Hartmut El Kurdis „Home.Run“

Ein Vertriebener kehrt heim

Mit einem autobiografischen Theaterstück kehrt Hartmut El Kurdi nach Braunschweig zurück. Er hatte die Stadt nach einem Bann des OBs verlassen.

Hartmut El Kurdi auf der Bühne des Staatstheaters Braunschweig.

Lässig-spontaner Duktus: Hartmut El Kurdi (links) in seinem Stück „Home.Run“ Foto: Sena Zahirovic/Staatstheater Braunschweig

BRAUNSCHWEIG taz | Ein Neu-Hannoveraner kehrt zurück ins animose Braunschweig – Hartmut El Kurdi, 1964 als Sohn „Samer Hartmoud“ des jordanischen Offiziers Mahmoud El Kurdi und der Nordhessin Luzie Althaus geboren in Amman, seit 1980 deutscher Staatsbürger. Von Beruf Kinderbuchautor, Theatermacher, Countrymusiker und Journalist, unter anderem für die taz.

Vor zehn Jahren war er aus Braunschweig nach Hannover geflüchtet, weil das Arbeitsklima für ihn als Künstler, angewiesen auf öffentliche Gelder, in der Löwenstadt vergiftet war. Hatte doch der damalige CDU-Oberbürgermeister die städtischen Mitarbeiter und Institutionen angewiesen, Auftritte El Kurdis nicht mehr zu unterstützen oder zu besuchen. Der Grund? Der Publizist hatte mehrmals kritisch auf die NPD-Vergangenheit des Politikers verwiesen.

Nach 13 Amtsjahren ist dieser Gerd Hoffmann inzwischen Geschichte, entspannter Weise veröffentlichte er 2018 seine Memoiren im selben Verlag wie El Kurdi seine Ruhrgebietssagen. Zeit also fürs Staatstheater, den Aus-der-Stadt-Gejagten wieder nach Braunschweig zu laden, wo einst seine Stücke „Boomtown Braunschweig“, „Ohja Troja“, „Johnny Hübner greift ein“ und „Angstmän“ liefen. Im Mai 2020 uraufführt er dort nun einen neuen Text, vorab darf er seine fürs Schauspiel Hannover entwickelte Produktion „Home.Run“ auf der Aquarium genannten Experimentierbühne zeigen.

Der halbmondförmige frühere Probenraum ist in dieser Spielzeit vornehmlich mit Plastikrasen, -blumen und -gemüse als Kleingarten-Installation hergerichtet und soll ein Ort sein fürs utopische Nachdenken darüber, wie wir zukünftig miteinander leben wollen.

Weitere Vorstellungen am 27. und 28. November 2019 sowie am 9. und 10. Januar 2020, jeweils 20 Uhr

Und da passen die Landesgrenzen ignorierenden, multikulturell verwurzelten Familiengeschichten Hartmut El Kurdis bestens. Ein Zuwanderer, der den Erfahrungshintergrund seiner Biografie live aufblättert. Ulrike Willberg hat das als Dia-Abend inszeniert, an dem zudem Schnipsel aus historischen Super-8-Filmen und verwackelten Videos zu sehen, auch ein paar Kontrabasstöne, Gitarren-Melodielinien und scheue Gesangsversuche zu hören sind.

Das Medium Theater wird dabei aber grandios unterfordert. El Kurdi ist auch nicht der rampensäuische Performer, sondern eher verdruckste Satiriker seiner selbst. Obwohl er seine komödiantische Plauderei schriftlich fixiert und auswendig gelernt hat, bedient sich der Künstler eines lässig spontanen Sprechduktus’, als würde ihm das alles gerade so einfallen. Diese professionelle Beiläufigkeit zeichnet den Abend aus. Keine Abrechnung, nirgends. Nur ein paar Spitzen gegen rassistische Klischees und einige genüssliche Ausflüge zu den grotesken Folgen der Verquickung von Identität und Nationalität.

Die Thermoskanne packt der Autor aus, setzt sich an einen Gartentisch, um den herum die Besucher auf Outdoor-Gestühl platziert sind, verteilt Baklava und berichtet mit kauziger Selbstironie von seiner Kinder-Fatwa der Selbstarisierung: Hat er sich doch zur Einschulung von seinem Erstnamen Samer verabschiedet und ist auf den Zweitnamen Hartmut umgeswitcht.

Das Dia dazu: Klein-Hartmut mit Meckischnitt, weißen Socken, kurzer Hose mit Bügelfalten, knabenhoher Schultüre und gelber Pudelmütze. Irgendwo in Kassel. Nach „klassischer Zwangskonversion“, sagt der Autor, „vorher war ich Muslim, danach Lutheraner.“ Und fügt hinzu: „Glücklicherweise war ich noch nicht beschnitten, das lässt sich ja nicht so einfach rückgängig machen.“

Die Eltern waren von Jordanien ins diplomatische Korps nach London beordert worden, hatten sich dann aber getrennt, woraufhin die Mutter mit ihrem Sohn nach Hessen zurückkehrte. Eben noch Villa, Chauffeur und Empfänge im Buckingham Palace – nun „Zwei-Zimmer-Küche-Bad, Kohleofen, Neue-Heimat-Siedlung, Mutter Putzfrau. So schnell kann es kommen im Leben“, sagt El Kurdi.

In der Grundschule habe ihn die Klassenlehrerin gefragt, ob er sich als Jordanier oder Deutscher fühle. Seine Antwort: „Ehrlich gesagt fühlte ich mich einfach nur wie ein Junge, der gern Fußball spielt, Comics liest, sich im Fernsehen,Raumschiff Enterprise' anguckt und der sich zum Geburtstag eine Carrera-Bahn wünscht – und natürlich nicht kriegt.“

Mit dieser Selbstverständlichkeit definiert er auch sein Verständnis von Heimat auf dem Infozettel zur Produktion als Mischmasch von Sprachen und Kulturen – in diesem Fall Englisch, Hessisch und anglo-amerikanische Popkultur: „So gesehen liegt meine Heimat wahrscheinlich irgendwo zwischen Kassel, London, Niedersachsen, Ahler Worscht, Falafel, Nashville, süßem schwarzem Tee, Bob Dylan, Erich Kästner, Beatles, Robert Gernhardt, Batman, orientalischen Märchen, Kurt Vonnegut, Charles Dickens und Rio Reiser.“

El Kurdi zeigt Fotos der mütterlichen Familie, etwa Onkel in SS-Uniformen, und erwähnt unaufgeregt die Deportation von Juden. Zitiert auch aus der 1999 veröffentlichten Autobiografie von Luzie Kurdi: „Sonnenaufgang über der Wüste. Ein Roman, den das Leben schrieb“. Zeigt dabei viel Verständnis für die Mutter als klassischen „Wirtschaftsflüchtling“ der Nachkriegszeit. Deutschland lag in Trümmern, Arbeit und Wohlstandsper­spektiven waren kaum vorhanden, sodass ein Aupair-Job nach England lockte, wo ihr der zukünftige Ehemann über den Weg lief. Der hielt sie für seine Rita Hayworth, während sie sich selbst eher als Doris Day sah.

Sympathischer Abend

Väterlicherseits recherchierte der Autor die Familie seines kurdischen Großvaters in Syrien und dem Irak, aus dem Kaukasus stammt die tscherkessische Großmutter, wuchs auf den Golan-Höhen auf, bevor sie nach Jordanien kam. In Braunschweig kommt sie auch mit einer Videobotschaft zu Wort.

Viele Kinder und Kindeskinder blieben im Aufbruch, wanderten weiter, sind nun auf mehreren Kontinenten zu finden und heimisch geworden, indem sie sich verbandelt haben mit Amerikanern, Dänen, Walisern, Iren oder Türken, Schwester Mona heiratete beispielsweise einen halbsinghalesischen katholischen Iraker – zusammen mit der arabischen Seite der Familie eine echte Globalisierungs-Kampagne des El-Kurdi-Clans.

Der Autor bezeichnet die Familienaufstellung als nur „vordergründig ungewöhnliches Beispiel“ – und betont damit die Realität von Migration als so normal, wie sie eben heutzutage vielfach ist und schon immer war. All das nicht pädagogisch auszuwerten oder ideologisch aufzuwerten, macht den Abend zu einem sympathischen. Die Rückkehr nach Braunschweig wird so zu einer umarmten.

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