: Härte durch hartes Training
Shani Hadar hat das Hamas-Massaker im Oktober 2023 schwer verletzt überlebt. Sie ist überzeugt von der lebenserhaltenden Kraft von Fitness
Aus Tel Aviv Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
Shani Hadar ist Fitnesslehrerin. In einem kleinen Straßencafé im Norden Tel Avivs berichtet sie vom 7. Oktober 2023. Erst am frühen Morgen, gegen 6 Uhr, wie sie sich erinnert, waren sie und eine Freundin mit ihrem Kleinwagen beim Nova-Festival im südlichen Israel eingetroffen, nahe dem Gazastreifen. Dort sahen sie schwer bewaffnete Männer, keine 100 Meter von ihrem Auto entfernt. Um 6.29 Uhr begann der Angriff der Hamas. Hadar und ihre Freundin ergriffen die Flucht. Sie rasten mit ihrem Wagen runter von der Hauptstraße und quer durch die Felder.
16 Kilometer weit kamen sie, bis an die Kreuzung, wo man zum Kibbuz Mefalsim abbiegen kann. Dort sahen sie Autos, die in Schlangenlinien fuhren. „Ich dachte zunächst, die Fahrer seien betrunken“, erinnert sich Hadar. Manche Autos hatten kaputte Fensterscheiben. „Wir dachten, dass vielleicht Raketen die Autos getroffen hatten.“ Doch es waren aus Gaza eingedrungene Terroristen, die auf vorbeifahrende Autos schossen.
Heute, auf einer Journalist*innenreise der „Europe Israel Press Association“ sieht die Kreuzung wieder so aus wie vor dem 7. Oktober. Nur ein nah gelegener Schutzbunker erinnert an das Massaker. Er wurde in ein Mahnmal verwandelt – mit Dutzenden Kerzen, Fotos, Aufklebern, und Erinnerungsstücken an junge Menschen, deren Leben hier ein brutales Ende fand.
Hadar weiß heute, dass es nach ihr niemandem mehr gelang, hier mit dem Auto lebend durchzukommen. „Als wir so über das Feld rasten, hörten wir, wie Kugeln mein Auto trafen. „Plötzlich fühlte ich etwas, das sich anfühlte wie ein Feuerball, der in meinen Körper drang.“ Blut überströmte sie. Zwei Kugeln hatten die 35-Jährige an der rechten Schulter getroffen. Dennoch trieb Hadar ihren Wagen weiter, so lange sie nur mit ihrer linken Hand steuern konnte.
Die Reifen waren zerfetzt. So endete die Flucht zunächst in einer Mulde des Feldes, der Wagen war so nicht leicht zu entdecken. „Wir rechneten trotzdem mit dem Schlimmsten, beteten das ‚Schma Israel‘ und hörten Schüsse und Explosionen überall um uns herum, sahen Rauch in der Ferne.“ Als eine Drohne der Hamas später die beiden Frauen aufspürt, werden sie noch einmal angegriffen, doch die Schüsse verfehlen ihr Ziel.
Nachmittags starten sie auf telefonischen Rat eines Polizisten noch einmal ihr Auto und fahren weiter, bis sie auf israelische Soldaten stoßen. Bis Hadar mit Hilfe eines Krankenwagens das Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem erreicht, ist es 19 Uhr. Hadar hat nun knapp zehn Stunden mit einer riesigen Wunde überlebt. Im Krankenhaus wird sie sofort operiert. Sie zeigt der taz ein Foto: Eine der Kugeln traf ihren Oberarmknochen und splitterte nach oben, wo sie ihre Schulter zerstörte und das Muskelgewebe zerriss. Das Foto zeigt eine sehr große offene Kluft an ihrem Arm, Knochen liegen frei. „Wir hatten die Wunde nur notdürftig mit unseren Partykleidern verbunden“, berichtet sie. Binnen 18 Tagen wurde sie vier Mal operiert.
Für Shani Hadar gibt es einen besonderen Grund, warum sie entkommen konnte. „Dass ich heute lebe“, sagt sie, „liegt an der Tatsache, dass ich vor dem Angriff auf meinem höchstmöglichen Fitnesslevel war.“
Hadar erzählt von ihrem Leben: dass sie als älteste von acht Kindern zu einer Art Ersatzmutter wurde, dass sie schon früh selbst Mutter wurde, dass ihre Ehe scheiterte und dass sie bald mit ihrer Tochter auf sich alleine gestellt war. „Mein damaliger Mann wollte eine kleine Frau, die zu Hause sitzt und über die er bestimmen kann“, schimpft sie. Dann erwähnt sie, dass sie als Jugendliche Übergewicht hatte. „Schon als junge Mutter begann ich mit Sport, darunter Aerobic-Kickbox-Training. Das schenkte mir Selbstvertrauen, und es gab mir Zeit für mich selbst.“
Fünfmal pro Woche treibt sie Sport. Da ermuntert ein Trainer sie zur Ausbildung als Fitnesslehrerin. Hadar legt Prüfungen ab und trainiert ihren Körper. Ein Handyfoto zeigt, wie sie kurz vor dem 7. Oktober aussah: ohne ein Gramm Körperfett, definierte Muskeln überall. „Mein Chirurg konnte nicht glauben, dass die Kugel nicht durch den Knochen ging. „Dann hätte sie mein Herz getroffen.“ Hadar ist sich sicher, dass harte Knochen Resultat ihres Trainings sind.
Shani Hadar
Und nicht nur das. „Als ich im Rettungswagen zum Krankenhaus fuhr, konnte es der Sanitäter nicht fassen, dass mein Puls völlig normal war, trotz meines hohen Blutverlustes“, berichtet sie. Zudem habe sie ja die Schmerzen aushalten können. „All das ist meinem damaligen Fitnesslevel zuzuschreiben.„Nach ihren Operationen nimmt Hadar wieder ein intensives und schmerzvolles Rehabilitationsprogramm auf. Ihre früheren Trainer sprechen ihr Mut zu.
Einiges davon dokumentiert sie auf Instagram. Hadar glaubt, dass der Sport auch aus anderen Gründen elementar für sie war. „Du erkennst, dass du mehr schaffen kannst, als du glaubst. Du erkennst aber auch deine Grenzen.“ Dies zu verstehen, sei jedoch nur zum Teil körperliche Arbeit, sondern auch geistige. „Es liegt auch daran, dass ich nach meiner Scheidung mein Leben intensiv überdacht hatte.“ Hadar spricht vom zielorientierten Denken, von positiver Vorstellungskraft und dass Gott wollte, dass sie mehr erreicht. „Du musst dich fragen, was ist gut für dich und deinen Körper?“ Hadar macht sich ständig Notizen darüber, was ihr auffällt, was sich bei ihr verändert, wie der Sport ihr hilft. Vielleicht wird daraus ein Buch. Nachdem der Sport und ihre Fitness ihr in ihrem Leben so sehr geholfen haben, und nachdem sie die lange Rehabilitationsreise hinter sich hat, will sie nun andere davon überzeugen, was alles möglich ist, wenn man an seinem Körper arbeitet.
Plötzlich dreht sie ihre rechte Schulter und schiebt den rechten Unterarm hinter ihren Rücken. „Dass ich das wieder kann, hat niemand mehr für möglich gehalten. So habe ich sogar mein Rehateam überzeugt“, lacht sie. Bereits vor dem 7. Oktober hat sie als Fitnesstrainerin fast ausschließlich mit Frauen und Mädchen gearbeitet, meist mit Müttern. „Es sind sie, die am ehesten Ermutigung brauchen.“
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