungsmechaniken im Zeitalter totaler Socialmedialisierung mit ihren Ambivalenzen und teils unfassbaren Blödheiten viele Angriffsflächen für filmische Auseinandersetzungen.
Auch Joscha Bongard hat sich bereits in seinem Langfilmdebüt, dem Dokumentarfilm „Pornfluencer“, mit dem Influencertum beschäftigt. Er folgte einem jungen Paar, das als „Verified Couple“ mit selbstgedrehten Pornos nach Freiheit und Reichtum strebte – ein Film, der sich von dem sex- und pornopositiven Vorhaben, das der Regisseur ursprünglich im Sinn hatte, zum verstörenden und doppelbödigen Porträt einer toxischen Beziehung entwickelte.
Mit „Babystar“, mit dem der 31-jährige Regisseur auf das Toronto International Film Festival eingeladen wurde, macht er nun spielfilmisch ziemlich genau dort weiter. Gleich in den ersten Einstellungen strahlen die Bilder wie unter einem Instagram-Filter, Kinderfans steigen aus dem Auto, um, begleitet von Kameras, Momente mit Luca Sommer (Maja Bons) und ihren Eltern Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald) zu verbringen. „Das Beste ist, dass wir dafür bezahlt werden, dass wir einfach wir sind. Das ist schon nice“, sagt Luca.
„Babystar“. Regie: Joscha Bongard. MitMaja Bons, Bea Brocks u.a. Deutschland 2025, 98 Min.
Die Sommers sind die Family-Influencer of hell. Schon vor der Geburt der zur Zeit der Handlung 16-jährigen Tochter, die natürlich auch auf den Familienkanälen übertragen wurde, war das Familienleben Content. Lucas gesamte Entwicklung, Ultraschallbilder, erste Erfolge auf dem Töpfchen, unangenehme Mutter-Tochter-Aufklärungssgespräche, Yoga, Zähneputzen, Essen – alles wird aus der so durchdesignten wie gesichtslosen Familienvilla in die große weite Welt übertragen. Lächeln, gut aussehen, Markenwerbung einbauen, und der Profit steigt.
Sie sucht Nähe
Bongard erzählt seinen Film nach einem gemeinsam mit Nicole Rüthers verfassten Drehbuch mit großer Ruhe zwischen satirischer Zuspitzung und Thrillervibes. Wenn nicht gerade Bilder der Überwachungskameras weitwinkelig von oben auf das Treiben schauen, gleitet die Kamera durch das helle Anwesen und beobachtet einen Alltag im Algorithmus- und Interaktions-Hamsterrad.
„Die Engagements sind einfach bei über 300 Prozent“, staunt Chris am Pool, während Stella neben ihm auf dem Smartphone daddelt. Dass Luca Nähe sucht, rebelliert und sich dafür im Pool halb ersäuft, merkt der Papa erst, als die Tochter seinen Laptop ins Wasser wirft. Ärger gibt es dafür keinen, keine bad vibes, auch nicht im realen zwischenmenschlichen Miteinander.
Die Stimmung kippt, als ihre Eltern Luca offenbaren, dass sie ein zweites Kind wollen und gleich online wieder mit der Vermarktung des neuen „Produkts“ beginnen. Luca dreht frei, als ihr in einem Edelrestaurant eine Torte vorgesetzt wird, auf der „Einzelkind“ durchgestrichen steht. Sie verschwindet aus dem Raum, kommt wieder, zieht sich aus und pinkelt vor gefülltem Haus und gezückten Smartphones in einen Eimer. Ab da nimmt eine Rebellion ihren Lauf, die „Babystar“ meist leise zeigt. Luca zieht aus und kommt Content-Producerin Julie (Joy Ewulu) näher.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Babystar“
In seinem Ansatz hat „Babystar“ etwas Didaktisches, und die Kälte, mit der Bongard seiner Heldin folgt, fördert nicht gerade den emotionalen Zugang zu ihr. Zugleich ist dieser Modus konsequent in diesem Film, der den kapitalistischen Oberflächenkult unserer Gegenwart auf Anschlag dreht und dessen zwischenmenschliche Folgen durchseziert und der selbst Marken verpixelt und auspiept.
Böse sind die Eltern nicht, aber ihr Mantra des Selfmade-Business aus dem Nichts ist toxisch. Wem gehört das Kapital, wenn das Content-Zentrum aussteigen will? Und wie lernen wir das Menschsein und echte Gefühle, wenn alles nur noch hochgestylt und verkünstelt wird, um mehr Geld zu machen? Das Element Wasser zieht sich als Motiv durch den Film, ebenso Natasha Bedingfields Popevergreen „Unwritten“: „Feel the rain on your skin, no one else can feel it for you, only you can let it in“ (Spüre den Regen auf deiner Haut, niemand sonst kann ihn für dich spüren, nur du kannst dich ihm hingeben). Hauptsache wirklich fühlen.
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