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Hangover-Talk an NeujahrDas Publikum im Vollbesitz seiner Störungen

Es gibt gar keine normalen Menschen, alle sind verpeilt aus der Sicht von irgendwem. Zumindest dann, wenn es nach den Typen mit Moneten-Empathie geht.

Liebesbeziehungen sind sowieso immer gestört: No Schmerz no Herz Foto: Sebastian Gollnow/dpa

D enkt ihr auch immer, die ganzen Online-Psychospezis und Coaching People sind selber plemplem?!“, fragt der Freund beim Hangover-Mittag und schüttet sich Tabasco auf die Stulle.

„Ja, voll, die starren bei ihren Blind-Fern-Diagnosen deines imaginierten Narzissten-Partners oder deines angeblichen Pleaser Seelengeflechts teilweise selber so unmethodisch ins Leere, dass ich davon schon allein emotional instabil werden könnte!“, sagt die Freundin mit einem Zahnstocher im Mundwinkel.

„Und narzisstisch sind immer nur die anderen!“, sagt die andere Freundin und zerrupft ihre Waffel.

„Echt ey, was, wenn ich die Narzisstin bin und es nicht raffe, weil mir die ganze Zeit wer Abseitiges einlabert, mein Lover sei das Liebesbiest, nur weil der nicht immer macht, was ich will!“

Gestörte Liebesbeziehungen

„Liebesbeziehungen sind sowieso immer gestört, no Schmerz no Herz.“

„Und es gibt auch gar keine normalen Menschen, alle sind verpeilt aus der Sicht von irgendwem.“

„Aber mal eben neben der Spur sein, heißt ja nicht gleich durchgeknallt.“

„Medizinisch relevant ist ja eh nochmal was anderes, da ist der Fun am ganz anderen Ende der Leitung, da sollte man jetzt nicht einfach so Sprüche zu raushauen.“

„Aber woher soll die Online-Person mit oder ohne Fachwissen denn erahnen, zu wem sie da spricht oder wohin das im Zweifel führen könnte.“

Dicke Schraube locker

„Dangeröse Geldmacherei, die Oberstübchen der Seelenmeute gehen denen doch nicht wirklich an die Nieren.“

„Stell dir vor, da hat der eine oder andere echt 'ne ganz dicke Schraube locker, nicht mal mehr eine einzige Tasse im Schrank, und dann labert da so n Typ mit Moneten-Empathie auf den ein, die anderen seien die Fiesen und er müsse sich das jetzt so gar nicht mehr gefallen lassen!“

„Auch nix anderes als so 'n religiöser Einredner.“

„Aber Therapeuten rufen jetzt ja nicht zum Mord auf.“

Als es mir mal so übergut ging, hatte ich die Idee ne Sekte zu gründen, weil ich dachte, ich check voll, wie es läuft und muss das jetzt dogmatisch verdeutlichen

„Echte eher nicht, aber was die Echtigkeit anbelangt, läuft das im Internet ja schon lange nicht mehr so ganz rund.“

„Und jemand, dem die Schüssel schon in zwei Teile gesprungen ist, könnte ja theoretisch alles als Aufforderung zu allem verstehen.“

„Therapie ist ja nicht umsonst individuell angelegt.“

„Und so isses 'ne Themen unspezifische Massentherapie, bei der aber immer nur eine Person dauersendet, ohne zu wissen wohin.“

„Meine Therapeutin meinte, so schlecht sei das Internet gar nicht, die Leute hätten dadurch viel mehr Bock auf psychische Probleme.“

„Auf die, die sie schon haben?“

„Ich glaub ja ohnehin, dass man besser drauf ist, wenn man sich nicht optimal fühlt.“

„Stimmt, wenn ich super drauf und oberfit bin, fühle ich mich gleich banal und egal, ich weiß gar nichts damit anzufangen.“

„Ja, für Leistungssport wäre es auf beruflicher Ebene zu spät.“

„So voll in Schuss kommt man auf seltsame Ideen.“

„Als es mir mal so übergut ging, hatte ich die Idee ne Sekte zu gründen, weil ich dachte, ich check voll, wie es läuft und muss das jetzt dogmatisch verdeutlichen.“

„Und was hast du gemacht?“

Als es mir mal perfekt gut ging, hatte ich zum ersten Mal im Leben Lust, mich umzubringen

„Ich hab tagelang nur Süßigkeiten und Fast Food gegessen, sodass mir dauerschlecht war und ich erst mal wieder ausgeknockt war.“

„Als es mir mal perfekt gut ging, hatte ich zum ersten Mal im Leben Lust, mich umzubringen.“

„Warum?“

„Damit das nie wieder aufhört!“

„Es hört immer wieder auf.“

„Und fängt auch mal wieder an.“

„Und was macht man dazwischen?“

„Am besten nicht durchdrehen und im richtigen Moment die Klappe halten.“

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Jasmin Ramadan
Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr neuer Roman Roman „Auf Wiedersehen“ ist im April 2023 im Weissbooks Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im Zwei-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.
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