Hygienemängel bei Wurstfirma

Grusel mit Wilke-Wurst

Foodwatch wirft den hessischen Behörden vor, im Fall Wilke zu spät eingegriffen zu haben. Und veröffentlicht einen bisher geheimen Bericht.

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Listerien

Fies: Gelb markierte Bakterien haben sich angeheftet, rot markierte dringen gerade ein Foto: Manfred Rohde/dpa

FRANKFURT taz | Der bislang geheime Bericht der hessischen Lebensmittelüberwachung über die Zustände beim inzwischen geschlossenen nordhessischen Wurst- und Fleischwarenhersteller Wilke liest sich wie ein Gruselstück.

„Verwesungsgeruch“ in einem Aufzug, in dem unverpackte Wurst und Fleisch transportiert wurde, ein Wurstkutter, in den von der Decke Kondenswasser tropfte, Produktionsrückstände in der Lochscheibe einer Wurstmaschine, Schimmel, Rost und Kalkrückstände an Decken und Wänden – das ist nur ein kleiner Auszug aus der Mängelliste der Task Force Lebensmittelsicherheit des Regierungspräsidiums Darmstadt.

Ihr Resumee: Dort herrschten „ideale Bedingungen für die Vermehrung und Verbreitung von Listerien“. Der Betrieb gilt als Verursacher von bundesweit mindestens 37 Lysterienerkrankungen, von denen drei tödlich verlaufen sind.

Die Organistation Foodwatch hat diesen Bericht vom 2. Oktober jetzt öffentlich gemacht. Die Firma Wilke sei schon „über einen langen Zeitraum offenbar nicht in der Lage“ gewesen, „sichere Lebensmittel herzustellen“. Die Behörden hätten „mehr den Betrieb als die Verbraucherinnen und Verbraucher geschützt“, kritisiert Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Er spricht von einem „totalen Behördenversagen“.

Niemand schlug Alarm

Das hessische Verbraucherschutzministerium bestätigte die Echtheit des Dokuments. Mit Hochdruck arbeite das Ministerium an der Aufarbeitung. Von den unhaltbaren Zuständen habe das Ministerium jedoch erst durch diesen Bericht erfahren, hieß es in Wiesbaden.

Der Fleisch- und Wursthersteller Wilke musste in den Jahren 2012 und zweimal im Jahr 2013 insgesamt fast fünf Tonnen mit Salmonellen verseuchte Produkte zurückrufen. Mehrfach gab es auch danach Beanstandungen, auch wegen Listerien.

Bereits Mitte März informierten die Behörden der Hansestadt Hamburg das Unternehmen, seine Produkte hätten die Grenzwerte für Listerien überschritten. Bei Kontrollen stellte die Lebensmittelaufsicht zwar Hygienemängel fest und ordnete Maßnahmen an, doch die im Bericht der Tasc-Force protokollierten baulichen Mängel und der Zustand der Produktionsanlagen hätten schon zu diesem Zeitpunkt auffallen müssen. Niemand schlug Alarm, als das Veterinäramt Balingen im April 2019 über einen möglichen Zusammenhang zwischen den Listerienerkrankungen und Wilke-Produkten nach Hessen meldete.

„Grobe Fahrlässigkeit“

Eine ähnliche Mail der Bundesbehörden vom 20. August an das hessische Verbraucherschutzministerium blieb eine Woche lang ungeöffnet im Postfach. Erst als Ende September definitiv feststand, dass mit Wilke der Listerien-Herd gefunden war, wurde der Betrieb geschlossen.

Den hessischen Behörden wirft der baden-württembergische Verbraucherschutzminister Peter Hauk, CDU, denn auch vor, zu spät reagiert zu haben. Bereits „seit Ostern“ sei das Listerien-Problem bei Wilke bekannt gewesen, sagte er dem SWR. „Die Nichtreaktion ist eine grobe Fahrlässigkeit der verantwortlichen Behörden und hat Menschenleben aufs Spiel gesetzt“, so der Minister.

Auf Antrag von Linken und FDP wird der Hessische Landtag am Donnerstag über den Skandal debattieren. Der Linken-Abgeordnete Torsten Felstehausen forderte die grüne Verbraucherschutzministerin Piska Hinz auf, Verantwortung zu übernehmen. „Statt die Kontrollen engmaschiger zu machen, hat sie hier offenbar lange tatenlos zugesehen. Wir erwarten nun eine lückenlose Aufklärung mit personellen Konsequenzen und die Neuordnung der Lebensmittelüberwachung in Hessen“, forderte Felstehausen.

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