Hitzewelle über Indien und Pakistan: Alarmstufe Orange

Der frühe Sommerbeginn trifft Südasien hart. Seitdem die Hitze ansteigt, kommt es zu Stromengpässen, was den Menschen weiter zusetzt.

Ein Mann badet an einem öffentlichen Wasserhahn im zentralindischen Bundesstaat Uttar Pradesh Foto: dpa

DELHI taz | Dieser Tage ist es im Norden Indiens und Teilen Pakistans brütend heiß. Angeblich so heiß, dass sich auf Autohauben indisches Fladenbrot zubereiten lässt, versucht ein Video Menschen weiszumachen. Bei Werten von über 45 Grad scheint das nicht undenkbar, allerdings ist diese Realität für Millionen von Menschen eher bitter als amüsant, die beispielsweise mit Kreislaufproblemen zu kämpfen haben. Im Norden Indiens kommt die Trockenheit hinzu.

Bereits der März dieses Jahres war für einige Regionen wie die indische Hauptstadt Delhi ungewöhnlich heiß gewesen mit Rekordtemperaturen von bis zu 40 Grad. Indien hat damit den heißesten März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 122 Jahren erlebt. Im April zog sich der gefährliche Hitzetrend weiter und nähert sich teilweise Richtung 50 Grad. In Regionen wie Haryana, Punjab, Delhi, Uttar Pradesh und Teilen Zentralindiens herrscht gerade die Alarmstufe Orange, die zweithöchte. Rot ist die höchste.

Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlmaschinen werden vermehrt angeworfen, wo sie verfügbar sind. Vielerorts führte das zum Anstieg des Stromverbrauchs. Wegen knappen Kohlereserven in Kraftwerken verursachte das wiederum Stromausfälle. In anderen Bundesstaaten wie Rajasthan, Gujarat oder Andhra Pradesh wurde der Strom für Fabriken rationiert, um auf den Verbrauch durch Klimaanlagen und Ventilatoren zu bedienen.

In der Moschee laufen die Ventilatoren

Der Student Firoz Alam, 29, wäre froh, wenn es in seinem Heimatdorf Nahe der nepalesischen Grenze wenigstens für längere Zeit Elektrizität geben würde, doch die Familie lebt abgeschieden. Mehr als ein paar Stunden am Tag rattert da die Deckenlüftung nicht. Seine Verwandten schlafen tagsüber vermehrt. Es sind die letzten Tage des Fastenmonats Ramadan, bei dem viele Gläubige der 200 Millionen Mus­li­m:in­nen in Indien erst nach Sonnenuntergang Essen und Trinken. In der Moschee ruhen sich die Menschen aus, erzählt Alam. Hier laufen die Ventilatoren rund um die Uhr. Auch er suchte Unterschlupf.

Eine Müllsammlerin auf der Bhalswa-Mülldeponie während eines Brandes Foto: dpa

Die massive Hitze hinterlässt aber auch anderweitig ihre Spuren: Auf der Mülldeponie Bhalswa in Delhi brennt es seit Tagen. Ein 60 Meter hoher Müllberg hatte sich entzündet. Zwar ist die Feuerwehr im Einsatz, dennoch gelingt es nicht auf Anhieb, die Flammen zu löschen. Die giftigen Gase steigen unkontrolliert in die Luft und machen das ohnehin schwere Atmen in der Region noch schwerer. Unterdessen steigt das Brandrisiko auch in anderen Regionen, wovor Premier Narendra Modi warnte.

Erbrechen und Fieber

Dass es für viele Menschen schwierig ist, mit der Hitze alleine zurechtzukommen, hat Ärztin Meenu Goyal aus dem Süden Delhis beobachtet. Sie ist in einer Familienpraxis in einer Wohngegend tätig. „Die Menschen brechen vor Erschöpfung bei der Hitze zusammen“, sagt sie. Seit Tagen sehen sie Patient:innen, die dehydriert sind und die sie mit Kochsalz-Infusionen behandeln. Das treffe vor allem Menschen, die viel draußen sind. Besonders bei Kindern unter fünf Jahren gäbe es erhebliche Probleme, es gehe ihnen mit den Temperaturen wirklich schlecht, sagt Ärztin Goyal. Sie litten unter Erbrechen und Fieber, etwas, dass sie so in den vergangenen Jahren im April nicht erlebt hat, sondern erst gegen Ende Mai oder im Juni. Trinken helfe zwar, doch Kindern ist das nicht so klar, wie Erwachsenen.

„Bei dem Niveau, mit dem wir jetzt konfrontiert sind, glaube ich nicht, dass sich der Körper daran gewöhnen kann. Und Anzeichen für eine Erholung gibt es nicht“, sagt sie, denn der Sommer hat in Indien noch nicht begonnen. Das Hitze-Problem sieht sie stärker in den überfüllten Millionenstädten als auf dem Land, in der die Abwärme von Klimaanlagen und das fehlen von Grünanlagen zusätzlich einheizt. Natürlich verstärke das die globale Erwärmung, sagt Goyal, während über ihr der Deckenventilator die Unterlagen auf dem Schreibtisch aufwirbelt.

In machen Gegenden bleiben nun mittags länger die Rollläden unten, doch nicht jeder kann sich solch lange Mittagspausen leisten, denn durch die Pandemie haben viele Menschen große Einbußen hinnehmen müssen. Das fürchten nun auch Landwirt:innen, die diese extrem heiße Phase überraschend trifft. Die Prognose bei der Weizenernte wurde bereits nach unten korrigiert.

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Im benachbarten Pakistan spricht die Zeitung „The Dawn“ bereits von einer „tödlichen Hitzewelle“. Zwar äußerte sich das Klimaministerium gerade während der Fastenzeit besorgt, doch es fehle eine Warnung für alle Provinzen bei einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen von 6 bis 8 Grad. Ähnlich wie im Norden Indiens sind in Pakistan die Niederschlagsmengen in diesem Jahr stark zurückgegangen. Das hat zur Folge, dass Gewässer und Flüsse schneller austrocknen und sich damit die Lage verschärfen könnte. Zudem steigt der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft.

Selbst die kältesten Bergstationen Indiens sind von der Hitzewelle betroffen. Die kaschmirische Winterhauptstadt Jammu verzeichnete Mitte der Woche bis zu 40 Grad Celsius. In Küstenregionen wie Mumbai steigt die Luftfeuchtigkeit dagegen extrem an. Auch hier hat die Lokalregierung Warnungen ausgeben, möglichst nachmittags das Haus nicht zu verlassen und viel zu trinken.

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