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Im Auftrag Gottes bei OlympiaGanz sicherer Pin

Bei den Olympischen Spielen sind sehr viele mit einer Akkreditierung und ganz eigenen Mission unterwegs. Unterwegs mit einem Bibelversteher.

Pins erfreuen sich bei Olympia großer Beliebtheit: Hier zeigt ein Mann in Mailand, was er alles hat Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ

B ei Olympischen Spielen gibt es traditionell einen inoffiziellen Wettbewerb der Anstecknadelsammler. Rund um die Arenen laufen Leute rum, an deren Jacken Hunderte von Pins stecken. Als hätten sie sich in kleine Kühlschrankmagneten gekleidet, so sehen diese Menschen – meist sind es Männer – aus.

Sie tragen die offiziellen Anstecknadeln Olympischer Spiele spazieren, die von Olympischen Komitees, Sportfachverbänden, Ausrichterstädten, Skiklubs oder anderen Organisationen, die irgendwas mit Sport oder Olympia zu tun haben – oder auch nicht. Auch Randall Hamer läuft so rum. In der U-Bahn auf dem Weg zur Eröffnungsfeier tauscht er mit einem Journalisten aus Kasachstan Anstecknadeln.

„Danke!“, sagt er, als er sich den Pin aus Alamty ansteckt. „Aber ich habe mehr als einen Pin. Ich habe einen Pin, der die größte Geschichte erzählt, die man sich nur vorstellen kann“, hebt der Mann an, der um die 60 Jahre alt sein dürfte. Das höre ich und blöderweise blicke ich derart interessiert drein, dass der gute Mann auch in meine Richtung zu predigen beginnt.

Jetzt muss auch ich mir die Geschichte anhören, die angeblich die großartigste aller Zeiten ist. Bei Olympia gehe es um Gold. Und diesmal sei man in Italien. Die Farben Italiens seien ja grün, weiß und rot. Rot, das sei ja klar, stehe für das Blut, das Jesus vergossen habe, um uns von den Sünden zu befreien. Daher weht also der Wind.

Der gute Randall kann mir nicht ansehen, was ich denke und redet weiter. Weiß stehe für die Reinheit und grün für das Wachstum, dafür, dass man Jesus immer ähnlicher werde. Oder so. Gold stehe für das ewige Leben und um das gehe es ja auch bei Olympia, um Unsterblichkeit. Der kasachische Kollege war weit vor dem Ende der Geschichte schon ausgestiegen. Nun war ich das alleinige Opfer von Randall.

Der hatte wie ich eine Art Akkreditierung um den Hals hängen. Ausgestellt war sie nicht vom Internationalen Olympischen Komitee, sondern vom „Olympic Ministry“. Was das denn sei, frage ich. Das könne ich im Netz nachlesen, sagt er und drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. Was er denn mache bei den Spielen. „Ich helfe den Menschen“, sagt er. Wobei? „Dabei die Bibel zu verstehen“. Oh je!

Bei der nächsten Station steige ich aus. Randall drückt mir noch den Pin in die Hand, bevor sich die Türen schließen. Jetzt habe ich also auch so eine Anstecknadel. „Jesus“ steht ganz groß drauf und „International Sports Chaplains“, was auch immer das sein mag. Zum Sammler werde ich, glaube ich, nicht.

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Andreas Rüttenauer
Sport, dies und das
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