Hörspiel „Die Enden der Parabel“: Ausuferndes Glück

Monumental und überzeugend wagen sich SWR und Deutschlandfunk an die Hörspieladaption eines Kultbuchs von Thomas Pynchons.

Eine V2-Rakete wird gestartet und fliegt in die Luft.

Die V2-Rakete, einstige Wunderwaffe der Nazis Foto: imago

Ungewohnt still liegt der Stadtraum abends zwischen den Hauswänden. In manchen Augenblicken bekommt er dann ein merkwürdiges Eigenleben. Wenn nämlich die Betrachterin lange am Fenster steht und in die Straßen lauscht.

Eine unbestimmte Spannung scheint dann zu schwingen zwischen den vereinzelt aufheulenden Sirenen, dem Rauschen des Ahornbaums und dem seltenen Klacken von Schritten auf dem Asphalt: Als wollten die akustischen Leerstellen durch bestimmte Partikel angereichert werden. Das ist wohl die Phantomwahrnehmung von jemandem im Ausnahmezustand.

Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass der SWR in diese prickelnde Stille hinein ein lange geplantes, atemberaubend ehrgeiziges, mit dem DLF koprodduziertes Hörspielprojekt präsentiert, das vor dem Hintergrund der aktuellen Lage zu einem grandiosen Coup wird. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden, insgesamt vierzehn Stunden lang und ohne Unterbrechungen durch die Nachrichten, hebelt ein öffentlich-rechtlicher Sender seine Zuschreibung als Informationsmedium aus.

Gibt dem Radio die „Romantische Nacht“ zurück und damit genau den Zeit-Raum, in dem schon die frühen Protagonisten des Mediums das produktive Zusammenspiel zwischen Technik, Welt, Politik und Menschsein vermuteten. Ineinander verzahnt, so schrieben sie, förderten Hörkunst und Traum eine fantastische Wahrheit zutage, erzeugt durch die schöpferische Kraft von Stimmen und Geräuschen, von gestalteter Stille und Musik.

„Die Enden der Parabel“

17. 4. und 18. 4., jeweils von 20.03 Uhr bis ca. 3 Uhr, SWR 2, und am 18. 4. von 20.05 bis 6 Uhr im Deutschlandfunk

Mehr Flow als eine Handlung

Die Hörspieladaption von Thomas Pynchons Kultbuch „Gravity’s Rainbow“ („Die Enden der Parabel“) aus dem Jahr 1973 wird nun die leeren Straßen durchströmen. Das passt. Denn der über 1.000seitige Roman ist seinerseits eine amorphe, fließende Mischung aus Nacht und Träumen, aus surrealer Vision und präzise erdachter, nur scheinbar irrationaler Erfindung. Hier treffen politische Groteske, schräge Historien­deutung, Technikkritik und Grand Macabre auf ein zutiefst ethisches Eintreten für das unbeirrbare Erforschen von komplexen Zusammenhängen, für die Sichtbarmachung von absurden Vorgängen, der Vergessenen und Unterprivilegierten, dem ganzen „Müll“, wie Tony Tanner es treffend benannte.

Es ist eine amorphe Mischung aus Nacht und Träumen, aus Erfindung und surrealer Vision

Pynchon entspinnt einen Organismus von Begebenheiten, die unmöglich als „Handlung“ nacherzählt werden können. Das Buch „spielt“ gegen Ende und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. In vier Kapiteln mit absichtsvoll mysteriösen Titeln wie „Jenseits der Null“ und „Une Perm’ au Casino Hermann Goering“ vernetzt es eine Unzahl von Leitmotiven – die deutsche V2-Rakete, Spiritismus, zeitgenössisches Expertenwissen über Mathematik, Chemie, Ballistik, Musik- und Filmtheorie, Comics etc.

Die Kapitel sind gegliedert in eine variierenden Anzahl von Episoden. Das ist auch schon alles an formaler Konzession. Der Rest ist ein Flow aus aberwitzigen Szenen und rasanten Ortswechseln, durch die über 400 Figuren mit so sprechenden Namen wie Tyrone Slothrop, Pirate Prentice, Katje Borgesius oder Jessica Swan­lake morphen. Wer möchte, kann die Anspielungen anhand von Steven Weisenburgers grandiosem Buch „A Gravity’s Rainbow Companion“ entschlüsseln. Notwendig ist das nicht unbedingt, da dieser hochkomplexe Kosmos, von der Buchseite ins Radio transportiert, absolut und unmittelbar verständlich wird: Als eine Art Echtzeit-Crashtest zum Lesen einer unüberschaubar gewordenen Welt.

Akustisches Surfen

Der öffentlichkeitsscheue Thomas Pynchon wurde 1937 geboren, er studierte Ingenieurswesen und Physik, dann Anglistik, arbeitete zwei Jahre bei Boeing und verschwand nach seinem erfolgreichen Erstlingsroman „V“ 1963 von der Bildfläche. Keine Statements, keine Interviews. Nur zwei Fotos. Pynchon gilt als „Postmoderner“. Einer von denen, die sich vom Konzept des allwissenden Autors abwandten und die LeserIn zur produktiven MitgestalterIn des literarischen Kunstwerks promovierten. Leben wird aus seinem Stoff heraus erzählt, wie etwa Beckett es tat, dessen Maxime, es sei „unmöglich, im Elementaren Ordnung zu schaffen“, in Pynchons Werk auf Schritt und Tritt nachhallt.

Dramaturg Manfred Hess steckte während seiner 10 Jahre dauernden Bemühung um die Stoffrechte eine Absage nach der anderen ein. Dann war es plötzlich so weit und Klaus Buhlert konnte mit Bearbeitung, Regie und Komposition loslegen. Er ist ein mehrfach ausgezeichneter Veteran der Literaturadaption. Und so gelang es ihm, der Übertragung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz die kongeniale Übersetzung des Romans ins Akustische zur Seite zu stellen. So dass ab der ersten Sendeminute deutlich wird, dass dieses literarisches Monument vielleicht erst in seinem Hörspielauftritt so richtig bei sich ist.

Buhlert inszeniert souverän sparsam. Er dirigiert sein großes Ensemble von Bibiana Beg­lau über Martin Engler bis Lars Rudolph zurückhaltend und legt ihre Stimmen in wechselnde Raumtiefen. Die plastischen Spielszenen setzt er sparsam ein und verzichtet auf laute Gimmicks, die durchaus möglich wären. So gelingt ihm die wunderbare Gratwanderung, unsere Mitgestaltung anzufeuern und gleichzeitig Pynchons Bilder zu erhalten. Und wir surfen beglückt auf der Welle des kalkuliert ausufernden Erzählens.

Keine unnötigen Unterbrechungen

Es spricht nicht nur von der Fürsorge des Dramaturgen für seine HörerInnen, wenn die vier Teile statt durch Nachrichten durch Werkstattgespräche strukturiert sind – Literaturkritiker Denis Scheck, Militärhistoriker Sven Lüken, Amerikanist Heinz Ickstadt und Hanjo Berressem bekommen das Wort.

Die Auswahl der GesprächspartnerInnen verweist auch auf den immensen Wirklichkeitsgehalt von Pynchons Roman. Und so bringt ein großartiges Radio-Event die „public air“ zum Schwingen. Anlässlich des Endes des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren ist diese Hörspiel-Programmierung ein wunderbares Beispiel von kultureller Arbeit jenseits der „shared agendas“, die üblicherweise gleiche Themen gleich erzählt.

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