Historiker über Geschichte(n): „Norddeutschland hatte eine ganz eigene Öffnung zur Welt“
Untote, U-Boote, ermordete Geistliche – Tillmann Bendikowski erzählt norddeutsche Geschichte in Geschichten, von den Römern bis heute.
taz: Herr Bendikowski, in Ihrem Buch erzählen Sie historische Geschichten von der Nordseeküste bis zum Harz. Geht es da mal wieder um untergegangene Städte und Brockenhexen?
Tillmann Bendikowski: Nein, in dem Buch, das ich mit Sabine Knor geschrieben habe, stehen eher unbekanntere Geschichten, die den Geschichtsraum Norddeutschland illustrieren sollen. Der ist sehr vielschichtig und war überregional gut vernetzt. Und so geht es darin auch um große Themen wie die Geschichte des Welthandels oder der technischen Revolutionen. All das spiegelt sich in diesen lokalen Geschichten, die von den Römern und Germanen bis in die Gegenwart reichen.
taz: Technische Revolutionen?
Bendikowski: Wir klären zum Beispiel die Frage, ob im Steinhuder Meer tatsächlich das erste U-Boot getaucht hat.
taz: Und, hat es?
Bendikowski: Wohl eher nicht. Aber wir haben die Pläne für diesen „Steinhuder Hecht“, der 1762 von einem grandiosen Konstrukteur entworfen wurde. Bei der Frage, ob er jemals gebaut wurde, muss ich als Historiker allerdings passen, weil sich da die Spur verliert. Aber die Idee, das Know-how und die Begeisterung für die Technik waren da – und das in der niedersächsischen Provinz.
taz: Kann man solche Geschichten nicht auch aus Nordrhein-Westfalen oder Bayern erzählen?
Bendikowski: Das Besondere an Norddeutschland waren die Handelswege. Mit der Elbe, der Weser und der Ems haben wir Zugänge zu den Meeren. Wenn ich zum Beispiel über eine Moorleiche in Emden schreibe, dann geht es auch darum, dass schon im frühen Mittelalter in England mit friesischem Tuch gehandelt wurde. Es gab Kolonialwaren wie Zucker, Tabak oder chinesisches Porzellan, die im 17. Jahrhundert in die norddeutschen Häfen kamen und von dort über Deutschland verteilt wurden. Norddeutschland hatte schon immer eine ganz eigene Öffnung zur Welt.
taz: Das Wort „sagenhaft“ ist ja mehrdeutig. Erzählen Sie auch Sagen und Legenden?
Bendikowski: Nein, da ist nichts erfunden. „Sagenhaft“ meinen wir im Sinne einer Überraschung darüber, dass es so etwas bei uns gegeben hat. Aber tatsächlich geht es zum Teil auch in den Bereich des Volksaberglaubens und der Mythen über.
taz: Wo zum Beispiel?
Bendikowski: Da wäre etwa die Bannung von sogenannten Untoten in einem Kloster in Harsefeld bei Stade. Da wurden toten Mönchen in ihren Gräbern mit schweren Vorhängeschlössern die Füße gefesselt, weil man Angst hatte, sie würden sonst wieder auferstehen und herumspuken.
taz: Haben Sie als Historiker sich für diese Geschichten in den Archiven die Augen verdorben oder haben Sie auch vor Ort recherchiert?
Bendikowski: Ich war an allen Orten, wo diese Ereignisse sich zugetragen haben. Bei der Geschichte von den Lübecker Geistlichen, die 1943 hingerichtet wurden, war ich zum Beispiel in der Zelle im Lübecker Burgkloster, wo sie damals eingesperrt waren.
aus dem Band „Sagenhafte Nordgeschichten“ (Penguin 2023, 256 S., 16 Euro) im Rahmen des Suedlese-Festivals am 4. März, 19 Uhr, Fischhalle Harburg, Kanalplatz 16. Eintritt: 15 Euro
taz: Worum geht es in diesem Fall?
Bendikowski: Die sogenannten Lübecker Märtyrer sind deswegen so außergewöhnlich, weil dies der erste dokumentierte Fall ist, bei dem Geistliche hingerichtet wurden, die überkonfessionell zusammengearbeitet haben. Das waren drei Katholiken und ein Protestant und die wurden wegen Kritik am System der Nazis in ihren Pfarrgemeinden hingerichtet.
taz: Sie erzählen also die Geschichten zur Geschichte?
Bendikowski: Die Geschichten sind das Rückgrat jeder Geschichtserzählung, aber ich meine, dass sie nicht von alleine sprechen. Es braucht immer erfahrene ErzählerInnen und HistorikerInnen, die das Wesentliche dieser historischen Begebenheit pointiert herausarbeiten, sie in einen Kontext setzen und den Wert dieser Geschichte für unsere Gegenwart herausstellen.
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