: Guter Stoff
Kittelschürzen sind mehr als nur ein Kleidungsstück: Sie rufen Erinnerungen und Gefühle hervor, weiß die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Reis. Für die Gegenwart aber könnten sie doch etwas Upcycling vertragen
Von Esther Geißlinger
Sie ist ein denkbar schlichtes Kleidungsstück: Löcher für Kopf und Arme, unten offen, vorn eine Knopfleiste, aus dünnem Stoff, manchmal bunt, manchmal einfarbig. Heute ist die Kittelschürze – so heißt die knielange, an ein Kleid erinnernde Form des Kittels – weitgehend aus dem Alltag verschwunden. Aber in vielen Familien leben Erinnerungen an Großmütter oder Tanten weiter, die Kittelschürzen trugen. Deren Geschichten und die Kittel selbst gelte es zu bewahren, meint die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Stefanie Reis. Sie forscht, angeregt durch ihre eigene Familiengeschichte, seit einigen Jahren zu Kittelschürzen und hat inzwischen einen Fundus aus mehr als 200 Stück angesammelt.
Seither erlebt sie immer wieder den „Kittel-Effekt“: „Wenn ich davon erzähle, bekommen viele Leute so ein Leuchten im Gesicht – man merkt, die Menschen reagieren auf das Thema, es ruft Erinnerungen, Bilder, Gefühle hervor.“
Das stellte auch die Modedesignerin Mareen Heinz fest, die sich 2017 für das Kunstprojekt „Strodisign“ mit den Kittelschürzen in der DDR befasste: „Am interessantesten empfinde ich die positive sowie negative Polarität, die von diesem Arbeitskleid ausgeht“, schrieb sie in ihrem Blog „Ms Hey“. Dort definiert sie auch die Merkmale einer typischen Kittelschürze. Sie bestehe „aus pflegeleichtem und strapazierfähigem Material und hat immer mindestens eine aufgesetzte Tasche. Zu verschließen ist sie mit Knopfleiste vorn oder hinten, Bändern zum seitlichen Zubinden, zum Wickeln sowie manchmal mit Reißverschluss. Sie kann zusätzlich einen taillenbetonenden Gürtel haben oder rückwärtig mit der so genannten Arschtrage ausgestattet sein.“
Mit dem Projekt „Strodisign“, das 2016 im Dorf Strodehne im Havelland (Brandenburg) startete, wollten Heinz und ihre Mitstreiterinnen die „Kittelschürzen ins Heute holen, eben weil Kittel wie kaum ein anderes Kleidungsstück das Klischee für ländliche Kleidung verkörpert und entsprechend polarisierend wirkt“, heißt es auf der Projekthomepage. „Ihre Gegner verachten sie als Merkmal eines rückständigen (Haus-)Frauenbildes, ihre Befürworter finden sie praktisch, erfreuen sich an ihren bunten Mustern und ihrer heimlichen Sinnlichkeit oder schätzen sie, weil sie ähnlich einer Uniform ihre TrägerInnen gleichstellt.“
Fashion Week
Selbst wenn die Kittelschürze etwa in den Farben und Mustern immer auch der Mode und ihren Veränderungen unterworfen war, ist sie jetzt bestimmt kein Leitkleidungsstück der Modeindustrie. Insofern wird die Kittelschürze auch auf der noch bis zum 2. Februar dauernden Berlin Fashion Week, wo neue und junge Designs im Fokus stehen sollen, eher kein Thema sein.
Frauen im Kittel
Kittelschürzen satt gibt es dagegen samt ihren Geschichten in der Ausstellung „Frauen im Kittel“ in der Musik- und Kongresshalle Lübeck (MuK): eine „Hommage an gelebtes Leben“, die bis 4. Februar 2026 zu sehen ist.
Das Stichwort Uniform deutet auf die Historie der Kittelschürze hin. Denn auch wenn sie wirkt wie etwas, das schon immer da war, lässt sich ihre Entstehung zeitlich ziemlich genau angeben. Die Kittelschürze stammt aus den USA und sollte im Ersten Weltkrieg eine Standardarbeitskleidung für Frauen sein. Das Schlichtkleid mit Knopfleiste wurde nach Herbert Hoover, dem 31. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Hooverette genannt. Es sollte das kriegswirtschaftliche Haushalten propagieren und der weiblichen Arbeit den Anstrich von Professionalität und Hygiene verleihen.
