Humboldt-Uni und die digitale Lehre: „Die Krise hat den Fokus verändert“

Digitale Lernkonzepte erfordern Zeit und Aufwand: Andreas Goroncy von der Humboldt-Universität im Interview über eine Mammutaufgabe.

Lausanne: EPFL-Professor Jean-Philippe Thiran hält auf dem Campus der Ecole Polytechnique Federale de Lausanne, EPFL, eine Videokonferenz-Vorlesung für seine Studenten vor den leeren Plätzen im Hörsaal

So sieht digitale Lehre aus (ein Bild aus der Schweiz; Lausanne) Foto: picture alliance/Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

taz: Herr Goroncy, welche Rolle spielte die digitale Lehre vor der Pandemie im Universitätsbetrieb?

Andreas Goroncy: In der Lehre waren wir sehr aktiv und haben Lernszenarien mitent­wickelt, mit denen Präsenzlehre digital angereichert werden kann. Wir haben schon immer Videokonferenzen gemacht und die technische Unterstützung dafür geliefert. Im Grunde war es aber eher so, dass wir jahrelang eine Werbetour gemacht haben für unsere Dienste.

Als die Pandemie dann ausbrach und die Ankündigung kam, das Coronasemester werde ein „Digital- und Kreativsemester“, hatten Sie und Ihr Team sicher alle Hände voll zu tun. Wie haben Sie diese Umstellung bewältigt?

Die Krise hat natürlich den Fokus komplett verändert. Da wollten plötzlich alle wissen, was eigentlich alles da ist. Unsere Videokonferenzplattform des Deutschen Forschungsnetzes, auf die wir bisher gesetzt hatten, konnte 550 Menschen gleichzeitig mit einer Videokonferenz versorgen – und das auf alle 400 Hochschulen des Landes verteilt. Das hat immer locker ausgereicht, weil viele der Meinung waren, Videokonferenzen bräuchte man ja nicht, da man lieber selbst zu den Vorträgen hingereist ist.

Andreas Goroncy

40, ist Spezialist für Videokonferenzen im Computer- und Medienservice der Humboldt Universität.

Wie war Kommunikation überhaupt möglich?

Sämtliche Telefon- und Videokonferenzen scheiterten, weil die Technik nicht da war. Die ersten zwei, drei Wochen war Stillstand. Da musste relativ schnell eine Entscheidung gefällt werden, welchen Dienst man nimmt. Der musste auch gut genug sein, um massenhafte Anfragen gleichzeitig zu bedienen und dabei auch noch einfach zu bedienen sein. Dann haben wir uns relativ schnell und in Abwägung der Sicherheitsbedenken für die lizenzierte Version von Zoom entschieden.

Zoom wurde ja aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken stark kritisiert. Unter anderem wurden Daten an Facebook weitergeleitet.

Zoom hat relativ schnell und deutlich auf Kritik reagiert. Sie sind auf viele Punkte, unter anderem das Datenleck an Facebook, eingegangen und haben viele Einstellungen systemseitig abgestellt. Wir hatten natürlich auch die Chance, unsere Zoom-Installation anzupassen und so datensparsam wie möglich zu konfigurieren.

Warum keine eigene Lösung?

In der kurzen Zeit, in der wir Zoom eingekauft haben, hätten wir im Leben keine Server beschaffen können. Wir haben auch Bestrebungen einen eigenen Videokonferenzdienst-Server aufzubauen, der mit Open-Source-Software betrieben ist. Die Serverbestellung dauert aber Monate.

Wie wurde die digitale Lehre jetzt umgesetzt, außer die Seminare in Zoom zu verlagern?

Unser Ansatz war immer, dass digitale Lehre vor allem asynchron sein sollte. Das heißt, die Phase der Wissensvermittlung, wo mir jemand Stoff als Input gibt, zeit- und ortsunabhängig zu gestalten. Zum Beispiel produziert man Videos vor und stellt die dann zur Verfügung. Wenn meine Netzverbindung zusammenbricht, dann kann ich mir das Video, in dem das Wissen vermittelt wird, immer noch später angucken.

Und wurde das in der Praxis auch so umgesetzt?

So ein Lehrkonzept umzustellen, erfordert sehr viel Zeit und die war nicht vorhanden. Viele Lehrende haben das gemacht, was sie eh immer gemacht haben. Das heißt, man trifft sich in einem digitalen Raum, dann unterhält man sich dort 90 Minuten lang und dann macht man den Raum wieder zu. So eine 1:1-Umsetzung aus der Präsenzlehre funktioniert so eigentlich nicht. 90 Minuten Videokonferenz sind wahnsinnig anstrengend und wenn nach dieser Vorlesung die nächste Vorlesung ansteht, verlangt man den Zuhörer*innen zu viel ab. Die Aufmerksamkeitsspanne am Laptop ist auch deutlich kürzer. Es gab auch Leute, die haben im ganzen Semester versucht, es anders zu machen. Viele sind dabei aber auch an ihre zeitlichen, geistigen und körperlichen Kapazitäten gekommen. Es gab sehr viel Überbelastung der Lehrenden und auch der Studierenden in diesem Semester. Der Arbeitsaufwand für alle Seiten ist enorm.

Es gab zu Beginn Zweifel daran, ob alle Studierenden die nötigen technischen Voraussetzungen für die digitale Lehre haben.

Die Frage hat uns viel beschäftigt. Es gab immer wieder Netzprobleme bei Studierenden und bei Lehrenden. Was die Endgeräte angeht, haben wir über unser Rechenzen­trum Leihlaptops an die Fakultäten verteilt. Es gibt auch eine studentische Initiative, die das gemacht hat. Fürs kommenden Semester wollen wir versuchen, den Studierenden Arbeitsplätze zu ermöglichen, wo sie eine stabile Netzverbindung und ruhigen Raum haben.

Gibt es auch Dinge, die bleiben werden, wenn die Pandemie vorbei ist?

Ich habe das Gefühl, dass die Leute tatsächlich gemerkt haben, Videokonferenzen: Das geht schon, man muss nicht tatsächlich zu allem hinreisen, um mal ein Vortrag zu halten. Das ist auch im Sinne der Nachhaltigkeit eine wünschenswerte Entwicklung.

Wird digitale Lehre der neue Standard?

Die digitale Lehre versucht nicht, die Präsenzlehre in irgendeiner Form abzuschaffen, sondern will sie bereichern. In der Krise wurde der Prozess sehr beschleunigt. Jetzt muss man schauen, was sich tatsächlich bewährt hat. Digitale Lehre kann gut oder schlecht sein, aber das gleiche gilt auch für die Präsenzlehre.

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