Hochschul-Lehre in Hamburg: Hybrid-Semester fällt aus

Uni-Chef Lenzen sagt kurzfristig alle Präsenz-Lehrveranstaltungen ab, die nicht „zwingend“ sind. Lehrende protestieren. Die Senatorin hält sich raus.

Junge Menschen sitzen in einem Hörsaal eng zusammen.

Was denn, kein Abstand an der Hamburger Uni? Sind die irre? Ah, ne, das Foto ist von 2015 Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Als der Hamburger Senat vorigen Freitag neuste Verschärfungen im Coronakampf ankündigte, schien es, als ändere sich für die Hochschulen nichts. Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) sagte, das am Montag beginnende Wintersemester finde „hybrid“ statt. „Das heißt nach wie vor: so viel Präsenzlehre wie möglich, so viel digital wie möglich.“

Nur wenigen mag eine kleine Abweichung zur bisherigen Sprachregelung aufgefallen sein. Die hieß: „So viel digital wie nötig.“ Überrascht waren jedenfalls Lehrende der Universität Hamburg, als sie noch Freitagabend eine neue Dienstanweisung des Uni-Präsidiums erhielten. Darin heißt es, Veranstaltungen, die weder zwingend erforderlich noch Prüfung oder Laborpraktika seien, „finden bis auf Weiteres nicht statt“.

Dabei bereitete sich die Universität seit Wochen auf eine sogenanntes Hybrid-Semester vor, das nach dem kompletten Onlinesemester im Sommer wieder echte Kontakte bieten sollte. So wurden Seminare mit 20 bis 30 Teilnehmern in Hörsälen mit 500 Sitzplätzen geplant, damit Abstand gehalten wird. Auch sollten akribisch Kontaktdaten erfasst werden. Sogar für die Geistes- und Sozialwissenschaften sollte es zehn Prozent Präsenzlehre geben.

Bei Lehrenden kommt die Dienstanweisung deshalb nicht nur gut an. „Man hat uns erst viel Arbeit in Präsenzlehre investieren lassen und dann ganz kurzfristig abgesagt“, sagt Marc-Olivier Hinzelin, Dozent am Institut für Romanistik.

Wissenschaftler in Sorge vor Vereinsamung

Gemeinsam mit 30 Lehrenden schrieb er einen offenen Brief an das Uni-Präsidium mit der Forderung, die geplanten Präsenzveranstaltungen zu ermöglichen, „selbstverständlich auf Grundlage der Schutzkonzepte“. Denn Wissenschaft brauche Diskussion und Begegnung. Die seien „das beste Mittel gegen Vereinsamung, Frustration und Stress“.

Uni-Präsident Dieter Lenzen und seine Vizes konterten scharf. Mit der Aufforderung, Präsenzlehre in unbeschränkter Form zuzulassen, werde die Öffentlichkeit über die Rechtsgrundlage getäuscht. Stehe doch in der neusten Verordnung des Senats, Lehre in Präsenz erfolge nur, wenn dort Lehrende und Studierende „zwingend“ anwesend sein müssten. Und das sei nur bei wenigen der Fall: etwa in Laboren oder der Lehrerbildung.

Nachfragen der taz ergaben: Der rot-grüne Senat hat in der Tat am Freitag den Paragrafen 20, Absatz 2 der Eindämmungsverordnung verschärft. Bis zum 30. Oktober hieß es dort noch, das Wintersemester erfolge „vorrangig in hybrider Form“, also teils präsent, teils digital. Nun ist dort ein Zusatz zu lesen: „Während des Wintersemesters 2020/2021 erfolgt die Lehre an staatlichen Hochschulen in hybrider Form und in Präsenz, soweit die jeweilige Lehrveranstaltung eine gemeinsame Anwesenheit von Studierenden und Lehrenden zwingend erfordert“. Darauf stützt sich nun das Uni-Präsidium.

In Unikreisen hört man, dass zwei Hochschulen schon bei einer Telefonkonferenz am 26. Oktober ankündigten, die Präsenzlehre nach zwei, drei Wochen einzustellen. Auch soll Uni-Präsident Lenzen selbst den Senat zu dieser neuen Formulierung gedrängt haben. Danach gefragt sagt seine Sprecherin jedoch: „Das trifft nicht zu.“

An der Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW) indes findet wie geplant das hy­bride Semester statt. Vor allem für Anfänger gibt es auch Präsenzveranstaltungen. Auch die Technische Universität Hamburg bietet Lehrveranstaltungen in kleinen Gruppen mit bis zu 25 Teilnehmern.

Opposition fordert Ersatz für Erstsemester-Partys

Wissenschaftssenatorin Fegebank erklärt gegenüber der taz, es gelte, sofern die Infektionen es zuließen, nach wie vor der Satz: „So viel Präsenz wie möglich, so digital wie nötig.“ Sie verstehe den Wunsch der Dozierenden, dass Lehrveranstaltungen vis à vis stattfinden, fände es aber auch nachvollziehbar, dass die Universität nun „überwiegend auf digitale Lehre setzt“. Jede Hochschule finde für sich „kluge und praktikable Lösungen“.

Die CDU-Politikerin Anke Frieling indes spricht von einem „Uni-Lockdown“. Fegebank lasse die Hochschulen allein und mache „es sich viel zu einfach“. Sie verstehe den Frust von Dozierenden und Studierenden, die noch ein Semester ohne soziale Kontakte auskommen müssen, sagt Frieling. Wenn Unternehmen hybrid arbeiteten, könnten Unis das auch. Ginge es nach Frieling, hätte der Senat längst ein Konzept ausfeilen müssen. Die CDU beantragt nun ein solches. Dabei möge der Senat neben Blockveranstaltungen mit festen Gruppen auch Ersatz für „Erstsemester-Anfangspartys“ entwickeln.

Anmerkung der Redaktion: der Artikel wurde im 8. Absatz korrigiert. In einer früheren Version schrieben wir, in der neuen Verordnung sei zu lesen, die hybride Form müsse „zwingend“ erforderlich sein. Das war nicht richtig, da sich das Wort „zwingend“ auf die Präsenzlehre bezieht. In der neuen Fassung haben wir den ganzen Passus der Verordnung zitiert: „,Während des Wintersemesters 2020/2021 erfolgt die Lehre an staatlichen Hochschulen in hybrider Form und in Präsenz, soweit die jeweilige Lehrveranstaltung eine gemeinsame Anwesenheit von Studierenden und Lehrenden zwingend erfordert'. Darauf stützt sich nun das Uni-Präsidium.“

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