Von den USA aus trat die Kittelschürze ihren Siegeszug um die Welt an. In Deutschland wurde sie sowohl im Westen als auch im Osten geliebt. Dort sei sie Teil der Basisgarderobe für Frauen gewesen, schreibt Mareen Heinz in ihrem Blog: „Sie wurde von den Arbeiterinnen in den volkseigenen Betrieben getragen, sie war für Garten- und Hausarbeit unerlässlich und Frau konnte sich in ihr auch sehen lassen, wenn sie schnell einmal zur HO-Kaufhalle ging. Die Kittelschürze konnte anstelle eines Kleides getragen oder darüber angezogen werden, um die Garderobe vor Verschmutzungen zu bewahren. Sie war in jeder Hinsicht praktisch.“
Im Westen kam die Kittelschürze in den 1950er Jahren in Mode und blieb vor allem auf dem Land lange Teil der Alltagsbekleidung. Stefanie Reis stammt aus Kirchheimbolanden (Rheinland-Pfalz) und kannte ihre Großmutter fast nur in Kittelschürze. Nach deren Tod habe sie beim Ausräumen des Hauses eine Tante gefragt, ob sie einige Kittel mitnehmen dürfe, berichtet die 46-Jährige: „Dann saß ich in der Bahn und hatte keine Ahnung, was ich mit ihnen anfangen sollte.“ Bei einer Feier einige Monate später lud sie die Gäst:innen spontan zu einer Modenschau ein – und erlebte den „Kittel-Effekt“.
Aktuell zeigt sie mit ihrer Projektpartnerin, der Modedesignerin und Upcyclingexpertin Simone Graber, eine Ausstellung in der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) unter dem Titel „Frauen im Kittel“. Dort sind Kittel zu sehen, die von Privatleuten aus dem Lübecker Umland eingesandt wurden, oft zusammen mit Fotos und Berichten über die Trägerinnen.
Vom Erfolg der Ausstellung ist Reis selbst überrascht: „Bei der Eröffnung war der Saal voll, und nach kurzer Zeit ist es sozusagen Stadtgespräch geworden.“ Parallel hat sie einen Podcast gestartet. Unter dem Motto „Im Kittel mit …“ will Reis darin mit Menschen sprechen, die mit Kitteln zu tun haben. Darunter ist auch der Inhaber eines Lübecker Geschäfts für Berufsbekleidung. Vor allem sollen Frauen zu Wort kommen, die im Alltag Kittel tragen oder getragen haben. „Es kommt jetzt darauf an, die Zeitzeug:innen zu sichern, mit den letzten Kittelträgerinnen zu sprechen und es aufzunehmen“, sagt die Kulturwissenschaftlerin.
Denn deren Zahl schwindet, was sich auch auf der Seite der Angebote widerspiegelt. Bereits 2009 schrieb der Tagesspiegel vom Verschwinden der Kittelschürze von den Seiten der damals noch gedruckten Kataloge der großen Versandhäuser. Quelle etwa zeigte 1993 noch zwei Doppelseiten mit Kittelschürzen und ähnlichen Modellen wie Kasack, Hauskleid oder Vorbindeschürze. 2009 fanden sich im Hauptkatalog keine Kittel mehr. Im aktuellen Internetangebot des Otto-Versands sind unter dem Stichwort Kittelschürze nur noch eine Handvoll Modelle zu finden, darunter Karnevalsverkleidungen für Männer, die sich als „Putzfrau/alte Oma“ verkleiden wollen. Die Alltagsschürzen kosten rund 30 Euro – für diese Summen können sich Kundinnen auf den Plattformen der Fast-Fashion-Hersteller komplett neu einkleiden.
Gleichzeitig entdecken Modefirmen die Kittel neu: Designerin Miuccia Prada schickte zur Paris Fashion Week im Dezember 2025 Models, darunter die Schauspielerin Sandra Hüller, in Kittel- und Arbeitsschürze auf den Laufsteg. Laut den Shownotes will die Frühjahrs- und Sommerkollektion der Marke Miu Miu damit auf die Arbeit von Frauen und ihre Unsichtbarkeit hinweisen. Die Schürze werde „als universelles Symbol für Arbeit mit Würde und Respekt behandelt“.
Stefanie Reis sieht den aktuellen Hype um die Schürze mit gemischten Gefühlen. Auch sie liebt die Schönheit und das Design vieler alter Kittelschürzen. „Aber mir geht es nicht um Mode und glatte Oberflächen, sondern um die gebrauchte Kleidung.“ Denn die ließe sich auch verändern und per Upcycling in etwas Neues verwandeln. Generell stehe der Kittel für Nachhaltigkeit, sagt Reis. „Sie schonen auf pragmatische und gleichzeitig modische Weise die Kleidung darunter. Das ist eine Lösung, über die wir gerade in Zeiten von Fast Fashion nachdenken sollten.“
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