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Hitlist polizeifeindlicher SlogansHalb Kreuzberg hasst die Polizei

Eine Spontandemo gegen die Stromanschlagsrazzien wird zum Gesangswettbewerb. Ein Slogan gegen die Polizei folgt auf den nächsten.

Verbalradikal, aber friedlich Foto: Christian Mang
Erik Peter

Aus Berlin

Erik Peter

„Hass, Hass, Hass wie noch nie. All cops are bastards – ACAB“ hallt es am Dienstagabend gegen halb neun plötzlich über den Mariannenplatz. „All cops are targets – ACAT“, berichtigt jemand. Aus den etwa 40, 50 Kehlen überwiegend dunkel gekleideter Menschen folgt kurz darauf: „Bullenschweine raus aus den Kiezen.“ Sie alle stehen mit Abstand zueinander rings um die Kuhle vor dem Bethanien. „Auf die Straße, Bullen auf die Nase“, rufen ein paar männliche Stimmen, ohne große Resonanz, dann wieder lauter: „Ganz Berlin hasst die Polizei.“ Der Autor denkt an Bingo und schreibt mit.

In Chatgruppen kursierte zuvor ein Aufruf für eine Spontandemonstration gegen die Razzien auf linke Projekte und WGs am Morgen im Zusammenhang mit dem Anschlag auf Strommasten in Treptow im vergangenen September. Nun schallt „Ein Baum, ein Strick, ein Bullengenick“ durch die anbrechende Nacht. Auch die Polizei hatte Wind bekommen von dem nicht angemeldeten Protest, eine Hundertschaft hat sich in Stellung gebracht. „Deutsche Polizisten – Mörder und Faschisten“ wird in ihre Richtung geschrien. Mit Taschenlampen leuchten Po­li­zis­t:in­nen in die Szenerie.

„Wo, wo, wo wart ihr in Hanau?“ folgt als eher rhetorische Frage, ehe einige unbehelmte Beamte über den Platz streifen. „Blut an euren Händen“ lautet die Antwort der noch immer Verstreuten. Immer noch kommen Kleingruppen dazu, dabei sollte es schon um 20 Uhr losgehen. „Ein Bulle, ein Schwein, das muss Verwandtschaft sein“, rufen ein paar Zuspätgekommene. Irgendwo lacht jemand laut. Warmgerufen von den Parolen folgen eher melodische Beleidigungen: „Alle Bullen sind Schweine.“

Langsam kommt die Menge, die näher zusammenrückt, in Schwung: Auf „Auch mit Koks und auch mit Nazis seid ihr nichts“ folgt die Darth-Vader-Melodie von „Star Wars“. Ein Mann geht die Verstreuten ab und informiert, dass der Demozug bald starten soll. „Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform“ lautet die dankbare Antwort. Angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe der Bildung einer kriminellen Vereinigung nach Paragraf 129 fehlt auch ein „129, das kennen wir schon. Feuer und Flamme der Repression“ nicht.

Nach einem Pfiff formieren sich die überwiegend jungen Linksradikalen zu einem Block. „Nur für Arbeit gibt es Lohn, Bullen in die Produktion“ ist nun laut und deutlich vernehmbar. Über den Platz setzen sich die etwa 100 Menschen in Bewegung Richtung Mariannenstraße. „BRD, Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt“, erinnert sich ein einzelner Teilnehmer an alte Zeiten, als Spontis noch gut besucht waren.

„Not nation, no border, fight law and order“ zeigt dann den Internationalismus der Bewegung. Getoppt noch von „Policia – assassini“ und „Tout le monde déteste la police“. Po­li­zis­t:in­nen begleiten die Demo in einem engen Spalier, die Helme bleiben zunächst am Gürtel. „Die Gewalt kommt immer von denselben, schwarzer Block mit schwarzen Helmen“ verstehen sie dann aber als Aufforderung, sich doch besser zu schützen. Noch bevor man die durchsuchte anarchistischen Bibliothek in der Reichenberger Straße erreicht, biegt man schon wieder ab.

„Überall Polizei, nirgendwo Gerechtigkeit“ erklingt auf Kreuzbergs Straßen. Die Demo saust im Brauseschritt. Das „Bullen, Schweine, Lügner, Mörder“ hört sich schon recht hastig an. Nach 20 Minuten Rundtour durch Kreuzberg erreicht man den Lausitzer Platz. „Wir kriegen euch alle“, rufen die Letzten. Dann entschwinden sie in der Nacht. Die Polizei musste nicht eingreifen.

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