Hamburger Seenotretter über Solidarität: „Nur Nichtstun ist schlimm“

Seenotretter Dariush Beigui wendet sich per Brief an Peter Tschentscher – wegen der Situation in Polen und Belarus. Er selbst muss bald vor Gericht.

Dariush Beigui steht in einem Türrahmen, daneben Punk-Poster

„Wer nicht aktiv wird, macht sich mit schuldig“, sagt Seenotretter Dariush Beigui Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Beigui, Sie haben einen sehr persönlichen Brief an den Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gerichtet. Was wollen Sie von ihm?

Dariush Bei­gui:­ Wir alle wissen, was gerade an der belarussisch-europäischen Grenze los ist. Solidarität heißt, nicht darauf zu warten, dass jemand kommt und um Hilfe bittet, sondern aktiv Hilfe anzubieten. Von Peter Tschentscher erwarte ich, dass er aktiv wird, denn die Menschen dort brauchen jetzt sofort Hilfe.

Was soll er konkret machen?

Es gibt tausend Möglichkeiten, er soll selber überlegen, was er tun könnte. Das sollten übrigens alle Menschen, aber als Bürgermeister einer der größten und reichsten Städte Europas hat er weitaus mehr Möglichkeiten. Er könnte mit einer Delegation dorthin fahren oder eine Videonachricht schicken, sodass die Menschen sehen, dass sie nicht allein sind. Oder er schreibt einen offenen Brief an den Bundesinnenminister. Nur Nichtstun ist schlimm.

Hamburg ist wie viele andere Städte „Sicherer Hafen“ – was müsste damit einhergehen?

Dahinter steht die Idee, Menschen aufzunehmen, die aus dem Mittelmeer gerettet werden. Wenn auf europäischer Ebene nicht alle mitmachen, muss man eben Vorreiter sein. Deutschland hat genug Platz und Geld. Es geht um Menschenleben, da muss man mal laut sein und etwas fordern: Menschen aktiv nach Hamburg zu holen.

43, ist Seenotretter, Punkrocker und Binnenschiffer. Auf dem Mittelmeer fährt er meistens die Schnellboote, die vom Schiff zum Schlauchboot der Geflüchteten fahren. Er lebt in Hamburg.

Sie schreiben an Tschentscher: „Wer in der jetzigen Situation schweigt, sagt:,Ich will, dass die Leute in den Wäldern vor Polen sich von Blättern ernähren, bis erst die Kinder in den Armen der Erwachsenen sterben und dann alle erfrieren.'“ Ist das nicht übertrieben?

So ist die Situation. Es gibt Berichte, die genau das schildern, und es sind diverse Menschen erfroren in den letzten Tagen. Alle, die nicht aktiv werden, die nicht täglich ihre Empörung zeigen, machen sich mitschuldig.

Sie waren nicht an der Grenze?

Nein. Ich war in diesem Jahr zwei Mal mit Seawatch auf dem zentralen Mittelmeer und bin erst vor drei Wochen wieder gekommen. Außerdem bin ich verletzt, weil ich bei einem Rettungseinsatz zwischen das Schiff und ein kleineres Boot geraten bin. Außerdem muss ich zwischendurch auch mal arbeiten.

Was arbeiten Sie?

Ich bin Binnenschiffer. Mit Tankschiffen fahre ich Diesel zu anderen Schiffen, hauptsächlich im Hamburger Hafen.

Wie kamen Sie zum Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer?

Seit ich denken kann, wurde ich von meinen Schwestern dazu gebracht, ein linker Aktivist zu sein, ich war schon immer aktiv. Seawatch war in Hamburg schon präsent, bevor sie bekannt wurden, weil das erste Rettungsschiff hier umgebaut wurde. Ich bin da bei der Arbeit immer vorbeigefahren und habe mir gedacht: Schifffahren kann ich ja. Im November 2016 bin ich dann auf meine erste Mission gefahren.

Wie haben die Einsätze Sie verändert?

Ich bin keine ausgebildete Rettungskraft und man wird da nicht psychologisch drauf vorbereitet. Das Schlimmste ist: Das Leid dieser Menschen ist kein Unfall, es ist politisch gewollt. Bei jedem Einzelnen, dem ich an Bord helfe, denke ich: Eigentlich wollen in Europa alle, dass du stirbst, oder es ist ihnen zumindest egal. Ich frage mich, was die Menschen so sehr von uns unterscheiden soll, dass sie kein Leben verdient hätten.

Wie kommen Sie im Alltag mit solchen Gedanken klar?

Ich beschäftige mich mehr mit meiner Verantwortung für die Gründe, aus denen diese Menschen fliehen. Sie fliehen ja aufgrund unseres Lebensstils. Wir holen Rohstoffe aus der Erde, scheißen die Welt mit Elektromüll zu und machen auf dem Rest der Welt das Leben unmöglich, weil es uns hier so gut geht. Ich glaube, ich war früher mal besser gelaunt.

Sie klingen nicht wie jemand, der viele Erwartungen in Regierungen und Parlamente setzt. Warum appellieren Sie dennoch an Peter ­Tschentscher?

