Illustratorin über Empowerment: „Durch das Zeichnen gibt man dem Unrecht einen Namen“
Saliha Soylu gibt Workshops im Comiczeichnen für Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind. Das ist eine Form des Widerstands.
Foto: Patrick Pleul/dpa
taz: Frau Soylu, wie kann Zeichnen bei Diskriminierung helfen?
Saliha Soylu: Auf dreierlei Art und Weise. Zum einen für sich selbst. Durch das Zeichnen gibt man dem Unrecht einen Namen und ein Gesicht, was auch schon eine Form des Empowerments und des Widerstands ist. Auf einer zweiten Ebene wird es zugleich sichtbar gemacht. Also ich erhebe mich aus dieser Betroffenheit hin zu einer Aktion und sage: „Ich erzähle meine Geschichte, ich gebe mir eine Stimme, und ich mache das Unrecht damit auch für andere sichtbar.“ Und auf der dritten Ebene kann man so auch Empathie schaffen, denn die eigene Perspektive und Betroffenheit werden damit für andere nachvollziehbar.
taz: Also ist Zeichnen ein Weg, diese Erfahrungen zu verarbeiten?
Soylu: Es muss gar nicht das Narrativ sein: „Ich bin betroffen und mir geht es so schlecht damit“. Das Zeichnen bietet vielmehr auch die Möglichkeit, die Erzählung zu verändern. Manchmal überlegt man sich hinterher: „Was hätte ich sagen können? Was hätte ich anders machen können?“ Beim Comiczeichnen zum Beispiel kann man das noch mal verändern, um sich Handlungsfähigkeit zu geben. Es kann aber auch eine Verbindung schaffen zu anderen Menschen, denen auch Ähnliches passiert, und die sich vielleicht inspiriert fühlen, beim nächsten Mal ebenfalls anders zu handeln.
taz: Sie geben Workshops im Comiczeichnen für Menschen, die von Diskriminierungserfahrungen betroffen sind. Wieso braucht es diese Räume?
Soylu: Weil Diskriminierungserfahrungen sehr müde machen und auch immer Gewalterfahrungen sind. Es ist eine Art Erholungsraum, wenn man weiß, dass auch die anderen Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dadurch weiß man, dass man sich nicht erklären muss, dass man man selbst sein kann – ohne, dass es herausgefordert wird, wie man es im Alltag leider oft erlebt.
taz: Welche Lebensgeschichten möchten Sie abbilden?
Soylu: Vor allem die Geschichten, die mich beschäftigen. Und das sind nicht nur Dinge, die ich selbst erlebe oder erfahre, sondern auch Dinge, die Menschen mir erzählen oder die ich von anderen mitbekomme, die mich inspirieren oder beschäftigen. Geschichten, bei denen ich es für wichtig halte, sie sichtbar zu machen, weil die sonst ein bisschen unter den Tisch fallen oder eher im Hintergrund stattfinden. Eine Zeit lang hab ich mich sehr viel mit Biografien beschäftigt, mit Wurzeln, damit, wo die Menschen herkommen, wo ich selbst herkomme und wie das in unserem Leben zum Ausdruck kommt.
„Comic selbst zeichnen mit Saliha Soylu“, für Menschen, die von jeglicher Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen sind, 19.7. ab 11 Uhr, Jüdisches Museum Rendsburg, Prinzessinstraße 7, Rendsburg, Eintritt ist kostenlos, Anmeldung unter service@landesmuseen.sh oder 04331 440 430
taz: Und heute?
Soylu: Inzwischen denke ich, unsere Gesellschaft bringt so viele Perspektiven mit sich, dass es mir ein Anliegen ist, diese Vielfalt einfach sichtbar zu machen. Wir sind nicht alle „Conni“, und es ist so spannend, was die unterschiedlichsten Menschen dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft funktioniert. Genau das sind die Momente, die ich versuche, festzuhalten, um zu zeigen: Im Grunde ist das unsere ganz normale Lebensrealität. Das sind meistens keine aufregenden Abenteuergeschichten, aber das, was wir im Alltag erleben, wird oft übersehen.
taz: Sind Ihre Kinderbücher der Versuch, dazu beizutragen, dass Kinder vorurteilsfreier denken und aufwachsen?
Soylu: Bis zu einem gewissen Grad, ja. Wenn ich versuche, Diversität abzubilden, ist da auch der Gedanke, dass dies eigentlich unsere Normalität sein sollte. Gleichzeitig möchte ich keinen erhobenen Zeigefinger in meine Bücher einbauen, sondern einfach, dass es Spaß macht, die Geschichten zu lesen und die Bilder anzugucken.
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