: In der Sprache eine Heimat finden
Poesie begleitet Dagmar Nick durch die Jahrzehnte. Ihr erster Gedichtband ist den KZ-Überlebenden gewidmet, aber auch Naturlyrik und Liebesgedichte schreibt sie. Am 30. Mai wird sie 100
Von Sara Rahnenführer (Text) und Thomas Dashuber (Fotos)
Worte finden für ein ganzes Jahrhundert. Und sie so aussprechen, dass auch das Ungesagte mitschwingt. Was für eine Herausforderung, die Dagmar Nick da gemeistert hat.
Draußen: Von Grün gesäumt ist die schmale, ruhige Straße, in der sie wohnt. Entlang des Bürgersteigs blüht der Löwenzahn. Nur Vogelgezwitscher, Kinderrufe und das Rauschen des Windes sind zu hören. Parallel verläuft die breite Allee, die zum Schloss Nymphenburg führt. Das Münchner Viertel Nymphenburg-Neuhausen ist nobel. Dagmar Nick lebt in einem Mehrfamilienhaus, umgeben von Villen und großen Gärten. Im Hof steht eine riesige Buche, deren Äste den Zaun weit überragen und bis zur Hausfassade reichen.
Drinnen: Dagmar Nick wohnt im Erdgeschoss. „Welcome“ steht auf der Fußmatte vor der Tür. Die zierliche Frau, 99 Jahre ist sie alt, bittet lächelnd herein. Die Wohnung hat hohe Decken und ist weitläufig; überall stehen Regale voller Bücher. Der breite Flur ist mit rotem Teppich ausgelegt. „Als wir nach dem Krieg gar nichts hatten, habe ich erst gemerkt, wie schön Teppiche sind“, sagt Nick. Im Wohnzimmer steht schon seit 60 Jahren ein Flügel. Einst gehörte er ihrem Vater, Edmund Nick.
Nicki: „Mäusel, ich muss arbeiten“, sagte der, wenn sie sich als kleines Mädchen am Flügel versuchte. Ihn störte es, wenn sie sich verspielte. „Genauigkeit war ihm sehr wichtig“, sagt Dagmar Nick, die ihren Vater „Nicki“ nennt. Er wurde in Böhmen geboren und arbeitete später in Breslau als Komponist beim Rundfunk, bis ihm gekündigt wurde. „Er wollte nicht in die Partei.“ Weil er nicht in der NSDAP war, verlor er seine Anstellung und die Familie zog 1933 nach Berlin. Dort arbeitete der Vater eng mit Erich Kästner zusammen. Kästner ist es auch, der erstmals ein Gedicht von Dagmar Nick veröffentlichen wird.
Lyrik: „Schon bevor ich schreiben konnte, reimte ich“, sagt Nick. Die Gedichte kommen einfach. „Ich schreibe, um etwas loszuwerden.“ So wie sie damals das Gedicht „Flucht“ schrieb. Kurz bevor die Wohnung in Berlin zerbombt wurde und sie mit ihrer Familie 1945 über Böhmen nach Bayern fliehen musste, ist es entstanden. „Weiter, weiter. Drüben schreit ein Kind./ Laß es liegen, es ist halb zerrissen“, heißt es darin. Erich Kästner veröffentlichte es kurz nach dem Krieg als Feuilletonchef der Neuen Zeitung, 19 Jahre war Dagmar Nick da alt. Dieser erste Abdruck war sofort der Durchbruch für sie. Es folgen weitere Veröffentlichungen, dazu Hörspiele, biografische Erzählungen und Reiseberichte. Zuletzt erschien 2021 der Gedichtband „Getaktete Eile“.
Preise: Für ihr literarisches Schaffen erhielt Dagmar Nick zahlreiche Preise, darunter vergangenes Jahr den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München. „Es gibt so viele Preise, aber für mich war das nie wichtig“, sagt sie, und genauso wenig sei es für sie wichtig, der Literaturszene anzugehören. „Ich bin kein Mensch, der so in Gruppen geht.“ Sie sei zwar bei Zusammenkünften von Literat:innen anwesend gewesen und habe zugehört, mehr aber nicht. Häufig wird sie im selben Atemzug mit der nur einen Monat jüngeren Ingeborg Bachmann genannt. Auf Bachmann angesprochen, sagt sie: „Man hat sich mal gesehen.“
Mutter: Vor ein paar Jahren hat Nick begonnen, an einer Biografie über ihre Mutter zu arbeiten. „Es ist einfach unvorstellbar, wie jemand, der so viele gute Kritiken bekommen hat, auf einmal ein Berufsverbot erhält.“ Die Mutter, Katja Nick, war Sängerin, sie trat auf Opern- und Theaterbühnen auf. 1935 erhielt sie von den Nationalsozialisten in Berlin ein Berufsverbot, weil sie Tochter einer Jüdin war und als „Halbjüdin“ galt.
Arbeit: Ihre Mutter war es, die Dagmar Nick den Weg zu ihrem Beruf ebnete. „Graphologin ist mein Beruf“, sagt sie bestimmt. Wegen Tuberkulose war sie als Jugendliche lange im Krankenhaus und konnte das Abitur nicht machen. Die Mutter hatte dann die Idee, sie mit einer Graphologin in Kontakt zu bringen. Schnell war klar: Das passt. Nick arbeitete für staatliche Institutionen, analysierte Handschriften von Bewerber:innen und wurde zudem bei der Beurteilung von NS-Verbrecher:innen zu Rate gezogen.
