Humanitäres Drama im Ostkongo: Ein Krieg mit hundert Fronten

Der neue Waffengang im Kongo verschärft eine dramatische Flüchtlingskrise. Die Bevölkerung sortiert sich nach Ethnien, die wiederum von Milizen geschützt werden.

Überfüllt: Flüchtlingslager bei Goma Bild: dpa

GOMA taz Der Angriff begann um fünf Minuten nach Mitternacht, und das stürmische Wetter trug den Donnerhall der Artillerie quer über den Kivu-See bis in die ostkongolesische Provinzhauptstadt Goma. In der Nacht zum Freitag stürmten die Rebellen der CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes) des Tutsi-Generals Laurent Nkunda die Distrikthauptstadt Masisi, tief in den gleichnamigen Bergen, die Heimat zahlreicher kongolesischer Tutsi. Vor sich her trieben sie die 13.000 Bewohner der Vertriebenlager von Lushebere. Als der nächtliche Raketenbeschuss von Masisi einsetzte, machten sich die Flüchtlinge erneut auf den Weg, zusammen mit ihren Gastgebern. Der Treck aus Zehntausenden lief aus Masisi in den Wald, mitten in der Nacht. "Die Leute, die Flüchtlinge aufgenommen haben, werden selbst Flüchtlinge", berichtet ein kongolesischer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. "Flüchtlingslager gibt es nicht mehr. Alles ist in Auflösung."

Der nächtliche Flüchtlingsstrom aus Masisi ist ein trauriger Höhepunkt des humanitären Dramas, das der neue Krieg im Ostkongo für die Menschen darstellt. Bereits vor Beginn der Kämpfe am 28. August waren rund 860.000 Menschen in Nord-Kivu vertrieben; bis Mitte letzter Woche sind laut UNO rund 100.000 dazugekommen, die neue Flucht aus Masisi nicht eingerechnet. Die Landbevölkerung Nord-Kivus, rund vier Millionen Menschen, sortiert sich jetzt nach Ethnien. Zu ihrem Schutz formieren sich ethnische Milizen, die die Dynamik eines unübersichtlichen Krieges anheizen.

Friedenspläne der UNO sind in diesem Kontext völlig wirkungslos. Während die Gespräche dazu in Goma stattfanden, war die Hutu-Miliz "Pareco" (Kongolesische Widerstandspatrioten) in das Kerngebiet der Tutsi-Rebellen der CNDP vorgerückt. Die Gegenoffensive der CNDP auf Masisi diente dazu, diesen Brückenkopf des Feindes von der Versorgung abzuschneiden. Aus Sicht der CNDP sind Regierungsarmee, die ein Stabsquartier auf dem Hügel Katale bei Masis unterhält, ebensowie "Pareco" und alle anderen ethnischen Kleinarmeen ein einziges Anti-Tutsi-Konglomerat.

Die "Pareco", die inzwischen weite Landstriche kontrolliert, wurde nach UN-Angaben bei ihren Vorstößen von Regierungstruppen unterstützt und arbeitet auch mit den ruandischen Hutu-Milizen der FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) zusammen, die weiter westlich stehen, wo das Bergland in heißen tropischen Regenwald übergeht. Dorthin bewegte sich am Freitag der Flüchtlingstreck aus Masisi, mit der FDLR-Hochburg Nyabiondo als erstem Ziel. "Was wollen die in Nyabiondo, da gibt es nichts zu essen und man kriegt sofort Malaria", wunderte sich in Goma ein Mitarbeiter eines kongolesischen Hilfswerks. Er sorgte sich um seine Verwandten in den Hügeln und um seine Schwester, die vor einer Woche aus Goma dort hingefahren war.

Am späten Freitag beschoss die UN-Mission im Kongo (Monuc) die CNDP-Rebellen in Masisi aus Kampfhubschraubern. Die Stadt fiel daher nicht, wohl aber der Hügel Katale, wo die Rebellen am Wochenende die Regierungsarmee verjagt haben sollen. Die UNO versucht nicht mehr, der Regierung zum Sieg zu verhelfen. Sie will nur noch die Fronten stabil halten. Das ist hoffnungslos, denn nun brauchen die Kriegsparteien nur immer neue Fronten zu eröffnen und die Blauhelme sind überfordert.

Auf die Schlacht von Masisi am Freitag folgte am Samstag eine Schlacht um Sake, eine UN-kontrollierte Frontstadt der Regierung am Kivu-See, 30 Kilometer westlich von Goma, hinter der die Masisi-Berge und das Rebellengebiet beginnen. Als am Sonntag 27 getötete Regierungssoldaten nach Goma gebracht wurden, gab es einen Aufstand samt Plünderungen, dem sich Teile des Militärs anschlossen. Die Schlacht um Sake provozierte erneut einen Flüchtlingstreck. Wieder einmal machten sich Frauen mit ihrem gesamten Hausrat auf dem Kopf auf den Weg die 30 Kilometer lange Teerstraße Richtung Goma.

Nord-Kivus Flüchtlingsdrama rückt immer näher an die 500.000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt Goma heran: seit einer Woche stehen Hütten aus Zweigen und Plastiktüten am Stadtrand. Während die Menschen unterwegs waren, setzten heftige Gewitter mit strömendem Regen ein, die die Straße in einen Fluss und die Fliehenden in verzweifelte nasse Bündel verwandelten mit vollgesogenen Matratzen und plärrenden Kindern. Man mag gar nicht daran denken, was aus dem Flüchtlingstreck von Masisi tief im Wald geworden sein mag.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de