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Glitzer und Schimmel

Der Undergroundfilmemacher Smith verachtete die Kunstwelt und wurde mit rauschhaften Performances und Filmen berühmt

Von Frédéric Valin

Die Kunst, ist sie noch zu retten? Diese Frage stellte sich zu allen Zeiten; sie ist es vor allen anderen, die Künst­le­r*in­nen zur Arbeit antreibt. Jack Smith, der große Underground-Filmemacher der 60er und 70er Jahre, drehte seinen Film „Kino ’74 – Jack Smith“ im Kölner Zoo und forderte von den Museen, bis fünf Uhr früh offen zu haben und endlich etwas Interessantes zu zeigen. Dann überreichte er den Menschenaffen Werbeprospekte für eine Ausstellung mit dem Slogan „Kunst bleibt Kunst“. Die Affen begutachteten die Flyer interessiert und fraßen sie auf.

Diese Episode stammt aus dem neuen Band „What’s Underground About Marshmallows?“, der Texte von und über Jack Smith versammelt. An Smiths historischer Bedeutung kann es keinen Zweifel geben: Er ist eine emblematische Figur der amerikanischen Performance. Andy Warhol nannte ihn die „einzige Person, die ich je kopieren würde“, und Richard Foreman sah in Smith „die geheime Quelle für praktisch alles, was im sogenannten experimentellen Theater Amerikas relevant ist“.

Smith selbt hätte solches Lob vermutlich abgelehnt. Dabei hätte ihm sein Film „Flaming Creatures“ von 1963 alle Wege geebnet. Besondere Berühmtheit erlangte das Werk wegen einer Szene, die mit „asexueller Orgie“ vielleicht am ehesten umschrieben ist; tatsächlich ist diese Sequenz aber mehr ein Tohuwabohu an Körperteilen, Spitzenkleidern, Glitzer, Tüll und sanften Formen. Nichtsdestotrotz verboten die Behörden den Film wegen Pornografie, was Smith eine gewisse Bekanntheit in Kunstkreisen verschaffte.

Marc Siegel (Hrsg.), Jack Smith: „What’s Underground About Marshmallows?“ Texts by and about/Texte von und über Jack Smith. Alexander Verlag, Berlin 2026, 288 Seiten, 35 Euro

Das aber war ein doppeltes Missverständnis: weder ging es Jack Smith um das Schockieren der Autoritäten noch um den Applaus der von ihm verachteten Kunstwelt. „Flaming Creatures ist ein modernes Kunstwerk seltener Art: ein Kunstwerk, in dem es um Freude und Unschuld geht“, konstatiert Susan Sontag, und das kann für Smiths gesamtes Werk gelten. Teil dieser Unschuld ist seine völlige Unbedarftheit und Gleichgültigkeit gegen jede Form der technischen Verfeinerung: um Handwerk geht es ihm nicht, schon gar nicht um Meisterschaft. Es geht um Rausch und Liebe; keine objektbezogene Liebe, sondern eine allgemeine, allen gehörende. Smith begründete hier den Camp mit.

Dem drohenden Ruhm aus falschen Gründen begegnete er so konsequent wie radikal. Fortan stellte er keinen einzigen Film mehr fertig. Stattdessen führte er einzelne Szenen in Sessions vor, die er mit Musik und Dialogen begleitete: LIVE FILM nannte er das. Manchmal tauchten die Schau­spie­le­r*in­nen nicht zu einer Vorführung auf, dann setzte er Leute aus dem Publikum als Dar­stel­le­r*in­nen ein.

Einen besonderen Stellenwert nimmt in seiner Kunst die „moldiness“ ein, der Schimmel oder die Modrigkeit, die bei ihm in Form der Patina auftritt. Es ist aber kein Begriff, den er durchdekliniert, sondern um den er herumassoziiert; beispielsweise in seinen Lobgesängen auf María Montez, einen Kino­star der 1940er Jahre. Von ihr stammt das wundervolle Zitat: „Wenn ich mich auf der Leinwand sehe, wie wunderschön ich bin, schreie ich vor Freude!“

In seinen Texten gibt es eine Unmittelbarkeit, einen liebenswerten Starrsinn

Montez wurden oft ihre begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten vorgeworfen: gerade das aber war für Jack Smith ihre Qualität. Gerade das Ungekünstelte an ihr, das mit einer gewissen Divenhaftigkeit nicht in Widerspruch steht, zog Smith an. Gleichzeitig gibt er sich aber keine Mühe, die Le­se­r*in­nen davon zu überzeugen, dass und wie Montez von Bedeutung sei: Es gibt eine Unmittelbarkeit in seinen Texten, einen liebenswerten Starrsinn, der jenseits aller tradierten Vermittlungstechniken liegt.

Nicht nur war Smith ein Pionier des Camp, sondern auch ein Verfechter des Drag. Beide Komponenten machen ihn heute noch aktuell. Die bedingungslose Liebe, die verspielte Hingabe, die aus Smiths Werk sprechen, sind Anknüpfungspunkte in einer durchtechnisierten Welt voller AI und Transfeindlichkeit. Sein Kunstverständnis lässt sich mit seinen Worten so zusammenfassen: „Was erwarten wir von einem Film? / Kontakt mit etwas, das wir nicht sind, nicht kennen / nicht denken, nicht fühlen, nicht verstehen, / somit: Eine Erweiterung.“

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