Hoher Stromverbrauch von Aussenwerbung: „Ein erhebliches Einsparpotenzial“

Berlin Werbefrei rechnet nicht mit dem Abstellen digitaler Werbeanlagen, trotz Energiekrise. Dabei verbraucht eine Anlage so viel wie zehn Haushalte.

Eine digitale Werbetafel an der Außenfassade des Ku'damm Eck.

Würden öffentliche Gebäude noch angestrahlt, wenn sie Werbetafeln wären? Foto: Paul Langrock

taz: Herr El-Ghazi, in Berlin hat vorletzte Woche schon die Abschaltung der Beleuchtung öffentlicher Gebäude begonnen. Weshalb passiert das nicht auch mit Werbung?

Fadi El-Ghazi: Das müssen Sie die Senatsverwaltung für Umwelt und Klimaschutz fragen. Aus unserer Sicht besteht bei den Werbeanlagen ein erhebliches Einsparpotenzial. Allein eine kleine digitale Werbeanlage, wie sie meist an Bushaltestellen zu sehen ist, verbraucht im Jahr 15.000 kWh, das entspricht dem Verbrauch von zehn Einpersonenhaushalten im selben Zeitraum. Die großen Anlagen verbrauchen allerdings ein Vielfaches davon.

Der Berliner Senat diskutiert kommenden Dienstag, wie in der Stadt angesichts der Energiekrise Strom gespart werden kann. Erwarten Sie, dass das Thema elektronische Außenwerbung dort eine Rolle spielt und eventuell sogar Forderungen des Volksbegehrens hier schon umgesetzt werden könnten?

Wir gehen nicht davon aus, dass die Politik dieses Thema auf die Tagesordnung setzt. Unserer bisherigen Erfahrung nach tritt der Senat eher als Werbelobbyist auf, als dass er die Interessen der Bevölkerung wahren würde.

Welche Spielräume hätte denn der Senat?

Der Senat hätte mittels Einsparverordnung rechtliche Möglichkeiten, jetzt ausnahmsweise Außenwerbung einzuschränken. Das ginge vor dem Hintergrund der Gasknappheit. Unser Konzept ist längerfristig angelegt. Wir wollen eine Gesetzesänderung, die auch berücksichtigt, dass die digitalen Werbeanlagen schon installiert sind, da das Land Berlin sich durch ein sofortiges Verbot schadenersatzpflichtig machen würde. Deswegen sieht unser Gesetzentwurf Übergangslösungen für die bestehenden Anlagen vor.

Das Volksbegehren fordert aber prinzipiell ein Verbot von digitalen Werbeanlagen und Wechsellichtanlagen, also diese großen Tafeln wie etwa an der East Side Gallery. Was ist denn das generelle Problem dieser Anlagen?

Das generelle Problem ist die optische Dominanz dieser Werbung im öffentlichen Raum. Dadurch, dass die digitalen Anlagen mit Licht und Bewegung arbeiten werden sie automatisch vom Auge registriert. Dadurch prägt sie unser Stadtbild und die Stadt verkommt zur Dauerwerbesendung. Daneben steht natürlich der Energie- und Ressourcenverbrauch, aber auch die massive Lichtverschmutzung.

Gehören digitale Werbeflächen nicht gerade zu einem urbane Stadtbild, wie am Piccadilly Circus in London oder am Times Square in New York?

Aus unserer Sicht gehören digitale Werbeanlagen nicht zu einer modernen Stadt. Durch sie verlieren Städte ihr individuelles Gesicht und sehen zunehmen alle gleich aus. So lange gibt es digitale Werbeanlagen noch nicht und auch davor war Berlin schon eine Weltstadt. Piccadilly Circus und Times Square sind Orte wie bei uns vielleicht der Mercedes Benz Platz, der absolut keine Aufenthaltsqualität bietet. Mittels eines Verzichts auf Außenwerbung können wir unsere Lebensqualität und Aufenthaltsqualität massiv verbessern.

Wie sehen Sie die Aussichten des Volksbegehrens und glauben Sie, dass die Energiekrise Ihnen weiter Rückenwind geben wird?

Das Volksbegehren beginnt im August 2023. Dann wollen wir 200.000 Unterschriften sammeln, damit, falls wir erfolgreich sind, gleichzeitig mit der Europawahl abgestimmt werden kann. Die aktuelle Energiekrise und der Klimawandel geben uns natürlich Rückenwind, gerade im Hinblick auf den Stromverbrauch, aber wir glauben, dass es noch bessere Argumente für Berlin Werbefrei gibt. Die Lichtverschmutzung durch digitale Anlagen ist aus unserer Sicht ein größeres Problem.

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