HSV in der Bundesliga-Relegation: Alles auf Volkspark
Nach dem 0:3 gegen Stuttgart gibt sich HSV-Trainer Tim Walter kämpferisch. Er appelliert an die Mannschaft, die Fans und die Tradition des Clubs.
„Normal isch mehr los“, spöttelte HSV-Trainer Tim Walter über den überschaubaren Besuch der Pressekonferenz, und es klang nach Galgenhumor. „Klar, isch Sonntag, ne?“, schob er jedoch eilig eine Erklärung hinterher. Denn dass auch die Presse den Hamburger SV nach dem deftigen 0:3 im Hinspiel beim VfB Stuttgart bereits abgeschrieben haben könnte – das darf nicht sein.
Es ist Walters Job in diesen Tagen, die Hoffnung am Leben zu halten, bis zum Ende. Die Hoffnung darauf, dass seiner Mannschaft ein Wunder gelingen könnte. Denn nichts anderes wäre es, wenn sie am Montagabend im Volksparkstadtion das Rückspiel der Relegation mit dem nötigen Abstand von vier Toren gewinnen und damit im fünften Anlauf doch noch die Rückkehr in die Erste Fußball-Bundesliga schaffen würde.
Nicht etwa, weil so etwas grundsätzlich unmöglich ist: Das hat am Freitagabend der Drittligist SV Wehen Wiesbaden gezeigt, der Arminia Bielefeld mit 4:0 aus dem Stadion und damit ganz dicht an den zweiten Abstieg in Folge schoss.
Aber dieser HSV? Gegen diese Stuttgarter? Dazu gehört eine Menge Fantasie. Die immerhin hat Walter: Im desaströsen Hinspiel wollte er gesehen haben, dass der HSV „auch unsere Momente gehabt“ habe. Vermutlich meinte er damit jene seltenen Situationen, in denen seine Spieler für mehr als ein paar Sekunden mitsamt Ball die Mittellinie überquerten.
Ein Klassenunterschied
Dass sie mit dem 0:3-Endstand sehr, sehr gut bedient waren, sagte Walter nicht. Ebenso wenig, dass die Stuttgarter zahlreiche Großchancen vergeben hatten und dass nur eine herausragende Leistung von HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes inklusive eines gehaltenen Elfmeters ein Debakel verhindert hatte.
Auf die Frage, ob man einen Klassenunterschied gesehen habe, reagierte Walter dünnhäutig „Scheint so – ihr habt eure Lösung schon gefunden.“ Und sagte wenig später selbst: „Wir sind mittlerweile ein ganz normaler Zweitligist“, was den Kader angeht, mit Stuttgart also nicht zu vergleichen.
Deutlich wurde das, als Walter einen seiner wenigen Leistungsträger aus dem Hinspiel lobte: „Miro Muheim hat gegen einen pfeilschnellen Josha Vagnoman ein gutes Spiel gemacht.“ Dieser Vagnoman ist Hamburger, gehörte vor einem Jahr noch zu Walters Team. Der HSV musste ihn wegen Geldmangels nach Stuttgart verkaufen, schon damals nicht gerade eine Top-Adresse der Bundesliga.
Und dann ist der HSV eben auch wieder kein ganz normaler Zweitligist: Seit Monaten kommen alle zwei Wochen 57.000 Fans in den Volkspark und pushen die Mannschaft. Auch das Relegationsrückspiel ist längst ausverkauft. Auf dem Publikum ruhen auch Walters Hoffnungen: „Wir werden versuchen, alles rauszuhauen – dann kommt die Nord, der Osten, der Süden, der Westen.“
HSV-Trainer Tim Walter
Vorher ist ein Geheimtraining angesetzt. Nur um den nach zwei Metallica-Konzerten in der vergangenen Woche neu verlegten Stadionrasen zu testen, sagte Walter mit sibyllinischem Blick. Er bereite keine taktische Überraschung vor, behauptete er steif und fest.
Dabei hatte Stuttgart den letzten Beweis dafür erbracht, dass Walters Ballbesitzfußball gegen technisch einigermaßen versierte Teams aussichtslos ist. Sein Festhalten daran ist sein größtes Problem und sicherlich zentrales Thema einer Saisonanalyse, in der Walter infrage gestellt werden wird.
Gefragt, ob dafür zuletzt überhaupt Raum gewesen sei, antwortete Walter mit einer Hommage an seinen Club: „Das machen wir schon die ganze Zeit nebenbei, denn wir sind professionell – seit 1887“, dem Gründungsjahr des Vereins. Das klang wie ein letztes Beschwören der Gemeinsamkeit – aber auch schon eine Spur wehmütig. Wenn er damit recht hätte, wäre der HSV kein Zweitligist.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert