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Harte Schale, samtiger Kern

Obwohl sie wirken wie einem Science-­Fiction-Film entsprungen, können Dekotoras weder fliegen noch abtauchen, sie können auch nicht sprechen, zumindest nicht mit Worten. Ihrem Betrachter erzählen sie trotzdem Unmengen an Geschichten. Man muss nur genau hinschauen, aufs große verchromte Ganze und die kleinen Details dazwischen. „Und am Ende hast du ein vollständiges Porträt des Menschen dahinter, weißt, woran er glaubt, wie seine Familienmitglieder heißen, was sein liebstes Manga aus der Kindheit war und welcher Rock-’n’-Roll-Song ihm am meisten bedeutet“, sagt Louise Mutrel.

Die 33-jährige Fotografin beschäftigt sich seit acht Jahren mit der japanischen Subkultur der Truck­dekorierer, die an ihren Fahrzeugen, den Dekotoras, so viel zusätzliches Material, kleine Botschaften und Bling-Bling verbauen, dass US-amerikanische Äquivalente dagegen fast schüchtern wirken. Dabei galten Letztere der Bewegung mal als Vorbild, so zumindest die Legende.

Unter dem Einfluss US-amerikanischer Popkultur begannen auch japanische Trucker ihre Fahrzeuge zu schmücken; die Actionkomödie „­Torakku Yarō“ aus dem Jahr 1975 über Fernfahrer, die mit ihren Dekotoras quer durchs Land heizen, fachte den Boom noch an. Was mit Airbrushbildern auf der Heckklappe begann, wurde über die Jahre immer opulenter: Verspiegelungen, Zierleisten, bunte Lichterreihen, retrofuturistische Blechauswüchse. In den Neunzigern verbannten die Behörden Dekotoras aus den Innenstädten. Man sorgte sich um die Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer und generell um die Ästhetik auf Japans Straßen.

Als Konsequenz trafen sich die Trucker jeden Sonntag auf Parkplätzen in Industriegebieten. Heute dürfen sie unter strengen Auflagen zwar wieder fahren, die Zusammenkünfte finden aber immer noch statt. Als die Französin Louise Mutrel 2017 für ein Jahr in Tokio lebt, entdeckt sie die blinkenden Lkws immer mal wieder frühmorgens neben Fischmärkten. „Dieser Anblick hat mich total angezogen“, sagt sie. „Wie Raumschiffe, als würden sie gleich abheben.“

Sie reist von Truckertreffen zu Truckertreffen, lernt dabei das Land und seine Dekotorakünstler besser kennen, merkt schnell, dass nicht viel dran ist an deren Bad-Boy-Image. Für die Männer spiele Nostalgie eine große Rolle und der Wunsch, sich künstlerisch auszudrücken. Viele von ihnen seien Familienmenschen, Kinder und Frau lebten teilweise mit im Fahrerhaus. Diese Kabinen stünden der äußeren Extravaganz des Fahrzeugs in nichts nach, sagt Mutrel. Meist sei alles aus Samt, von der Decke hingen Kronleuchter, die Vorhänge kunstvoll bestickt.

Trucker Okita aus Hiroshima drückte es der Fotografin gegenüber so aus: Das Dekorieren lindere die Einsamkeit auf langen Fahrten, es motiviere dazu, zur Arbeit zu gehen. Das sei ein Antrieb, „der persönlicher, poetischer und existenzieller ist, als nur Güter zu transportieren oder Baustellen aufzuräumen“. Okita selbst habe als Kind schon sein Fahrrad wie eine Dekotora hergerichtet.

Fotografin Louise Mutrel hingegen hat nicht mal einen Führerschein, trotzdem lässt sie das Thema nicht mehr los. Letztens war sie in Bahia in Brasilien, besuchte die dortige Tuningszene.

„Only you can complete me“ – nur du kannst mich vervollständigen – heißt ihre Fotoarbeit über die Dekotoracommunity. Den Spruch las sie irgendwann auf einem der vielen Trucks, er kam ihr passend vor für die Symbiose zwischen Fahrer und Fahrzeug. Und dann wiederum ist er ein Widerspruch in sich, denn eines ist klar: Eine Dekotora ist niemals fertig. Leonie Gubela

„Only you can complete me“ ist noch bis 14. März in der EMBA – Galerie Édouard Manet in Genneviellers bei Paris zu sehen. Louise Mutrels gleichnamiges Buch ist im RNVP-Verlag erschienen.

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