Liebe: Auf die Frage, wie sie ihren ersten Mann kennengelernt hat, antwortet sie sofort: „Er hat mich kennengelernt.“ Sie war Anfang 20, als Robert Schnorr auf sie aufmerksam wurde. „Das war eine große Liebe.“ Ihr Mann war Dramaturg, aber auch ein leidenschaftlicher Ornithologe. „Und wärst du mein Falke und ich verkappte dich, so bliebest du immer noch schön“, zitiert Nick plötzlich aus einem ihrer Gedichte. Die Ehe hatte ein Ende, als Schnorr in Hamburg eine Anstellung erhielt und einer alten Liebe begegnete. Dagmar Nick ließ sich scheiden, blieb ihm aber verbunden.
Präferenzen: „Auf einem Bild bin ich mit seinem Sohn auf dem Schoß zu sehen. Ich sitze steif und erschrocken da.“ Mit Kindern kann sie nicht viel anfangen. „Ein Arzt fragte mich mal, wie es sein kann, dass ich keine Kinder habe.“ Auf sein Unverständnis antwortete sie sehr direkt, dass sie nicht Mutter sein möchte. „Ich wollte keine Kinder, ich wollte Gedichte schreiben.“
Israel: Anfang der 1960er Jahre organisierte der Kölner Rundfunk, für den ihr Vater arbeitete, eine Reisegruppe nach Israel. „Nicki meinte, fahr doch mit.“ Das Land gefiel ihr, sie wollte so viel wie möglich sehen. Sie blieb, lernte ihren zweiten Ehemann kennen, durchreiste Israel und schrieb Berichte darüber. Doch sehnsüchtig nach deutscher Kultur, kehrte sie vier Jahre später zurück. „Mir fehlten die Kammerspiele.“
Theater: „Zu Hause haben wir immer viel Theater gespielt.“ Die Eltern hatten sogar eigens einen Theaterwagen gebaut, der als Bühne und Kulisse diente. Für die Mutter sei das Spiel vielleicht auch ein Ersatz gewesen, da sie ihre Auftritte auf Opern- und Theaterbühnen vermisste, sagt Nick.
Anselm: Im Arbeitszimmer hebt sich ein Schwarz-Weiß-Foto von all den anderen ab. Darauf zu sehen ist Dagmar Nicks vier Jahre älterer Bruder Anselm, mit ernstem Blick im noch jugendlich runden Gesicht. Kurz vor Kriegsende, 1945, wurde er mit 22 eingezogen und an die Front geschickt. „Ich habe das Foto von ihm aufgenommen. Einen Tag später ist er in den Krieg“, sagt Nick. Anselm kehrte nie zurück.
Neugier: Auf einem Hocker neben ihrem Bett stapeln sich Zeitungen. „Ich lese nur den intelligenten Teil und ein bisschen Politik“, sagt Nick. Besonders interessiert sie der Wissenschaftsteil über Erfindungen und neue Entdeckungen. Weil sie schon immer neugierig gewesen sei, erzählt sie: Für den Schulweg habe sie oft länger gebraucht als die anderen. Während sich ihre Eltern sorgten, erkundete Nick ihre Umgebung. „Ich bin manchmal am Markt einfach stehengeblieben, wenn ich eine Frucht gesehen habe, die ich nicht kannte.“
Ankommen: Auf die Frage, was ihre Heimat ist, findet sie keine Antwort. „Das ist schwierig.“ Eigentlich fühlt sie sich nie angekommen, zu groß sei die Neugier auf das Unbekannte. Aber die Wohnung sei schon ein Anker und ihr wichtig: „Weil wir alles aufgebaut haben.“ Mit „wir“ meint Nick sich und ihre Eltern. Nach ihrer Rückkehr aus Israel 1967 zogen Nick und ihre Eltern nach München. Das Haus sei damals eine Ruine gewesen. Nick wohnte zunächst im ersten Stock und zog nach dem Tod ihrer Eltern in deren Wohnung im Erdgeschoss.
Abschiedswege: „Und wo soll der Flügel hin?“, fragte ihre Nichte neulich. Seither schwirrt ihr die Frage im Kopf herum. Seit Jahren schon verschenkt sie ihre Einrichtungsgegenstände und Erinnerungsstücke an Bekannte und Freunde. „Ich will nicht, dass die Dinge einfach so verstreut werden“, sagt Nick. In einem Schrank, in dem stapelweise Gedichtbände von ihr liegen, hängt eine Notiz: „Nach meinem Tod an das Antiquariat.“
Hundert: Am 30. Mai wird Nick 100 Jahre alt. „Ein grässliches Datum“, sagt sie. Mit dem Altern beschäftigt sich Nick schon lange. Vermutlich schon seit dem Tod ihres dritten Mannes 1982, den sie nach einem Schlaganfall 15 Jahre lang gepflegt hatte. „Von deiner Schönheit/ schweigen. Den Spiegeln/ befehlen, dich festzuhalten,/ ehe du gehst.“, heißt es in einem Gedicht. Jetzt treibt sie vor allem der Verlust der Autonomie und die Gebrechlichkeit um. In den vergangenen Jahren hatte sie mehrere Knochenbrüche. Einer am rechten Arm war für sie besonders schlimm. „Ich konnte monatelang nicht schreiben.“ Und dennoch: „Es ist ein Wunder für mich, morgens beim Aufwachen zu merken, dass alles immer noch so ist wie gestern.“ Das Sterben fürchtet sie nicht: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe die Nazis überlebt.“
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