Das stimmt, Po­li­ti­ke­r*in­nen haben immer wieder bewiesen, dass da nichts zu erwarten ist. Zuletzt, als nach dem Brand in Moria ein Großteil der Par­la­men­ta­rie­r*in­nen dagegen gestimmt hat, die Menschen aufzunehmen. Das Behindern der Seenotrettung sagt ja auch einiges. Aber ich will nicht ohnmächtig dasitzen und nichts tun. Wenn ich Tschentscher dazu bringe, fünf Minuten nachzudenken, habe ich vielleicht schon etwas bewirkt, und wenn ich ihn nicht erreiche, erreiche ich vielleicht jemand anderen, der mit seiner Familie diskutiert, Geld spendet oder sich in einer NGO engagiert.

Sie haben auch eine persönliche Verbindung zur SPD: Ihre Tante war eine Hamburger SPD-Prominenz, ihr Bild hängt im Rathaus. Wer war sie?

Paula Karpinski, ich nannte sie Tante Paula, obwohl sie die Tante meiner Mutter war. Sie hat in drei Jahrhunderten gelebt, von 1897 bis 2005. Sie ist 107 geworden und war immer politisch aktiv, immer in der SPD. Irgendwann ist sie mal wegen Kriegskrediten ausgetreten, dann aber wieder eingetreten.Sie war im KZ und hat vorher in der SPD-Zentrale noch schnell Mitgliederlisten vernichtet, bevor das Büro durch die Gestapo gestürmt wurde. Damit hat sie wahrscheinlich Menschenleben gerettet.

1946 wurde sie die erste weibliche Senatorin Hamburgs und damit die erste Frau in einer Landesregierung.

Wenn Tschentscher im Rathaus an ihrem Bild vorbeigeht, soll er darüber nachdenken, wie unglücklich sie mit der Situation wäre. Ich glaube, jemand, der Mitgliederlisten verbrennt, um Leute vor dem KZ zu retten und selbst im KZ war, weiß, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem Leute fliehen müssen. Diese Politik des Wegschauens und Schweigens heutzutage hätte ihr sicher nicht gefallen. Heute haben wir nicht mehr die Ausrede, die im Dritten Reich gern benutzt wurde: „Wir wussten ja nichts.“ Alle wissen,was im zen­tralen Mittelmeer, in den griechischen Lagern und an der belarussisch-europäischen Grenze passiert.

Wer sich engagiert, um zu helfen, muss manchmal teuer dafür bezahlen. Sie warten gerade auf Ihren Prozess in Italien. Was wirft man Ihnen vor?

Ich bin neben vielen anderen wegen Beihilfe zur illegalen Einreise angeklagt. Von 2016 bis 2021 wurde gegen uns ermittelt, im März wurde Anklage erhoben. Wir rechnen damit, dass es Anfang nächsten Jahres losgeht.

Was droht Ihnen?

Ein verdammt langer Prozess, vielleicht fünf Jahre Verhandlungen. Die Höchststrafe sind 20 Jahre Haft. Plus 11.000 Euro Strafe pro Person, der man geholfen hat, illegal einzureisen.

Fuck.

Es geht um meine Zeit auf dem Schiff „Iuventa“ bei „Jugend rettet“. Wenn sie uns in Sippenhaft nehmen und für alle verantwortlich machen, die die Iuventa gerettet hat, wären das über 14.000 Leute. Aber man weiß nicht, ob sie das machen, wir haben es mit verrückten Faschisten zu tun. Die Geldfrage ist allerdings meine geringere Sorge.

Gab es schon vergleichbare Urteile?

Noch nicht gegen Aktivist*innen. Aber es werden ständig Geflohene verurteilt. Von fast jedem Boot, das gerettet wird, kommen ein oder zwei Geflohene vor Gericht, weil sie am Motor saßen. Das sind keine Schmuggler, die saßen da zufällig oder der Schmuggler hat ihnen eine Knarre an den Kopf gehalten und gesagt „Du fährst jetzt.“ In Italien sind über 1.400 Leute deswegen im Gefängnis.

Wegen Beihilfe zur illegalen Einreise?

Genau. In Griechenland ist es noch schlimmer, da sind die Haftstrafen absurd hoch. Vor Kurzem wurde wieder jemand zu 248 Jahren Haft verurteilt, dazu kommen oft 40.000 bis 80.000 Euro Strafe. Ein solcher Prozess gegen einen Refugee dauert im Schnitt 28 Minuten.Es geht darum, Migration zu kriminalisieren.

Haben Sie Angst vor Ihrer Strafe?

Ich bin nicht der Held, der keine Angst vorm Gefängnis hat. Aber bis ein Urteil rechtskräftig wird, werden vielleicht noch 15 Jahre vergehen, wir werden ja in Berufung gehen. Das ist zu lange, um mir jetzt Sorgen zu machen. Wenn ich ins Gefängnis gehe, werde ich viel Solidarität und Aufmerksamkeit bekommen, ich werde Gehör in der Öffentlichkeit finden. Viele, die jetzt wegen des gleichen Vorwurfs im Knast sitzen, haben das nicht.

Was hilft Ihnen, wenn die Angst trotzdem kommt?

Ich habe oft genug mit Menschen gesprochen und Berichte aus lybischen Lagern gelesen, um zu wissen: Jeder einzelne Mensch, den du vor einem solchen Lager bewahrst, ist es wert, dafür eine Gerichtsverhandlung zu riskieren oder ins Gefängnis zu gehen. Ich werde im Knast nicht gefoltert. Nach einer Haftstrafe kann ich mein Leben weiterleben. Andere werden danach abgeschoben. Deswegen: Angst? Nein.

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