Grundstück-Deals in Hamburg-Altona: Stadt im Griff der Spekulanten

Auf einem Brauereigelände in Altona soll ein neues Quartier entstehen – zu dicht und zu teuer, finden Anwohner. Zudem sei der Investor unseriös.

Blick über einen Zaun auf eine Gebäudeflucht, links mit großen Plakaten versehen

Hier sollte eigentlich schon längst gebaut werden: Holsten-Grundstück in Altona Foto: Marcus Brandt/dpa

HAMBURG taz | Das Zentrum von Hamburg-Altona wird rendite-gierigen Immobilien-Haien zum Opfer fallen. Dieses Szenario befürchtet eine Anwohnerinitiative für den Fall, dass die Bezirksversammlung ihre Unterschrift unter einen städtebaulichen Vertrag mit dem Eigentümer, der jüngst in die Schlagzeilen geratenen Adler Group, setzt. „In dieser Situation mit diesem Investor einen städtebaulichen Vertrag abzuschließen, wäre völlig verantwortungslos“, sagte Theo Bruns von der Anwohnerinitiative „Holsten knallt am dollsten“ auf einer Pressekonferenz am Montag.

Der Name spielt darauf an, dass es um das ehemalige Gelände der Holsten-Brauerei geht, ein Riesengrundstück in Sahnelage unweit des Altonaer Bahnhofs. Der Hamburger Senat hatte der Carlsberg-Brauerei, der Holsten seit einigen Jahren gehört, freie Hand beim Verkauf gegeben im Gegenzug dafür, dass der Konzern weiterhin auf Hamburger Gebiet Bier braut.

Für gut 150 Millionen Euro ging das Grundstück 2016 über den Tisch. Inzwischen ist es dreimal weiterverkauft worden, zuletzt für 320 Millionen Euro. Grunderwerbsteuer konnte der Stadtstaat dabei nicht einziehen, denn das Eigentum wanderte durch Firmenbeteiligungen, sogenannte share deals, von einer Hand in die andere. Nach Angaben der Zeit hat der aktuelle Eigentümer, die Adler Group, das Grundstück in seinem jüngsten Quartalsbericht noch einmal um 44 Millionen Euro höher veranschlagt.

Adler hat gute Gründe, den Wert des Hamburger Grundstücks hoch zu veranschlagen, denn die Aktie des Unternehmens ist im Oktober abgestürzt. Die Firma war von dem Spekulanten Fraser Perring angegriffen worden. Der aggressive Investor warf Adler vor, die eigenen Immobilien und Projekte mit einem zu hohen Wert zu veranschlagen. Außerdem seien die Fusions- und Übernahmeaktivitäten der Gruppe undurchsichtig. Adler hat die Vorwürfe zurückgewiesen. An das Holsten­areal kam die Gruppe, indem sie sich den Grundstückseigentümer Consus einverleibte. Consus tritt weiterhin als Vertragspartner der Stadt auf.

Heike Sudmann, Linke

„Je teurer das Grundstück, desto höher die Mieten“

Heike Sudmann, Bürgerschaftsabgeordnete der Linken, findet, diese Nachrichten seien Grund genug, die Zusammenarbeit mit Adler/Consus in Frage zu stellen. „Was muss noch passieren, damit der Senat dieser Spekulation rund um das Holstenareal endlich den Riegel vorschiebt?“, fragt Sudmann mit Blick auf das schlechte Investment-Rating der Gruppe.

Schon allein die Aussicht auf einen rechtskräftigen Bebauungsplan steigere den Grundstückswert. Dabei gelte: „Je teurer das Grundstück, desto höher die Mieten.“ Mit der Verabschiedung des Bebauungsplans und der Unterschrift unter dem städtebaulichen Vertrag würde der Senat also die weitere Spekulation befördern, warnt die Linken-Abgeordnete.

Die Folgen der Spekulation treiben auch die Anwohner­initiative um. Die hohen Mieten passten nicht zu den Bedürfnissen der wohnungssuchenden Hamburger. Außerdem strahlten sie in die Nachbarviertel aus und drohten diese verstärkt zu gentrifizieren.

Das neue Quartier werde zu hoch und zu dicht mit zu wenig Grün geplant. Und der städtebauliche Vertrag, mit dem die Stadt einen Anteil an Sozialwohnungen, mietpreisgebundenen Wohnungen, Baugemeinschaften und öffentlicher Infrastruktur wie einem Kindergarten festschreiben will, sei zu kompliziert, um handhabbar zu sein. „Das ist irrsinnig umfangreich“, räumt der Altonaer CDU-Fraktionschef Sven Hielscher ein. Er sieht aber keinen anderen Weg, um die Wünsche der Bezirksversammlung zu verwirklichen.

Die Bürgerini ist ohnehin mit dem Verhandlungsergebnis unzufrieden und fordert die Bezirksversammlung auf, die Unterschrift zu verweigern und den nötigen Bebauungsplan nicht zu beschließen. Der Stadtplaner Andreas Pfadt bezeichnete das als möglich. Die Vorfestlegung über den Vertrag beeinträchtige die vorgeschriebene Abwägung öffentlicher und privater Belange im Bebauungsplanverfahren. Nach den langen Verhandlungen mit Consus vom ausformulierten Vertrag zurückzutreten, hielte er für „unhanseatisch“, sagte dagegen Hielscher.

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