In der Corona-Warteschlange: Das Prinzip des Anstands

Menschen stehen derzeit oft in Warteschlangen. Immer wieder posten andere Fotos davon und lästern darüber. Was steckt hinter diesem Phänomen?

Warteschlange vor dem Berliner Kitkat-Club

Warten auf den Corona-Schnelltest vor dem Berliner Kitkat-Club Foto: Markus Schreiber

Es ist ein altes Menschheitsphänomen, das dem mutmaßlich bald auf der Erde eintreffenden Besuch aus dem All dann wohl sehr possierlich vorkommen wird: Menschen, die in Schlangen stehen.

Dabei auf dem Handy schieben, in der Nase popeln, die Uhr in einem nervösen Armruck nach vorn vom Gelenk schütteln, auf Ärsche starren oder Babys vom Boden ziehen. Kinder zählen dabei die Eissorten auf, die sie zu bestellen gedenken, während die Geldstücke in ihrer Hand zu schmilzen beginnen. Studis haben Tee dabei.

Es gibt seit je nicht nur Warte-Stereotype, sondern auch Scherze dazu. Über die Deutschen etwa, die sich in jede Schlange stellen, die sich ihnen bietet, weil sie die Ordnung so sehr lieben, oder über die Engländer, die selbst an der Bushaltestelle in Reihe warten.

Die Betrachtung und Ächtung der Schlangenbildung ist allerdings ein etwas neueres Phänomen. Denn Familienverliebte kannten das Anstellen aus Postämtern in der Vorweihnachtszeit, Vollidioten vor Apple Stores oder Sneakerläden.

Aber nun kennt fast jeder eine Schlange aus so ziemlich allen Kontexten von Schnelltestzentrum bis Baumarkt, mal mit mehr, mal mit weniger Abstand. Und wenn sich mehr Warteschlangen bilden, nimmt auch das Fotografieren selbiger zu, samt Weiterverbreitung inklusive Bewertung.

Das Schlangenfoto – sowohl von innerhalb als auch von außerhalb aufgenommen – ist ein Hit in den sozialen Medien. In denen, die sich der Empörung und des Diskurses widmen als nur der schnöden Schönheit, sind es öfter von außen aufgenommene. „Unfassbar“, „Wahnsinn“, „WTF“ steht dann daneben, oder ein Emoji schlägt sich gegen die Stirn.

Wer Bilder aus einer Warteschlange heraus postet, braucht eher Mitgefühl oder will sich zugehörig machen. Wie die Bilder aus der Schlange vor dem Berliner Kitkat-Club, in dem sich viele vor der Weihnachtsheimfahrt noch einen Soforttest in die Nase stecken ließen. Sie rufen nach Zuspruch, sollen zeigen, dass man die Pandemie irgendwie ernst genommen hat und deswegen Warteleid auf sich lud – oder andersherum.

Mal gelten die Engländer, mal die Franzosen als Erfinder der Schlange, die als egalitär beschrieben wird, weil hier der Frühaufsteher zuerst mahlen konnte und nicht der Reichste. Woher also der Spott? Woher diese Faszination für die Menschenschlange?

Sag mir, wie jemand in der Schlange steht, und ich sage dir, ob er ein Schwein ist.

Die Antwort ist ebenso possierlich wie das Anstehen selbst, denn der Mensch interessiert sich vor allem für Warteschlangen, weil er sich für sich selbst interessiert. Ein Blick auf und in die Schlange ist ein Blick auf das Menschsein, die Sozialisation. Sie ist ein Gradmesser für den Zustand der Gesellschaft.

Wer wofür ansteht – Klopapier im März 2020 oder Bananen im Jahr 1971 oder Butter im Jahr 1915 – das erzählt etwas über politische Zustände. Gerade zum Beispiel: die Bilder von Schlangen an blauen und orangen Food-Delivery-FahrerInnen vor den Restaurants der großen Städte. Sie erinnern daran, dass die Gewinner der Pandemie die Plattformkapitalisten sind und Menschen sich vor dem Virus schützen können, indem sie Ärmere als Boten arbeiten lassen.

In so eine Menschenschlange lässt sich also viel hineindeuten. Es lässt sich aber auch einiges herauslesen. Die Betrachtung des Menschen in der Schlange ist eine Betrachtung seines Charakters. Sag mir, wie jemand in der Schlange steht, und ich sage dir, ob er ein Schwein ist. Wer in der Schlange steht, spricht nicht laut, am besten gar nicht, schaltet den Klingelton seines Telefons ab.

Der Vordrängler gilt als ein besonders mieses Exemplar Mensch, derjenige, der Mutter und Kind vorlässt, Bonbons verteilt, beim Ausfüllen von Formularen hilft, anstatt die Unvorbereiteten einfach zu überspringen, kann sich dafür Applaus im Internet abholen.

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Der Tagesspiegel zitierte mal die Anthropologen Joseph Henrich und Robert Boyd, die das zivilisierte Anstehen als Fähigkeit der Krone der Schöpfung bezeichnen und wissen lassen, dass die „freiwillige Interaktion mit Fremden“ die „höchste Form kooperativen Gruppenverhaltens“ sei. Sich im Drive-in also nicht in die Stoßstange zu donnern, sich beim Bäcker nicht in die Backen kloppen, weil nur noch ein Stückchen Bienenstich da ist – Glückwunsch, Mensch, zu dieser Leistung!

Allerdings, die Zivilisation ist dem Menschen ein hohes Gut, deswegen wird in der Schlange auch so viel gemaßregelt und Verhalten kontrolliert: Versucht da jemand vorzudrängeln? Ist der Abstand nah beziehungsweise in den letzten Monaten fern genug?

Wie dünn das Eis unserer Zivilisation wirklich ist, zeigt sich in einem der passiv-aggressivsten Sätze, den der Mensch sagen kann: „Entschuldigung, stehen Sie an?“ Innerhalb der Schlange steht man sich eher feindselig gegenüber, zumindest dann, wenn man das, wofür man da ansteht, gar nicht unbedingt braucht.

Wer in der Schlange ein lockeres Gespräch beginnt, das nicht damit zu tun hat, die Langsamkeit der MitarbeiterInnen zu beklagen, braucht schon einen eher expressiven Charakter. In Warteschlangen bei der Tafel e. V. aber, so beschreibt es eine Kollegin auf jetzt.de, würde man plaudern und sich einander zuwenden. Das, wofür sie anstehen, ist Grundversorgung.

Gemeinsam anstehen ist Zugehörigkeit

Wer gemeinsam in einer Schlange steht, beginnt also nicht unbedingt soziale Kontakte, macht sich aber zugehörig zu einer Gruppe. Wer vor dem Louvre steht, hofft, sich zu den Kunstkennern zählen zu können, wer in schwarzer Kleidung vor dem Berliner Berghain steht, möchte Teil einer Jugendbewegung sein.

Daher also auch der Spott. Denn nicht wenige stellen sich in Schlangen der Schlange wegen. Wer im Sommer über eine Stunde vor dem Kreuzberger Gemüsedönerstand von Mustafa anstand, tat das nicht wegen des Döners, sondern weil die Schlange so aussah, als sei das Essen besonders lecker. Und nach so langer Wartezeit redet man es sich dann auch einfach ein.

Man muss die Schlange also von beiden Enden betrachten. Die Warteschlange steht für Warenknappheit, die DDR etwa wird auch als Unrechtsstaat erzählt, weil Menschen dort in Schlangen stehen mussten. Genauso aber wird sie eingesetzt, um Verknappung zu suggerieren und damit den Umsatz zu steigern. Feine Restaurants brauchen eine kleine Schlange, auch TürsteherInnen vor Clubs werden durchaus mal angehalten, sie künstlich herzustellen.

Ein weiterer Grund für die Hassliebe für die Schlange liegt in der Scham. Sie ist uns ein bisschen unangenehm, weil sie unser Bedürfnis sichtbar macht. Und weil sie uns mit Fragen konfrontiert: Was brauche ich? Und was bin ich bereit zu geben?

Wer spotthaft das Foto der Schlange vor dem Münchner Delikatessenladen Dallmayr teilte, die sich kurz vor Weihnachten über den Marienplatz reihte – der Boulevard berichtete von 200 Metern –, hat vermutlich auch nur mit seiner inneren Konsumscham zu tun.

Und die so teils angeekelte Betrachtung der Warteschlange zeigt vielleicht auch, dass wir wissen, dass sie im Coronajahr nicht mehr nur egalitär ist. Wer sich anstellt, hat entweder zu viel Zeit, da er vorm Frischeparadies 40 Minuten wartet, um eine Enten­­stopfleberterrine zu erwerben, oder zu wenig Geld, um outzusourcen. Dann doch lieber die Kamera draufhalten. Das schafft Distanz.

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